VW Typ 34 Karmann Ghia 1500 SGroßer Karmann, große Gefühle

Heiko P. Wacker

 · 06.10.2022

VW Typ 34 Karmann Ghia 1500 S: Großer Karmann, große GefühleFoto: Jan Bürgermeister
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Italienischer Schick und deutsche Technik, dazu ein gesalzener Preis: Der große Karmann war schon in den 1960er-Jahren ein ganz besonderes Coupé. Heute ist der Typ 34 eine gesuchte Rarität, vielleicht 250 Exemplare sind noch fahrbereit. Doch nur wenige präsentieren sich in solch makellosem Zustand wie »Schorsch«.

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Foto: Jan Bürgermeister

Der Name mag bodenständig wirken, fast ein wenig banal angesichts dieser sündig schönen Linien. Wer auch nur einen halben Tropfen Benzin im Blut hat, der wird ein Auto wie Schorsch nicht nur einmal umrunden. Sachte wird der Blick über die filigranen Dachpfosten streichen, in Gedanken wird der Zeigefinger die Sicken nachzeichnen. Und schließlich wird man in die Knie gehen, und dem damals teuersten aller Volkswagen tief in die vier Scheinwerfer blicken, die die Front zu einem Solitär der Automobilgeschichte machen. Und Stefan Rösch wird derweil lässig zuschauen – und sich freuen, dass auch andere sein Werk so bewundern.

Verlagssonderveröffentlichung

»Begonnen hat meine Liebe zum 34er allerdings mit einem Crash«, meint er ein wenig zerknirscht. Doch Mitte der 1980er-Jahre war ein alter Karmann, günstig geschossen im Tal der Verbrauchswagen, ein gutes Einsteigerauto. »Na ja, und dann war da diese 90-Grad-Kurve bei Ulm, und hinterher war der Vorderwagen irgendwie verdreht.« Zum Glück blieb Stefan ebenso unversehrt wie die beiden Mädels in ihrem Fiesta, die er mal eben flott aufs Korn genommen hatte. »Zwei Autos waren Schrott – und ich die nächste Zeit gezwungenermaßen Zweiradfahrer.« Heute kann Stefan drüber lachen. »Allerdings würde es mich interessieren, was aus dem Auto wurde. Ich hab das für kleines Geld an einen Schweizer verkauft. Der hatte einen 34er mit Heckschaden, und wollte nun aus zwei halben eine ganze Kiste machen. Vielleicht fährt der Wagen heute ja in der Schweiz, wer weiß?« Falls einer unserer geneigten Leser etwas zum Thema beizutragen vermag, so möge er sich gerne an die Redaktion wenden.

Die Liebe zum Karmann, die blieb indes virulent. »Und irgendwann war klar, dass wieder einer her muss!« Der 40. Geburtstag rückte näher, der Karmann wieder in den Fokus, bis Stefan über ein Inserat stolperte. Ein technisch überholter, mit H-Zulassung geadelter 1500 S stand in der Nähe von Schaffhausen zum Verkauf, und Familie Rösch umgehend zur Besichtigung auf der Matte. »Und dann machte ich den Fehler, noch eine Nacht drüber nachzudenken«, grämt sich Stefan. Denn tags darauf war der Wagen weg.

Ende der Geschichte? Nur scheinbar, denn kurze Zeit später taucht der 34er wieder auf, »zwei Mille teurer, da war ein Spekulant am Werk«. Doch dieses Mal wurde die Sache energisch angegangen, binnen kürzester Zeit rollte der fontanagrau lackierte 1500 S Richtung Schwäbische Alb, am Steuer des Zugfahrzeugs ein glückselig strahlender Besitzer. Und den Aufschlag hatte Stefan dem Verkäufer auch ausgeredet, gut zwölftausend Euro waren ein fairer Tarif – auf dem Tacho standen gerade mal 78.113 Kilometer. Zudem lief der 54 PS starke Boxer, beatmet von zwei Solex-Vergasern, so einwandfrei wie versprochen.

Den großen Karmann gab es anfangs mit 45 PS aus 1.493 Kubik, 1963 kam für zwei Jahre der 54 PS starke Zweivergaser-Motor zum Einsatz, nun sprach man vom 1500 S. 1965 wurde übrigens auch ein »Karmann Ghia 1600 TL« genanntes Schrägheck-Coupé entwickelt – parallel zur Wolfsburger Fließheck-Limousine VW 1600 TL. Jedoch ging dieser Karmann Ghia 1600 TL leider nie in Serie, trotz seiner großen Heckklappe und der umklappbaren Lehne der bequemen Rücksitzbank.

Ebenfalls 1965 erlebte der »Große« dann als Karmann Ghia 1600 L mit 54 PS aus nunmehr 1.584 Kubik seinen Leistungszenit in Kombination mit einer nun auf zwölf Volt erstarkten Bordelektrik, bevor 1969 das jähe Aus des Modells kam. Die Verkaufszahlen nämlich reichten nie an jene des »kleinen« Karmann heran, von dem alleine mehr als 80.000 Cabrios gebaut wurden. Von solchen Zahlen konnte der 34er nur träumen. Nach bescheidenen 42.505 Exemplaren, eine Cabrio-Version war gleich ganz im Prototypen-Stadium versandet, war am 30. Juni 1969 Schluss. Der »Kleine« sollte da noch weitere fünf Jahre gebaut werden, bis der auf dem Käfer basierende Typ 14 im Sommer 1974 dem Scirocco Platz machen musste.

Entsprechend rar ist der mit dem Typ 3 eng verwandte »Groß-Karmann« heute in der Klassikerszene, die geringe Stückzahl und das eigenwillige Design sorgen für eine enorme Exklusivität. Das erkannte auch Stefan, der mit seinem Wagen im August 2011 zum Jubiläumstreffen »50 Jahre Volkswagen Karmann Ghia Typ 34« nach Georgsmarienhütte bei Osnabrück rollte. Von seinem heutigen Zustand war Schorsch freilich weit entfernt, »dabei sein wollte ich trotzdem«, meint Stefan, der zu diesem Zeitpunkt mit einem erst zur Hälfte fertig lackierten Auto in den Norden fuhr. »Recht bald nach dem Kauf war mir einfach klar, dass ich den Schorsch technisch und optisch topfit haben wollte.« Eine grundlegende Revision des Wagens erschien unumgänglich: »Alles in allem hab ich etwa neun Jahre an Arbeit investiert.«

Motor, Fahrwerk, Innenausstattung und die komplex aufgebaute, aus einem Stück gefertigte Karosserie hatten manche Überraschung parat. Eigens wurde ein Rollgestell geschweißt, um den neuralgischen Punkten zu Leibe rücken zu können. Dabei zeigte sich an verschiedenen Stellen, dass der Wagen zeittypisch am Laufen gehalten worden war, Rost wurde folglich nicht beseitigt, sondern mit Blech kaschiert, »alleine am linken, hinteren Radlauf fanden sich fünf Schichten«, schaudert Stefan noch heute. Und auch Rückschläge gab es: »Das Getriebe war knifflig! Ich hab es in meiner Kellerwerkstatt revidiert – und am Ende hatte ich vier Rückwärtsgänge, weil ich das Tellerrad falsch eingebaut hatte! I han gmoint, i krieg an Radi«, älblert Stefan los. Doch selbst über die beiden Wochen, die er sich mit der störrischen Vorderachse abmühte, kann er heute lachen. »Irgendwann kommt ein Kumpel vorbei – und sieht mit einem Blick, dass ich die Achse seitenverkehrt vor mir liegen hatte. Kein Wunder, dass nix passen wollte und schon gar nicht die Tachowelle! Das war zum verrückt werden.«

Heute kann er über solche Missgeschicke schmunzeln, die Arbeiten sind längst abgeschlossen, Schorsch ist ein treuer und zu hundert Prozent zuverlässiger Freund der Familie. »Das sah ich gerade bei unserer Abschlusstour im letzten Spätsommer. Wir haben uns eine richtig große Fahrt durchs Allgäu gegönnt – da merkt man erst einmal, was für ein toller Reisewagen der große Karmann ist.« Sanft streichelt Stefan bei diesen Worten über das zierliche Lenkrad, das er im Sommer 2022 viel häufiger in Händen zu halten gedenkt.

Er und Schorsch haben noch viel vor. Zudem zaubert dieses wunderschöne Automobil auch anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht. Der große Karmann ist eben auch heute noch ein ganz besonderes Coupé.


VW Typ 34 Karmann Ghia 1500 S

  • Baujahr 1965
  • Karosserie 2+2-Sitzer, originales Interieur, Neulackierung im Originalfarbton (Fontanagrau L595), Karosserie an wenigen Stellen geschweißt.
  • Motor Vierzylinder-Boxer, 1.493 ccm, 54 PS bei 4.200 U/min, 106 Nm bei 2.400 U/min, 2 Fallstromvergaser Solex 32-PDSIT-2/3, Originalmotor und Originalgetriebe (Matching Numbers).
  • Fahrwerk Originalfahrwerk, Stahlfelgen 4,5 J 15, Reifen 165/80R15.