Dino Medic
· 17.04.2025
In Wolfsburg passiert gerade etwas. Nachdem die VW-Verhandlungen mit der Gewerkschaft zu einem positiven Abschluss gekommen sind, spürt man: Hier geht’s wieder voran. Schon im Zuge der Betriebsversammlungen zeigte VW Markenchef Thomas Schäfer erstmals das Design eines neuen elektrischen Einstiegsmodells. Eine Kampfansage. Das Modell, auf das im Grunde alle gewartet haben, soll als günstiger Einstieg in die E-Mobilität dienen und vor allem die viel gescholtene Preispolitik von Volkswagen für Einstiegsautos wieder richten. Jetzt präsentierten die Wolfsburger zum ersten Mal das Showcar, die Studie ihres Prestigeprojekts, den ID.EVERY1. Einer, der für alle sein soll und den sich alle leisten können.
„Unser Anspruch: Wir werden bis 2030 unsere Position als der technologisch weltweit führende Volumenhersteller ausbauen. Und zwar als Marke für alle – so wie man es von Volkswagen erwarten darf.“ Das sagt Thomas Schäfer zum neuen Plan, bei dem der ID.EVERY1 die elektrische Speerspitze bilden wird. In drei Schritten soll die Aufholjagd beginnen, welche die E-Mobilität als zentrale Säule der Marke endgültig etablieren soll. Neun Modelle sollen bis 2027 kommen, zwei preisgünstige Varianten stehen dabei im Fokus: die Serienversion des ID.2ALL für 25.000 Euro, der schon als Studie präsentiert wurde und kommendes Jahr erwartet wird, sowie die Serienversion des ID.EVERY1 – Startpreis: 20.000 Euro, Startzeitpunkt: 2027. Beide sind Teil der Electric Urban Car Family.
DIE STUDIE VW ID.EVERY1 ZEIGT: VW KANN AUCH IM EINSTIEGSSEGMENT IMMER NOCH ANGREIFEN
Im Zuge der Vorstellung des ID. EVERY1 wurden nicht nur die ersten Bilder, sondern auch Details und Daten veröffentlicht. Das Auffälligste dabei: das neuartige Design, gleichwohl sich die Spuren des Vorgängers, des VW Up!, nicht leugnen lassen. Die Maße bleiben den Werten im heutigen Kleinstwagensegment treu: Mit einer Länge von 3.880 Millimetern ist der ID.EVERY1 zwischen dem up! (3.600 mm) und dem ID. 2ALL (4.050 mm) sowie seinem aktuellen Verbrenner-Pendant Polo (4.074 mm) positioniert. Zum Vergleich: Frühere Kleinstwagen von VW wie der Lupo hatten 3.527 Millimeter Länge. Innen bietet der neue ID. Flitzer Platz für vier Personen und ein Kofferraumvolumen von 305 Litern. Dazu kommen eine vergleichsweise große Breite von 1.816 Millimetern und eine Höhe von 1.490 Millimetern. Das lässt den kleinen ID.EVERY1 sportlich wirken.
Apropos Wirkung: Das Design beruht laut VW Design-Chef Andreas Mindt auf den drei alten Bekannten Stabilität, Sympathie und der „Secret Sauce“. Mindt beschreibt es so: „Unser Anspruch war es, etwas Mutiges und doch Zugängliches zu schaffen. Der ID.EVERY1 tritt selbstbewusst auf, bleibt aber sympathisch – dank Details wie der dynamischen Frontleuchten und des ‚lächelnden‘ Hecks. Diese Design-Elemente machen ihn zu mehr als nur zu einem Auto. Sie verleihen ihm Charakter und eine Identität, mit der sich Menschen verbinden können.“ Das erkennt man schnell an der breiten C-Säule sowie der Front mit den leicht zugekniffenen Augen als Scheinwerferpaar und der dunklen Partie für Radare und Assistenzsysteme. Vorn wie hinten illuminiert sind die VW Embleme.
Gerade die Dachlinie und die ausgestellten Radkästen mit 19-Zoll-Rädern fallen auf – auch der Kleine steht unter sportlichen Design-Einflüssen. Das „Flying Roof Concept“ senkt in der Mitte das Dach ab, ohne die Kopffreiheit zu beschränken, und baut anschließend im Dachende hinten die dritte Bremsleuchte ein. Auch der goldene Schnitt wird im ID.EVERY1 aufgegriffen: Die in der Silhouette erkennbare 2/5-zu-3/5-Aufteilung zwischen Fensterband und Karosserieflächensoll für eine gewisse Vertrautheit sorgen. Im Inneren hat sich im Vergleich zu anderen ID. Modellen auch einiges getan. Warme und freundliche Farben dominieren den Fond, in dem an vielen Stellen recycelte Materialien Verwendung finden.
250 KILOMETER REICHWEITE UND 70 KW: EIN STADTFLITZER
Auch ein zentraler Touchscreen für das Infotainment ist verbaut. Wichtige Funktionen haben haptische Tasten bekommen – wie Temperatureinstellung, Sitzheizung und Audiolautstärke. Das modern wirkende Zweispeichenlenkrad hat ebenfalls Bedienknöpfe. In der Mittelkonsole finden sich mehrere Ablagen, die sich nach vorn und hinten herausziehen lassen. Das Vorbild dabei: der ID.BUZZ. Die Sitze lassen sich in verschiedenen Varianten umklappen, falls doch einmal mehr Platz benötigt wird. Bei solch kleinen Autos ist der oft ein rares Gut. Doch VW hat durch den neuen Modularen E-Antriebsbaukasten MEB die Maße so gestaltet, dass der ID.EVERY1 trotz geringerer Länge im Inneren mit dem VW Polo vergleichbar ist.
Die Leistungsdaten des Neuzugangs scheinen anständig: Die Studie erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h und wird von einer neu entwickelten E-Maschine mit 70 kW (95 PS) angetrieben – und das als reiner Frontantrieb. Die Reichweite soll bei mindestens 250 Kilometern liegen, für den typischen Stadtverkehr absolut ausreichend. Fraglich bleibt, ob und in welcher Form Schnellladen ermöglicht wird. Eine positive Antwort könnte eine mögliche aufflammende Reichweitenthematik entschärfen.
Die alte Achillesferse, die Software, war auch Thema bei der Vorstellung. Seit einiger Zeit verbessert sich die Situation, doch bei den neuen ID. Modellen soll noch mal eine Schippe draufgelegt werden. So soll der Wagen über den gesamten Lebenszyklus neue Funktionen erhalten können, wenn es seine Benutzer wünschen. Wie diese Software-Aktualisierungen ausfallen und was „Benutzerwunsch“ genau bedeutet, wird die Zeit zeigen. Die Ziele von VW bleiben jedenfalls ambitioniert: Die Position des Weltmarktführers im Bereich der Volumenhersteller ist hart umkämpft. Dass die Wolfsburger jetzt auch das Elektro-Einstiegssegment bespielen wollen, ist ein gutes Zeichen. Bis es jedoch zum Serienmodell kommt, vergeht noch eine Weile. Wir bleiben gespannt.