VW Taigo-Special Test Taigo 1.5 TSI DSGSchön schräg

Joshua Hildebrand

 · 18.12.2021

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Foto: H. Mutschler, D. Annameier (2), VW (1)

Der brasilianische VW Nivus hat es zu uns geschafft, hört hierzulande auf den Namen Taigo. Als trendiges SUV-Coupé positioniert er sich zwischen Polo und T-Cross. Was kann der Newcomer? Ein Test mit 1.5 TSI und DSG

Karneval, Samba, Capoeira – all das gehört zu Brasilien wie leicht bekleidete Mädels an die Copacabana. Südamerika, insbesondere sein Automarkt, hat seit geraumer Zeit eine Sensation mehr – den VW Nivus mit sicherlich ebenso hübschem Hintern wie jene Mädels in Ihrem Kopfkino. Aber, bevor wir abschweifen … Der neue Kleinwagen basiert auf der MQB-A0-Plattform, wurde von der VW-Tochtergesellschaft „VW do Brasil“ entwickelt und fährt bereits seit letztem Jahr in Südamerika herum.

Mit 24 Millionen produzierten Fahrzeugen ist VW übrigens nicht nur Brasiliens größter Autobauer, sondern mit vier Millionen ins Ausland gelieferten Derivaten auch der größte Exporteur in der Geschichte des Landes. Die Vorzeichen stehen also gut, dass das neue SUV ein internationaler Erfolg wird. Denn tatsächlich hat es das Modell neben 27 weiteren EU-Märkten auch zu uns geschafft und jüngst Europa-Premiere gefeiert – nicht als Nivus, sondern als Taigo. Gefertigt wird er im spanischen Pamplona.

Verlagssonderveröffentlichung

Die optischen Unterschiede zum brasilianischen Modell fallen dabei eher dezent aus. Eine geänderte Heckleuchten-Signatur mit durchgängigem LED-Leuchtenband sowie modifizierte Kühlluftgitter an der Front springen ins Auge. Hüben wie drüben zeigt er wahre Größe: Denn der 1.300 Kilogramm schwere Taigo streckt sich auf eine Länge von 4,26 Metern und übertrifft damit nicht nur deutlich den T-Cross (4,11 Meter), sondern auch knapp den kompakten T-Roc (4,24 Meter). Und auch, wenn er auf der Polo-Plattform basiert, knappst er dem Kleinwagen ganze 20 Zentimeter ab. Das liegt vor allem am bewusst verlängerten Überhang des Hecks, um die Funktionalität des Fahrzeuges zu unterstreichen. Soll heißen, dass das Kofferraumvolumen trotz der coupéhaften Silhouette stattliche 440 Liter beträgt – fast so viel wie der etwas kastigere T-Cross mit verschiebbarer Rücksitzbank (385 bis 455 Liter). Jenes praktische Gadget hat der Taigo leider nicht. Dafür aber ein noch schnittigeres Äußeres mit stark nach vorn geneigter C-Säule. „Sportlich, lifestylig, urban und doch robust“ – so bezeichnet VW das Design des Taigo. Zur Zielgruppe gehören nicht zuletzt deshalb junge und jung gebliebene Kunden. Dazu passt auch sicherlich die Zweifarbenlackierung in „Visual Green Metallic“ samt Dach in „Deep Black Perleffekt“ (785 Euro) und den abgedunkelten Scheiben (Roof Pack 255 Euro). Sämtliche äußeren Beleuchtungselemente von den Scheinwerfern bis zu den dunklen Rückleuchten sind serienmäßig in LED-Technik ausgeführt. Ab der Ausstattungslinie Style verfügt der Newcomer sogar bereits serienmäßig über die „IQ.Light LED-Matrixscheinwerfer“, die in niederen Ausstattungslinien 1.195 Euro extra kosten. Dazu gibt’s dann auch eine auffällige LED- Lichtspange im Kühlergrill, welches die Brücke zu anderen VW-Modellen schlägt. Tristes Grau war gestern: Dank der Innenausstattung „Ceramique-Visual Green“ mit Pflichtwahl des gleichnamigen Design-Pakets (140 Euro) zeigt sich auch das Interieur farbenfroh und alles andere als langweilig.

Wir greifen das klassische Multifunktions-Lederlenkrad (Serie) mit haptischen Tasten und betrachten das hier serienmäßige und gut aufgelöste Digital Cockpit Pro mit einer Vielzahl von Anzeigemöglichkeiten. Auf diesem sind auch alle Informationen des Top-Infotainments „Discover Pro“ (23,4 cm Bildschirmdiagonale, 1.670 Euro) darstellbar, was die Bedienung während der Fahrt erleichtert. Jenes zeigt sich leicht zum Fahrer geneigt und gut positioniert. Wer etwa auf die Sprachbedienung oder einen internen 10-GB-Speicher verzichten kann, der darf zum kleineren Discover Media greifen (20,3 cm). Dann gibt’s übrigens auch klassische Drehregler am Gerät.

Cruisen oder Sport? Geht beides!

Auch in Puncto Fahrassistenz zeigt der neue Cross-over eine große Technik-Affinität. Unser „WOB-TO-217“ beherrscht sogar teilautomatisiertes Fahren nach Level 2 – also das, was in der EU derzeit zulässig ist. Mit dem „Travel Assist“ (IQ.Drive-Paket; 405 Euro) verschmelzen die prädiktive ACC (automatische Distanzregelung) und der Spurhalteassistent „Lane Assist“ zum neuen Assistenzsystem, das übrigens erstmals im Passat Facelift (2019) angeboten wurde. Okay, dies ist eine andere Geschichte. In dieser hier möchten wir uns nämlich vor allem auch dem Fahrbetrieb widmen. Was kann er, was kann er eventuell nicht? Eine Testfahrt. Jetzt.

Taigo GTI … Wäre ja auch mal lustig, oder? Dieser Gedanke kommt, weil wir bereits im Taigo mit Topmotorisierung sitzen. Das Besondere: Der 1.5 TSI unter der Haube ist der einzige Turbo-Vierzylinder-Benziner im Motoren-Portfolio des Halb-Brasilianers und lässt Spielraum für Spinnereien – notwendig wäre das jedenfalls nicht. Die 150 PS und 250 Newtonmeter haben mit dem frontgetriebenen Taigo nämlich kaum Mühe. Da das maximale Drehmoment schon bei 1.500 Umdrehungen anliegt, macht er auch aus dem Stand heraus eine spritzige Figur. Womit wir wieder bei den Mädels am Strand von Copacabana wären. Egal … Lassen wir die Fakten sprechen: 8,5 Sekunden auf Tempo 100 und eine Spitzengeschwindigkeit von 212 km/h sind mehr als ordentliche Werte – und das auf Winterreifen. Oh ja! Dazu gesellt sich die angenehme Laufkultur des Vier-Enders, viel besser als bei den Dreizylindern – das kann man nicht abstreiten. Nur bei hohen Umdrehungen tönt er dann doch manchmal leicht angestrengt in den Innenraum. Immerhin selten, weil das fest an jene Motorisierung gekoppelte 7-Gang-DSG fast immer die richtige Gangart findet. Dabei schaltet es flink und ohne spürbare Zugkraftunterbrechung, zudem im D-Modus (mit Fahrprofil „Eco“) besonders effizient. Das zeigt auch der GF-Verbrauchsschnitt von 6,7 Litern. Wer jedoch den Schalk im Nacken sitzen hat, der kann die digitale Anzeige auch auf 8 Komma irgendwas treiben. Wir bleiben jedenfalls heute ausnahmsweise mal vom Stau verschont und fröhnen unserer unbändigen Lust, Kurven zu fahren. Gerade da macht der mit Verbundlenkerachse ausgestattete Taigo seiner Karosserieform alle Ehre. Agil und direkt zackert er dank kurzem Polo-Radstand fast schon vertraut ums Eck, wankt erstaunlich wenig und lässt sich nur selten gehen, was das fronttrieblertypische Untersteuern angeht. Hier hilft vor allem das Extra der Fahrprofilauswahl samt elektronischer Differenzialsperre XDS (310 Euro). Das Durchdrehen der Räder wird minimiert, Kurven lassen sich dank nicht spürbarer, gezielter Bremseingriffe noch direkter durcheilen.

Einfache Technik – na, und?!

Von der Fahrprofilauswahl darf man sich im ersten Moment nicht täuschen lassen. Sie ändert nur Dinge wie die Kennlinie des Gaspedals oder die Arbeitsweise des DSG-Getriebes. Denn – nein – der Taigo hat keine verstellbaren Dämpfer, auch nicht optional. Dafür ein ausgewogenes Standard-Setup, dass sowohl für komfortable Fahrten durch die Stadt als auch in schnellen Kurven und auf der Langstrecke funktioniert. Einzig die Servolenkung könnte bei höheren Geschwindigkeiten etwas mehr Rückstellkräfte bieten. Was in der Stadt komfortabel funktioniert, lässt bei sportlicher und schneller Fahrweise etwas Rückmeldung vermissen. Zugegeben: Er ist eben auch kein Sportwagen, dieser Taigo. Umso wichtiger ist dabei die Wahl der Räder. Besonders knackig wird das Fahrverhalten nämlich mit den optionalen 18-Zöllern (hier: „Funchal“; 340 Euro) und etwas breiteren Reifen: 215/45 R18.

Auch wenn unser „Volle Hütte“-Exemplar in Richtung der 40.000-Euro-Marke zielt, kann man Taigo auch schon ab 19.350 Euro fahren. Spaß machen sie letztlich alle.