VW Käfer Cabrio BJ 1957 - Wirtschaftswunder-Luxuswagen

Heiko P. Wacker

 · 21.10.2023

VW Käfer Cabrio BJ 1957 - Wirtschaftswunder-LuxuswagenFoto: Jan Bürgermeister
VW Käfer Cabrio BJ 1957
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Klassiker erzählen stets von der Zeit, in der sie entstanden. Dieses Cabriolet erzählt jedoch noch mehr. Von Sehnsüchten nämlich. Und von den Träumen der Wirtschaftswunderjahre
Gute Fahrt! „Die Zeitschrift für den VW-Fahrer“ vom August 1957 darf natürlich nicht fehlen in einem Klassiker!
Foto: Jan Bürgermeister

Als „Luxuskäfer pur“ bezeichnet Martin Walter sein 1957 gebautes Schmuckstück gerne, und das vollkommen zu Recht. Zum einen ist der Wagen natürlich ein Augenschmeichler. Er ist darüber hinaus aber auch ein Kind jener Jahre, in denen die Nation die düstere Kriegs- und Nachkriegszeit abzuschütteln vermochte. Das, was wir heute als „Wirtschaftswunder“ bezeichnen, war wahrlich eine Epoche des Aufbruchs, eine Zeit der Hoffnungen. Und während viele noch immer auf dem Zweirad zur Arbeit fuhren, da konnten sich andere bereits den Luxus eines eigenen Automobils leisten. Das wurde oft genug von einem luftgekühlten Boxermotor im Heck angetrieben und kam aus Wolfsburg. Ganz klar ist der VW Käfer der Wagen des Wirtschaftswunders – und dieses Cabriolet war bei seiner Auslieferung die Luxusvariante. Ein Sehnsuchtsobjekt auf Rädern also.

Ein grüner Diamant

Ein rarer Luxus zumal, vor allem auch wegen der extrem seltenen Farbgebung. „Soweit ich weiß, gibt es heute in ganz Europa kein vergleichbares, vor allem originales Exemplar“, betont Martin, der seine Worte gerade auch als Kreisarchivar mit Bedacht zu wählen weiß. Beim Anblick des „grünen Diamanten“ steigt ihm gleichwohl die Verzückung in die Augen. Und dabei hat er den netten Krabbler bereits seit über drei Jahrzehnten im Besitz. Nur gefahren wird der Wagen nicht wirklich. Und das hat Gründe.

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Vom Band lief das Cabrio am 11. Juni 1957 bei Karmann in Osnabrück, traditionell entstanden dort die Frischluftvarianten des Wolfsburger Krabblers. Dass der sich mit seiner Plattformtechnologie ideal als Basis für ein Cabrio eignet, das war schon lange klar, bereits unter den ersten Erprobungsfahrzeugen der 1930er-Jahre befanden sich offene Versionen. Doch nicht nur wegen des fehlenden Dachs fällt das hier gezeigte Exemplar im metallischgrünen Gewand so auf. Sondern auch wegen der einst gewählten Sonderausstattungen. „Alleine das Radio, ein ‚Blaupunkt Frankfurt de Luxe‘ oder die bis heute erhaltenen Kunstlederbezüge machen deutlich, dass es bei der Bestellung nicht so sehr aufs Geld ankam“, schmunzelt Martin. „Es ist faszinierend, Fahrzeughistorie an solchen Details nachzeichnen zu können – Sondermodelle erfanden die Marketingstrategen ja erst viel, viel später.“ Heute kennt sich Martin, der selbst ein originales Foto eines diamantgrünen Cabrios aus der Karmann-Fertigung hat – „vielleicht war das sogar genau mein Auto“ –, bestens aus in der Geschichte. Zudem finden sich in seiner Sammlung noch weitere, zumal ältere Volkswagen.

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Frühgeschichte? Unbekannt!

Das Cabrio indes, das hat es ihm ganz besonders angetan. „Dabei wusste ich anfangs gar nicht, was ich da eigentlich gekauft habe“, staunt er über sich selbst, um ein wenig zu dozieren: „Leider bleibt die Frühgeschichte des Cabrios weitgehend im Verborgenen. Es blieb nach der Auslieferung nach Köln lange im Erstbesitz, und dann bis 1988 für viele Jahre in Berlin. Dort erwarb es ein Freund von mir, der es auf eigener Achse nach Karlsruhe fuhr. Das empfand ich schon damals als wagemutig, auch wenn die Bremsanlage noch in Berlin mit einigem Aufwand überholt worden war. Die angedachte Restaurierung fiel allerdings aus,

Das Verdeck wurde bereits 1990 gegen ein neues getauscht, Sattlermeister Anderer hat ganze Arbeit geleistet!
Foto: Jan Bürgermeister

so dass der Volkswagen 1990 zu mir kam.“ Der Tachostand: 72.039 Kilometer, allzu viel wurde mit dem 30 PS starken Cabrio also nicht gefahren. Indes parkte es in Berlin zumeist im Freien. Und so war es zwar fahrbereit, „aber letztendlich in einem katastrophalen Zustand“, blickt Martin zurück. „Das Bodenblech knirschte bedenklich, so dass ich mich kaum traute, einzusteigen. Das Chrom der Fensterrahmen war dunkel wie die Nacht und vor lauter Rostpickeln war vom einstigen Glanz nichts mehr erkennbar. Und die Spaltmaße der Türen erweiterten sich nach oben in bedenkliche Weiten. Doch das Radio schepperte, was die Box hergab, und der Motor sprang sofort an. Ich sah mich schon in meinen jugendlichen Träumen Cabrio

fahren! Ich hatte zudem noch nie zuvor einen VW Käfer in Diamantgrün gesehen – war begeistert – und kaufte das Auto deshalb für ein schmales Salär.“ Das Fahrzeug wurde nun erstmals in seine Bestandteile zerlegt, „und aufwändig von mir und meinem jüngeren Bruder Christian geschweißt, gespachtelt und in Form gebracht.“ Wochenende für Wochenende wurde gewerkelt, die Karosserie wurde vom Plattformrahmen

„Ich entschied mich dafür, das originale Kunstleder wiederzuverwenden. Die Innenausstattung war im Vergleich zum Fahrzeug erstaunlich gut erhalten geblieben.“
Foto: Jan Bürgermeister

abgehoben. Teils dreilagige Schweißarbeiten machten Probleme und auch der Rost saß tief. Doch half der Überschwang der Jugend: „Wir waren sehr kreativ – aber reichlich unerfahren. Um die Karosserie schweißen zu können, haben wir diese um 180 Grad in der Längsachse gedreht, und dann mit Seilen und Kettenzügen an das stabile Vordach der Garage meines Elternhauses gehängt. Und dann von unten gestützt. So ließ sich eigentlich gut arbeiten. Nur die Löcher wurden immer größer, das Ausmaß an Korrosion immer besorgniserregender. Wir ließen uns aber davon nicht abbringen: Woche für Woche, Monat für Monat arbeiteten wir daran, bis wieder so etwas wie ein VW Cabrio erkennbar war. Und wenn sich Wellen im Blech nicht vermeiden ließen, dann wurde eben großzügig gespachtelt.“ Wie unbekümmert wirkt das alles, wie bodenständig!


VW Käfer Cabrio Typ 1/15

  • Baujahr 1957
  • Motor 4-Zyl.-Boxer, luftgekühlt
  • Hubraum 1.192 cm3
  • PS 30
  • Höchstgeschw. 110 km/h

Die Lackierung erfolgte später bei einem Betrieb in der Nachbarschaft: „Ich entschied mich für den Farbton ‚Jade-Nebel‘, den es bei Hyundai gab. Das erschien mir passend und sah auch wunderschön aus. Nur mit dem Original hatte das nichts mehr zu tun.“ Vielleicht auch deshalb erlahmte das Interesse, ganz sicher war nach drei Jahren auch einfach die Luft raus, und das Geld aus dem Portemonnaie. Studium und andere Projekte brachten das inzwischen teilmontierte Cabrio letztlich für lange Zeit aufs Abstellgleis – aber zum Glück nicht in fremde Hände.

Der originale Boxer wurde komplett überholt, die Blechteile neu lackiert. Jetzt schnattert er wieder wie am ersten TagFoto: Jan BürgermeisterDer originale Boxer wurde komplett überholt, die Blechteile neu lackiert. Jetzt schnattert er wieder wie am ersten Tag

2 neue Zylinderköpfe? Bitteschön!

Erst 22 Jahre später schob sich der Wagen wieder stark genug ins Bewusstsein: Gesicherte Verhältnisse erlaubten die gedankliche Rückkehr. Das inzwischen reichlich vorhandene Fachwissen wiederum gab die Marschrichtung vor für das, was nun in den Jahren 2015 bis 2022 geschehen sollte: „Mir war mittlerweile klar geworden, dass frühe VW Cabrios nicht mehr allzu häufig zu sehen sind. Und dass es gute Fahrzeuge schon lange nicht mehr zu günstigen Konditionen gab. Also fasste ich den Entschluss, es dieses Mal ‚richtig‘ zu machen.“ „Richtig“ machen hieß nun, das Fahrzeug in jedes einzelne Bestandteil zu zerlegen und originalgetreu wiederaufzubauen. Die Rohkarosse wurde

Unter der schwarzen Persenning steckt ein gleichfarbiges Verdeck, einst war es hell-beige
Foto: Jan Bürgermeister

professionell gestrahlt, so kam auch ein Unfallschaden ans Tageslicht. Über sechs Monate arbeitete sich ein Fachbetrieb durch den Wagen, wobei soweit wie möglich die Originalsubstanz erhalten blieb. Mit welcher Akribie hierbei vorgegangen wurde, das zeigt ein Beispiel: „Der Motordeckel war im unteren Bereich zum Teil schlicht weggerostet. Also wurde die innere Versteifung komplett entfernt und diese mit Teilen eines eigentlich sehr guten Nachbaus instandgesetzt. Denn auch hier waren Abweichungen in der Prägung und Lochstanzung zu erkennen, die ich nicht an meinem Auto haben wollte“, referiert Martin, für den eine anschließende Lackierung im Originalton „Diamantgrün VW L 412“ folgerichtig war. Doch erst der dritte Lackhersteller war in der Lage, die gewünschte Qualität zu liefern. Die Technik überarbeitete Martin derweil in Eigenregie und mit Spezialisten, wobei generell nur

Originalteile mit VW-Logo Verwendung fanden. „Heute schnattert der Vierzylinder-Boxer wieder wie am ersten Tag“, freut sich Martin, der den Wagen gleichwohl nicht fährt, der Tachostand hat sich seit 1990 nicht geändert: „Das Projekt zog sich über sieben Jahre hin, da lernt man Geduld und den resilienten Umgang mit Rückschlägen. Für mich war und ist dabei immer der Weg der Restaurierung das Ziel gewesen.“ Nur fahren will er den Volkswagen eigentlich nicht. „Der ist für mich eine Art Kulturgut der wirtschaftswundernden 1950er-Jahre. Und das gilt es für die nachfolgenden Generationen zu bewahren!“ Und so führt dieses formidable Automobil ein Leben in stiller Würde. „Der pure Luxus, oder?“