Mit dem T3-Camper in der Welt zuhause

Joshua Hildebrand

 · 06.10.2022

Mit dem T3-Camper in der Welt zuhauseFoto: Susi Cruz
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Vor knapp fünf Jahren ließ Susi Cruz (28) aus Düssel­dorf ihr altes Leben hinter sich. Seitdem reist die Vanlife-Influencerin im selbst umgebauten T3-Camper um die Welt. Eine Geschichte (nicht nur) für die Abenteurer und Träumer unter uns.

»So richtig zugetraut hatte es mir keiner, weil ich lieber ein Zimmer voller High-Heels hatte anstatt Werkzeug.«
Foto: Susi Cruz

Am 8. September 2017 brach Susi alle Brücken ab. Die 28-Jährige ließ ihr altes Leben in Düsseldorf hinter sich, beendete vorzeitig ihr Mode- und Design- Studium und kündigte ihren Kellner-Job. All das, um die große, weite Welt zu erkunden. Frei zu sein. Seit mehr als vier Jahren ist sie nun unterwegs – abzüglich einer kleinen Corona-Pause.

Vieles von ihren Erlebnissen teilt sie mit ihrer Fan-Community im Internet. Youtube- Videos oder Produktplatzierungen bringen das nötige Kleingeld für den Lebensunterhalt. Allein bei Instagram hat sie knapp 77.000 Fans, die natürlich regelmäßig auf dem Laufenden gehalten werden wollen. Mit unterschiedlichen Beiträgen und Storys: mal skurril, mal faszinierend, meistens aber einfach wunderschön. Wo sie sich gerade herumtreibt, was es Neues gibt, was mit ihrem Bulli passiert. Nicht wie andere Weltenbummler fliegt oder trampt sie von A nach B, sondern tut dies auf vier Rädern: mit ihrem selbst umgebauten (!) T3-Bulli, den sie selbst »Phoenix« getauft hat. Den ließ sie zu Beginn ihrer Reise von Europa nach Amerika verschiffen – seither hat sie weit mehr als 30.000 Kilometer runtergespult – ein Mega-Roadtrip sozusagen.

Doch auch wenn sie bereits vor vier Jahren in ihren pinken Camper gezogen ist, fühlt es sich für die gebürtige Düsseldorferin gar nicht so lange an, schreibt sie uns aus der traumhaften Karibik. »Wenn ich mein Gesicht in meinem kleinen runden, ausklappbaren Badezimmerspiegel im pinken Bulli anschaue, merke ich, dass sich die Lach-
falten doch tiefer gegraben haben, als ich es in Erinnerung hatte.« Susi hat immer einen Sinn für Humor. Sie meinte wohl, dass sie seither einfach nur viel gelacht hat.

Und ja, viel zu lachen hat sie auch. Bilderbuch-Landschaften, viel Sonne, keinen Zeitdruck. Klingt nach dem wahren Luxus, nicht wahr? Diesem Lifestyle ging jedoch viel Disziplin und jede Menge Arbeit voraus. Denn das, was sie in Eigenregie aus ihrem T3 mit Hochdach gebastelt hat, ist durchaus beachtlich. Nach einem sehr sparsamen Jahr, in dem die Deutsche zu jeder anstehenden Feier ihrer Freunde »Nein« sagen musste, hat sie ihren Traum schließlich in die Tat umgesetzt. Mit viel Mühe kratzte sie alles Geld zusammen, kaufte den Bulli und baute ihn um.

Ihr könnt euch sicherlich denken, dass er nicht immer pink war. Aber nachdem sich Susi auf zahlreichen Internetseiten Inspiration gesucht hatte, griff sie einfach zur pinken Wandfarbe im Baumarkt und strich darauf los. Nachdem sie zahlreiche Rost-löcher mit Epoxy Resin flicken musste … »Ich weiß: Normalerweise benutzt man Epoxy, um Boote zu reparieren, aber Schweißen konnte ich damals noch nicht und als Mode-Studentin war mir die günstige Baumarkt-Variante viel lieber«, gibt Susi zu. Als typische Düsseldorferin hat sie immer viel Wert auf ein gepflegtes Aussehen gelegt. Da war Handwerken am Auto komplettes Neuland. Außerdem existierte damals der Begriff »Vanlife« in Deutschland noch nicht wirklich. Es gab kaum Videos, die erklärt haben, wie man einen Van selbst und möglichst günstig ausbaut. Bevor der spaßige Teil beginnen konnte, fuhr sie von Montag bis Freitag mit einem pinken Fahrrad (was sonst?) zu einer Lagerhalle, in der ihr Bus stand. »Ich arbeitete so gut wie immer bis spät in die Nacht. Entweder am Bus oder im Restaurant, als ich den Kellnerjob noch hatte«, erinnert sie sich. »Und auch wenn es mir keiner so wirklich zugetraut hatte, weil ich lieber ein Zimmer voller HighHeels statt Werkzeuge hatte, war mein Bus nach vier Monaten Umbau fertig für die Reise.«

Eine Reise wohin? Das wusste Susi damals auch noch nicht so genau. Vielleicht bis nach China? Oder nach Amerika? »Mal schauen«, lautete die Devise. Zeit spielte ohnehin nur noch eine untergeordnete Rolle und das Ersparte sollte erst einmal reichen.

»Ich wusste, dass ich mir ein Leben aufbauen konnte, indem ich mich und meine Reise mit Social Media über Wasser halte.« Obwohl ihr zur Anfangszeit gerade mal 800 Leute folgen, glaubt sie fest daran. Damit schien sie alleine zu sein: »Versuche mal, diese Entscheidung deiner strikten, konservativen, asiatischen Familie zu erklären …«

Dennoch war es kein leichter Abschied von den Allerliebsten, erzählt Susi. Die ersten Meter ihrer Reise kullerte daher auch die ein oder andere Träne. Mit Hund Peño fuhr sie zunächst in Richtung Belgien. Obwohl sie schon einige Male dort war, war es diesmal etwas Besonderes. Anfängliche Komplikationen waren schnell aus der Welt geschaffen und es ging kontinuierlich voran. Kilometer um Kilometer machte sie gut. Susi erinnert sich: »Mit meinem minimalistischen Ausbau, der weder Heizung, Kühlschrank noch Solarpanels hatte, fuhr ich zum Strand nach Frankreich, in die eisigen Berge Spaniens und in die tollsten Altstädte Großbritanniens.« Aber dafür hatte Susi immer eine durchaus gemütliche Höhle samt Kamin und Traumfänger mit dabei – es hätte also schlechter laufen können. »Auf der Reise erwartete mich irgendwie alles: neue Menschen, neue Erfahrungen, neue Orte, neue Kulturen, neues Essen, unerwartete Liebesbegegnungen – manchmal auch anschließender Herzschmerz.«

Für sie war es die beste Zeit ihres Lebens, obwohl sie alleine war. Auch wenn es nicht einfach war, spricht sie von der »puren Erfüllung«. Wir verstehen, was sie meint. Denn mehr Freiheit scheint wohl kaum möglich zu sein. Doch so schön sich das im ersten Moment auch anhören mag, ist es nicht immer einfach.

Das Leben im Van ist anders als in einem Haus. Man muss sich auch daran gewöhnen, dass man jeden Tag woanders aufwacht. Man muss sich daran gewöhnen, dass alle Menschen, die man kennenlernt und ins Herz schließt, nur kurze Zeit da sind. Man muss sich auch daran gewöhnen, dass alles viel länger dauert – vom Tellerspülen bis hin zur morgendlichen Schönheitskur. Eines hat Susi aber definitiv gelernt: Nicht Jedem blind zu vertrauen, da auch schlechte Dinge passieren können: »Ich kann mit viel Dank-
barkeit sagen, dass ich stets Glück im Unglück hatte (...)« Es sind Geschichten wie diese, die unter die Haut gehen: Als sie etwa in Marokko war, kam ihr ein Mann zu nahe und sie konnte gerade noch so einer Vergewaltigung entkommen.

»Ich bin die ganze Nacht durchgefahren, um so schnell wie möglich wieder nach Europa zu kommen. Ich habe meine Augen an jeder Mautstelle, die ich überqueren musste, wund geheult. Weil mein Portemonnaie nach dem Vorfall unauffindbar war und ich kein Geld hatte, um die Maut zu zahlen.« Schockierend, aber kein Einzelfall.

Susi berichtet auch von einem Vorfall in Mexiko, wo sie von jungen Männern mit gezogener Waffe bedroht wurde – des Geldes wegen. Und von einer unbekannten Person, die nachts in Frankreich um ihren Van schlich und Susi zum Pfefferspray greifen musste. »Mittlerweile haben mir all diese Erfahrungen mehr Mut gegeben, mich sofort selbst zu verteidigen. Da bin ich stolz drauf.« Das war nicht immer so, erzählt sie weiter. Oftmals müsse man gegen seinen Instinkt handeln – auch wenn man in Schockstarre gefallen ist.

»Wie in Guatemala, als nachts ein betrunkener Mann über die Autobahn lief und ich mit 80 km/h auf ihn zufuhr. Zum Bremsen war es zu spät und durch den Aufprall zerbrach meine ganze Windschutzscheibe. Die Passanten um mich herum sagten mir alle, ich solle flüchten.« Weil sie dafür ins Gefängnis käme; andere Länder, andere Sitten. Aber Susi blieb – mit der Sorge, einen Mann getötet zu haben. Letztlich hatte sie auch hier wieder Glück im Unglück: Am Ende war der Guatemalteke nur bewusstlos und hatte seinen Arm gebrochen. So musste die Bulli-Fahrerin lediglich das Krankenhaus bezahlen, und schon konnte es weitergehen.

Dieses Mal nach El Salvador, jedoch ohne Windschutzscheibe. »Ich weiß nicht, wie oft der Bus schon zusammen gebrochen ist. Egal ob durch Defekte oder Unfälle. Es ist hart, wenn man nicht nur sein Auto, sondern gleichzeitig auch sein Zuhause und seine Arbeit verliert.« Auch wenn ich dann jedes Mal wieder von Null anfangen muss, um den Van oder mich selbst zu reparieren. »Letztlich tragen wir beide den gleichen Schaden davon«, resümiert Susi. Doch die Influencerin lässt sich niemals unterkriegen, bezeichnet sich selbst bei Instagram als »Warrior Princess«, was frei als Kämpfer- Prinzessin übersetzt werden kann. Sterben müsse man sowieso irgendwann, meint sie. Und was könne man sonst mitnehmen als die Geschichte, die man selbst geschrieben hat, fragt sie uns und antwortet gleich: »Nichts.« Deshalb möchte Susi Cruz auch in Zukunft in ihrem Bulli reisen. Weil es sie einfach nur glücklich macht. Gibt es eine wichtigere Aufgabe in diesem Leben?