Autokult in JapanKaufhaus des Westens

Stephan Repke

 · 04.10.2022

Autokult in Japan: Kaufhaus des WestensFoto: Stephan Repke
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Ganz Tokio steht auf japanische Elektroautos. Ganz Tokio? Nein! Eine versprengte Szene Benzin-schnuppernder Fans von altem Blech, öligen Lappen und dröhnenden Motoren huldigt einem ganz besonderen Schrein.

Von wegen Bürohaus: Im Obergeschoss ist ein schier unerschöpfliches Sammelsurium an Teilen und zeitgenössischen Werbeschildern zu finden
Foto: Stephan Repke

Geräuschlos gleitet der grüne Toyota durch die Häuserschluchten. Schweigend und unaufgeregt steuert der Chauffeur den Wagen; weiße Handschuhe führen in der vorbildlichen Zehn-und-Zwei-Uhr-Position das mit Kunstleder umhüllte Lenkrad. Niemand hupt, der Verkehr ist gleichsam in Watte gepackt. Das ist Taxi-Fahren in Tokio – Meditation auf vier Rädern. Aber auf einen Schlag ist es vorbei mit der Ruhe. Ein Dröhnen durchdringt den hybriden Kokon, und einer Weltuntergangsmaschine gleich donnert ein hellblauer Kugelblitz an uns vorbei. Ich fühle mich aus der japanischen Hauptstadt weggebeamt, und zwar direkt in einen Hannoveraner Vorort am 1. Mai. Da pustet uns doch tatsächlich ein VW Käfer auf dem folgenden Kilometer benzin-
geschwängerte Abgase durch die überforderten Pollenfilter. Der Fahrer des Wolfsburgers wechselt rasant die Spur und biegt scharf ab, in die Garage eines gläsernen Bürohauses. Im Vorbeisausen sehe ich durch die Seitenscheibe, wie sich der deutsche Exot zwischen einem T2 Bus und einer antiken Tanksäule hindurch schlängelt. In Tokio gibt es Katzencafés, Eulencafés und Cafés in denen junge Japanerinnen in Dienstmädchen-Outfits servieren. Sollte es etwa ein VW Käfer-Café... ?

Verlagssonderveröffentlichung

Szenenwechsel. Das gläserne Bürohaus ist gar keines. Es ist ein regelrechter Schrein für Käferfans, Busfans und überhaupt Fans und Fahrer von luftgekühlten Automobilen aus Wolfsburg. Im Erdgeschoss schrauben Mechaniker konzentriert an alten Volkswagen, ganz wie man es aus einschlägigen Garagen in Deutschland kennt. Die Wände sind voll mit riesigen Leuchtreklamen, karierten Wimpeln – eigentlich mit allem, was jemals zum Thema Vintage-VW-Marketing hergestellt wurde. Das geht so weiter im Treppenhaus ins obere Stockwerk. Hier fühlt sich der Besucher, als sei der Bad Camberger Teilemarkt explodiert und in Vitrinen und Regale geflogen. Dies ist der Showroom von Flat4, Japans größtem Spezialisten für Vintage VWs, für Teile, Zubehör und Inspirationen aller Art. Takashi Komori hat Flat4 bereits 1976 gegründet. Der VW-Enthusiast begann damals mit kleinen Teilen, die in Japan nicht leicht zu bekommen waren, und mit Aufklebern und anderen Fanartikeln. Man darf nicht vergessen: Es gab eine Zeit, als man nicht im Internet weltweit nach allem und jedem suchen und es bestellen konnte. Gleichwohl waren bis Ende der Siebziger Jahre offiziell knapp 90.000 Käfer in Japan verkauft worden, und so gab und gibt es durchaus eine aktive und interessierte Szene von Fans.

Und auch in Japan erkennen »normale« Menschen den Käfer auf der Straße und begegnen ihm mit viel Sympathie. So expandierte auch das Geschäft von Flat4 ganz natürlich, und schon früh galt Takashi Komoris Motto: »Wenn wir es nicht haben, dann stellen wir es eben her.« Aus dieser Philosophie entstand eine Palette von über 100 original Flat4-Produkten. Besonders bekannt sind die Felgen und Lenkräder. So richtig ging es damit 1991 los, bis heute ist die hochwertige Reproduktion der 1960er EMPI/Speedwell-BRM-Felge (S. 117, links oben im Bild) der erfolgreichste Artikel im Sortiment der Japaner. Flat4 expandierte allerdings auch geografisch.

Zum Hauptquartier in Tokio gesellten sich zeitweise mehrere Filialen in Japan und auch eine in Santa Monica, Kalifornien. Die amerikanische Dependance war auch der Ursprung für Naoto Fujitas Karriere bei Flat4. Der heutige Geschäftsführer übernahm diese Position im März 2018, als der Gründer sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückzog. »Nao«, wie er in der Szene genannt wird, war in jungen Jahren Student an der Ostküste der USA. Um sich fortzubewegen, kaufte er einen 66er Käfer. Anschließend lernte er, sein Auto selbst zu reparieren, heuerte bei Flat4 in Kalifornien an. Und der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte… Heute leitet er die Geschicke des auf zwölf Mitarbeiter angewachsenen Unternehmens. Er reist regelmäßig zu großen Veranstaltungen auf der ganzen Welt. Natürlich auch nach Deutschland – es ist ihm wichtig, zu wissen, welche neuen Trends entstehen und welche Produkte das luftgekühlte Universum bereichern. Seinen 56er Käfer oder seinen 1965er Typ 3 kann er allerdings nur zu japanischen Treffen fahren. Auch Flat4-Gründer Takashi Komori fährt noch täglich seinen 59er Käfer.

Hier sind eindeutig Idealisten am Werk, das zeigt sich nicht nur in der aufwendigen Dekoration und der reichen Produktpalette – sondern auch in einem Konzept namens »Easy Start«. Es wird beschrieben als ein »Programm für einen sicheren, komfortablen und erschwinglichen Start in’s VW-Leben«. Einfach gesagt, werden hier den Kunden unprätentiöse, solide Fahrzeuge angeboten, ohne aufwendige Umbauten, die jedoch die Flat4-Anforderungen hinsichtlich Qualität erfüllen. »Easy Start« wird sehr gut angenommen von Fans, die zum ersten Mal einen Vintage-VW fahren wollen. Überraschenderweise ist es gar nicht sonderlich schwierig, einen Käfer oder ähnliches in Japan zuzulassen. Vorausgesetzt, das Auto ist in dem Zustand in dem es ursprünglich gebaut wurde. Das kommt Flat4s Philosophie entgegen, denn man verpflichtet sich hier, »keine Veränderungen vorzunehmen, die die Atmosphäre eines luftgekühlten VW zerstören würden.«

Die Atmosphäre zieht sich auch durch das gesamte Geschäft, selbst ein großer Teil der Preisschilder ist von Hand geschrieben. Bei aller Professionalität schaffen es die japanischen VW-Spezialisten von Flat4, eine persönliche, ungezwungene Stimmung zu erzeugen. Sie erhalten das spielerische Etwas, wegen dem ein Mancher die alten Autos so schätzt. Und obwohl naturgemäß heutzutage das weltweite Online-Geschäft ein wichtiger Bestandteil des Unternehmens ist, betrachtet Nao das Ladengeschäft als die betretbare Vitrine, den Ort, an dem der Kunde »spürt, wer wir sind.«

Mission erfüllt – das spürt der Besucher definitiv. Keine Katzen, Eulen oder Dienstmädchen, nein, hier servierte mir der Flat4- Chef persönlich einen Kaffee zwischen Käfern, Felgen und Schalthebeln. Im Kaufhaus für luftgekühlte Autos von Tokio.