VW Limousine ExportDer Geheimnisträger

Heiko P. Wacker

 · 06.10.2022

VW Limousine Export: Der GeheimnisträgerFoto: Michael Calushallmann
VW Käfer Bj 64 aus Belgien
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Ein Käfer, klar! Ein schöner zumal, eine echte Wohltat für die Augen. Stolz steht das perlweiße Schätzchen auf seinen schicken Pneus. Ein klassischer Wolfsburger Krabbler eben, oder? Nö, nicht ganz. Das hier ist ein Belgier!

Er glänzt wie neu, bis ins Detail befindet sich dieser 1964er in Bestzustand. Entsprechend schnell war auch Michael Kiefer von diesem Wagen begeistert. Und das, obgleich er 2015 eigentlich nach einem Roadster vom Schlage eines TR6 suchte.
Foto: Michael Calushallmann

»Ganz großes Kino!« Noch immer staunt Michael Kiefer über seine spontane Begeisterung, als er erstmals vor dem Export-Käfer stand, der da so drollig aus den liegenden Scheinwerfern blinzelte. »Eigentlich juckte mich 2015 ein britischer Roadster, so ein TR6 oder MG-B«, blickt Michael zurück zu jenem Moment vor sieben Jahren, als er sich schon am Volant eines in »British Racing Green« gewandeten Wagens von der Insel sah. Dann allerdings stand er eher zufällig vor dem Helden dieser Geschichte. Und weil auch der 64er stand, zum Verkauf nämlich, war der Roadster mit einem Wimpernschlag vergessen.

Verlagssonderveröffentlichung

Sachte streicht Michael über die Wölbung des vorderen Kotflügels, der wie der ganze Rest des Wagens in »L87 Perlweiß« prunkt, glänzend heben sich die Chromzierden ab, wie es einem Exportmodell gebührt. Stolz wird die Tür geöffnet, »die roten Sitzbezüge erinnern mich immer an die alten Sitze in der Eisenbahn«, freut sich Michael. »Hießen die nicht Silberlinge«, fragt er, während er das Radio vorführt. »Das ist zwar Zubehör, passt aber perfekt«, versichert er mit leicht träumendem Blick. »Hier stimmt einfach alles«, stellt er schlussendlich fest. Man muss ihm zustimmen. Indes stammt der Wolfsburger nicht aus Wolfsburg, gebaut wurde er laut Geburtsurkunde nämlich in Belgien. Das war am 2. Oktober 1964, vier Tage später wurde er in die Niederlande ausgeliefert, um fortan bei unseren Nachbarn durch die Welt zu rollen.

Was er seitdem so alles erlebt hat? Wir wissen es nicht, außer dem originalen Pappbrief aus den Niederlanden blieb nichts erhalten, was Hintergründe zur Historie würde liefern können, »auch zur schon vor einer Weile erfolgten Komplettrestaurierung gibt es weder Bilder noch Infos, schade eigentlich«, bedauert Michael. Immerhin scheinen wohl mal die Endspitzen ersetzt worden zu sein, Schweißnähte deuten darauf hin. »Und auch die Türpappen sind sicher nicht die originalen«, schmunzelt Michael. Doch die Fahrgestellnummer verortet den Geburtsort des Krabblers deutlich nach Westen.

Der Käfer war schon immer ein Global Player, man vergisst dies oft. Doch gerade die sehr früh angegangene Internationalisierung ebnete dem Volkswagen den Weg. Okay, die Anfänge waren bescheiden, doch was stört das! Genau zwei Käfer wagten die Premiere: Die beiden Limousinen wurden in zerlegter Form nach Irland verschifft, um von der »Motor-Distribution Limited« in Dublin zu fahrfähigen Autos zusammengesetzt zu werden. Das war am 11. Oktober 1950. Bis Jahresende wurden insgesamt 48 Brezelkäfer auf diese Weise auf die Grüne Insel verschickt. Und schon am 30. Dezember jenen Jahres vermeldet die VW-Exportabteilung »die ersten guten Erfolge im Überseegeschäft«, da immerhin »179 Limousinen nach Ägypten, 10 Limousinen nach Äthiopien, 123 Limousinen und 5 Transporter nach Uruguay und 328 Limousinen und 2 Transporter in die USA verkauft wurden«, kann man in den »Historischen Notaten, Band 17«, der »Schriftenreihe der historischen Kommunikation der Volkswagen Aktiengesellschaft« nachlesen. Von den exakt 90.038 in jenem Jahr gebauten Autos, der Bulli brachte sich auch schon mit 8.059 Stück ein, wurden 60.769 im Inland verkauft, 29.387 im Ausland, ein beachtliches Verhältnis, das beweist, wie wichtig das frühzeitige Überwinden von Grenzen war. Ob hierbei vor Ort produziert wurde, oder die bekannten CKD-Bausätze verschifft wurden, das war letztlich zweitrangig: Mitunter ließen sich so auch Einfuhrzölle umgehen, wenn zerlegte Baugruppen vor Ort montiert wurden, wie es in Irland, Australien oder Indonesien der Fall war. Zuweilen wurden »Completely Knocked Down«-Elemente auch schon im Ausland gebaut, so kamen die Teile für Peru aus Brasilien. Letztlich egal – wichtig war die Präsenz vor Ort. Und das bringt uns ins Jahr 1954, im Jahr des Wunders von Bern fasst VW Fuß in Belgien.

In Brüssel entstand bereits 1948 die Fabrik »Anciens Établissements D‘Ieteren Frères«, hier wurden zunächst Studebaker gefertigt. Am 7. April 1949 verließ das erste Exemplar die Fabrik, in der dann 1954 das große Krabbeln begann. Bald fertigten die 750 Mitarbeiter täglich unter anderem 75 »Coccinelle«, wie man in Brüssel sagt, technisch wurden Wechsel in Motorisierung oder Karosserie ebenso durchgeführt wie im niedersächsischen Stammwerk. Als am 7. Juni 1970 der einmillionste Käfer aus belgischer Fertigung das Werk verließ, hatte dieser dann auch »stehende« Scheinwerfer. Am Ende kamen laut offiziellen Quellen genau 1.143.664 Exemplare aus Belgien – die Auslandsstandorte betreffend sichert das den dritten Platz nach Brasilien und Mexiko.

»Tja, und einer davon ist nun eben meiner«, freut sich Michael über dieses besondere Stück der Automobilgeschichte, die sich bis in unsere Tage fortsetzt. Während nämlich der Bau des Käfers 1975, nach 21 Jahren also, beendet wurde, startete längst der Passat durch. Die Ära der Studebaker war schon 1960 vorbei, ein Jahr später kam dafür der 356er-Porsche hinzu, auch Iltis, Golf, Lupo oder Polo wurden in Brüssel gefertigt, seit 2020 tritt der Audi E-Tron Sportback in die Fußstapfen des »VW Kever«, wie man vor Ort auch schreibt.

Zurück aus der großen Geschichte des kleinen Krabblers landen wir schließlich wieder im westlichen Münsterland, Michael hat zu einer kleinen Spritztour eingeladen. Sonor pötteln die 34 PS im Heck, »an Tuning hab ich nie gedacht«, versichert der Chef der Motorenschmiede Ahnendorp B.A.S., auch ein geänderter Auspuff ist nicht zu sehen. »Dieser Käfer darf genau so bleiben, wie er ist«, betont Michael, und lässt nach einem elegant genommenen Kreisverkehr den Schalthebel in den vierten Gang flutschen, die Frequenz der durch die bunten Kabel jagenden Zündfunken nimmt merklich zu. Michael schmunzelt, spricht man ihn darauf an: »Nö, das würd ich so nie machen, und auch den Motorblock würde ich nie silbern lackieren. Aber nun ist das nun mal so, und deshalb bleibt das auch so, es gehört zum Fahrzeug, das ist eben eine ehrliche Haut!« Sichtlich mit Vergnügen lässt er den Käfer nun mit gediegenem Tempo durch die Landschaft rollen: »Es macht einfach Spaß, dieses Auto. Es ist sympathisch, es entschleunigt. Ganz großes Kino!«


VW Limousine Export

  • Baujahr 1964
  • Karosserie Karosserie am Heck an wenigen Stellen geschweißt, Neulackierung im Originalfarbton (Perlweiß L87), Interieur zum Teil original (Polsterkombination Kunstleder Gitterrot).
  • Motor Vierzylinder-Boxer, 1.192 ccm, Vergaser Solex 28 PICT-1, 34 PS bei 3.600 U/min, 82 Nm bei 2.000 U/min, originale 6-Volt-Bordelektrik, Motor und Getriebe aufs Baujahr passend. Vermutlich »Matching Numbers«, jedoch nicht verifizierbar.
  • Fahrwerk Originalfahrwerk, Stahlfelgen 4x15, Reifen 155R15.