Technikbaukästen von FranzisMotorenbau-Schule

Martin Santoro

 · 04.10.2022

Technikbaukästen von Franzis: Motorenbau-SchuleFoto: Franzis, Santoro
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Technikbaukästen sind eine Stärke von Franzis. Nach V8-, Porsche- und Käfer-Motoren legen die Münchner den Boxer des Ur-Bullis auf. Kann der Bausatz überzeugen?

Letztes Jahr kam er  heraus, der T1-Motor- Bausatz von Franzis.
Foto: Franzis, Santoro

»Bauen Sie den Kolben zusammen. Stecken Sie dazu jeweils einen Kolbenbolzen (2) in eine Kolbenhälfte (3) und führen Sie ihn durch das kleine Auge des Pleuels (1)«, lautet die erste Anweisung der Bauanleitung. Dadurch wird klar, dass dieser Bausatz nicht einfach durch Zusammenstecken zweier Gehäusehälften erledigt ist, sondern ernsthaften Maschinenbau erkennen lässt. Bald hantiert man mit Zylinderköpfen, Ventilfedern und Stößeln. Die Nockenwelle will korrekt zusammen gesteckt sein, vorsichtig sind beide Ventildeckeldichtungen einzusetzen. Die Kipphebel werden auf Metallstangen gefädelt.

Verlagssonderveröffentlichung

Anders als bei üblichen Modellbausätzen ist bei Franzis-Funktionsmodellen kein Kleber erforderlich. Sämtliche Einzelteile werden einfach zusammengesteckt. Manche Bauteile haben dabei einzurasten. Zentrale Elemente, wie der zweiteilige Motorblock, die Zylinderköpfe oder der Lüfterkasten werden zusätzlich mit feinen Kreuzschlitz-Schrauben montiert, was dem Modell mehr Stabilität verleiht. Die Passgenauigkeit der Teile ist beachtlich. Nur so können beispielsweise die Kolben am Ende in den Zylindern einwandfrei laufen. Für ausreichend Toleranz an den Laufflächen ist gesorgt. Auch sämtliche Zahnräder sind aus präzisen Gussteilen gefertigt. Der Modellbauer hat nur auf ihren richtigen Sitz zu achten. Dabei helfen an vielen Stellen abgeflachte Führungen, die Verwechslungen beim Zusammenbauen vorbeugen. Falls doch kleinere Unebenheiten an den Nahtstellen zurückbleiben, wird zur Behandlung Schleifpapier mit 400er-Körnung empfohlen. Überwiegend bei den innermotorischen, dunkelblauen Bauteilen sind Rückstände vom abgetrennten Ast sichtbar. Das ist nicht schlimm. Sobald sie im transparenten Kunststoff-Rumpf verbaut sind, fallen solche Kleinigkeiten nicht mehr ins Auge.

Clever, dass Franzis viele sichtbaren Anbauteile wie Vergaser, Luftfilter und Lichtmaschine in Silbergrau liefert. An ihnen sind Naht- und Abtrennstellen kaum zu erkennen.

Eine Bemalung einzelner Teile ist nicht erforderlich. Ambitionierte Modellbauer, die ein noch realistischeres Finish wünschen, bauen das Modell zunächst komplett fertig, und entscheiden im Anschluss, welche Teile lackiert oder bemalt authentischer wirken oder gar mit Patina einen gebrauchten Zustand imitieren sollen. Denn durch das Steck- und Schraubsystem ist das Modell schnell wieder zerlegt, so dass kosmetische Maßnahmen jederzeit möglich sind. Bei Motorblock und Verblechung sollte darauf verzichtet werden, sonst würde einem die Funktionsweise von Kurbel- und Ventiltrieb entgehen, die auf Knopfdruck in Bewegung gesetzt werden. In der Choreographie enthalten sind auch blitzende Zündfunken. Strom erhalten die LED-Lämpchen über die Zündkabel, versorgt von drei AA-Batterien im Kunststoffsockel. Von dort aus wird der Antrieb des Motors über ein Zahnrad in Gang gesetzt: Der Keilriemen treibt die Riemenscheiben an, Kolben und Ventile bewegen sich im Takt, das Lüfterrad dreht sich. Und der charakteristische Motorsound des T1 erklingt etwas blechern aus dem integrierten Lautsprecher.

In Summe dauert der Zusammenbau des etwa 24 Zentimeter hohen Funktionsmodells gute vier Stunden – das Studium des großformatigen Begleitheftes mit Bauanleitung nicht eingeschlossen. Dort taucht der Leser zur Einstimmung über 18 Seiten in die Entstehungsgeschichte des VW-Transporters ein. Nach gut recherchiertem Hintergrundwissen wird kompakt, aber detailliert, der Vierzylinder-Boxermotor des VW-Busses von 1950 bis 1953 beschrieben. Bestandteile, Funktionsweise und technische Daten runden das Kapitel ab. 22 weitere Seiten beschreiben die Chronik des Bullis von seinen Anfängen über die Generationen T2 bis T7 bis hin zum ID.Buzz.

Eine gut formulierte Bauanleitung mit 50 Seiten in Deutsch und Englisch stellt zuerst sämtliche Bauteile vor und erklärt ihre Sortierung. Jeder Bauschritt wird plausibel beschrieben und grafisch anschaulich dargestellt, ihre Zeichnungen sind von hoher Qualität.

Die etwa 20 Spritzlinge sind logisch aufgebaut und einzeln verpackt. Der Umwelt zuliebe hätte man auch mehrere Spritzlinge zusammen verpacken können. Kleinteile, wie Schrauben, Federn und Metallstangen, sind hingegen sorgfältig gruppiert eingetütet.

Als Werkzeug liegt ein kleiner Schraubendreher bei. Cuttermesser, Schleifpapier und Batterien sind zusätzlich erforderlich.

Als Funktionsmodell bietet der Bulli-Bausatz (ISBN 40-19631-67152-3) Technikspaß für Jung und Alt. Ein guter Einstieg für jeden, der an Motorenbau interessiert ist. Hier lernt man spielerisch den Aufbau und die Funktionsweise des luftgekühlten Bus-Motors. Es könnte von Lehrern genutzt werden, um den Nachwuchs für Technik zu begeistern, was dem Fachkräftemangel im Handwerk entgegenwirken würde.

Sammler wie Bulli-Fans begeistern sich gleichermaßen an dem skulpturalen Aufbau des luftgekühlten Boxers. Für sie hat diese Konstruktion nichts an ihrer Faszination verloren. Zu verschmerzen sind lediglich die Kosten von knapp 200 Euro. Im Vergleich zu einem gepflegten Original sind das freilich Peanuts. Außerdem ist dieser weitaus sperriger und lässt den Betrachter nicht an seinem Arbeitszyklus teilhaben.