Testfahrt VW CaliforniaCalifornia Dreaming

Testfahrt VW California: California Dreaming
Erstmals wird der VW California auf der Pkw-Plattform von Volkswagen gebaut. GUTE FAHRT stellt ihn auf den Prüfstand – und fährt in der Topvariante Ocean rund 2.000 Kilometer durch Deutschland. Die große Frage dabei: Wie reist es sich mit einer Kleinfamilie im Kompakt-Camper? Die Antwort: traumhaft!

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Füße abstellen, Lenkrad loslassen, zurücklehnen: Auf der Rückfahrt zeigt der VW California noch einmal seine Fahrqualitäten. Nach fast 2.000 Kilometern rollen wir wieder Richtung Norden, und kurz vor Hamburg passiert das, wovor sich hanseatische Urlaubsrückkehrer fürchten: Stau vor dem Elbtunnel. Anfahren, 15 Meter rollen, Stillstand. Anfahren, zehn Meter rollen, Stillstand. Doch wir bleiben entspannt – und der California, seit rund zwei Wochen unser treuer Begleiter, ist genau darauf ausgerichtet. Das Zauberwort: der Travel Assist. Einmal eingestellt, hält das Assistenzsystem automatisch die Spur, den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und die eingestellte Höchstgeschwindigkeit. Gaspedal, Bremspedal, Lenkrad – bewegt sich alles wie von Zauberhand. Es ist die Vorstufe des autonomen Fahrens.

Im Alpenvorland bei Rosenheim zeigt der California sein Fahrkönnen. Steile Hänge und enge Kurven meistert er mühelosFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeIm Alpenvorland bei Rosenheim zeigt der California sein Fahrkönnen. Steile Hänge und enge Kurven meistert er mühelos

Eigentlich könnte man jetzt in den Camper-Modus übergehen, den Fahrersitz drehen, um mit Frau und Kind eine Partie „Memory“ zu spielen. Doch nach kurzer Zeit erinnert einen das System daran, das Lenkrad zu übernehmen, der Berührungssensor ist streng. Dennoch: Einmal Vertrauen geschöpft, ist der Travel Assist ein Segen. Vor allem für die Langstrecke – ob im Stop-and-Go-Verkehr oder bei 150 Stundenkilometern auf der stark befahrenen A7.

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Zwei Wochen zuvor liegt die Langstrecke noch vor uns und der Travel Assist ist noch eine theoretische Möglichkeit aus dem Handbuch: Der California rollt zum ersten Mal auf unsere Einfahrt. Schlagartig regt sich kindliche Vorfreude. Unser letzter Roadtrip ist schon ein paar Jahre her. Damals noch zu zweit unterwegs, steht jetzt ein neues Unterfangen auf dem Plan: Wie reist es sich in dem kompakten Campervan mit einem zweijährigen Kleinkind? Und noch dazu mit einer schwangeren Frau?

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Zweite Schiebetür, neue Flexibilität: Der Klapptisch kann außen sowie innen eingehängt werden, die Kühlschublade ist von beiden Seiten zugänglichFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeZweite Schiebetür, neue Flexibilität: Der Klapptisch kann außen sowie innen eingehängt werden, die Kühlschublade ist von beiden Seiten zugänglich

Um das herauszufinden, werden wir in den nächsten Wochen von Hamburg bis in die Alpen reisen, werden Campingplätze und Bauernhöfe erkunden, etliche Male die Betten auf- und wieder abbauen und das tun, wofür dieser Wagen gemacht wurde: Erlebnisse sammeln. Unser Reisefahrzeug ist dafür prädestiniert. Denn es ist die Ikone, die seit 75 Jahren gebaut wird. Ursprünglich noch als Transporter gedacht, gab es schon im dritten Jahr eine Campingausstattung. Bis Volkswagen die Initiative ergriff und den California ab Werk als Camper anbot, dauerte es aber noch bis 1989. Da debütierte der erste VW California auf Basis des T3 – und entwickelte sich seither zum Inbegriff des Campervans.

Im California werden kleine Momente zu Erinnerungen der EwigkeitFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeIm California werden kleine Momente zu Erinnerungen der Ewigkeit

Heute ist der Bulli in fünf Ausstattungsvarianten erhältlich. Wir testen den California Ocean, die Topvariante, in der Lackierung Candyweiß/Starlight Blue Metallic. Der erste Eindruck ist vielversprechend. Der Wagen kommt mit 110 kW (150 PS) starkem TDI-Motor, Siebengang-Doppelkupplungsautomatikgetriebe und 18-Zoll-Leichtmetallrädern. Erstmals wurde der California auf der Pkw-Plattform von Volkswagen gebaut, dem Modularen Querbaukasten (MQB). Basierend auf dem Multivan, fährt er sich für einen Bulli zwar ungewohnt, aber so komfortabel wie noch nie. Neben den Fahreigenschaften sorgt die Plattform für einige Neuheiten: zwei Schiebetüren serienmäßig, um 30 Zentimeter länger und nur 1,97 Meter hoch, womit er in jedes Parkhaus passt.

Im Cockpit begrüßt uns das etablierte Volkswagen Infotainment, neben dem Travel Assist sind sämtliche Assistenzsysteme verfügbar, die sich nach Belieben ab- und zuschalten lassen. Doch wir wollen nicht nur fahren, sondern auch campen – und schon auf den ersten Blick wird klar, dass in diesem Wagen jahrzehntelange Expertise steckt.

Die Einzelsitze lassen sich stufenlos verschieben - für das Heckbett ziehen wir sie nach vornFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeDie Einzelsitze lassen sich stufenlos verschieben - für das Heckbett ziehen wir sie nach vorn

DER WEG IST DAS ZIEL

Nachdem alle der unzähligen Stauräume belegt sind, rollen wir los gen Süden. Das „Urlaubsauto“, wie der Wagen von unserer Tochter sofort getauft wird, fährt auch ohne Travel Assist äußerst geschmeidig. Wir gehen es an wie immer: Die ersten vier Tage sind geplant, der Rest wird spontan entschieden. Immer der Sonne hinterher. Was die Unterkünfte angeht, visieren wir einerseits klassische Campingplätze an, andererseits außergewöhnlichere Locations, die wir auf der Plattform Hinterland.camp buchen, eine Art Airbnb für Camper – und eine absolute Empfehlung. Der erste Halt: ein Campingplatz nahe der A7 zwischen Hannover und Göttingen, ein klassischer Transitort mit allem, was man braucht – aber auch nicht mehr. Außer man interpretiert die Geräuschkulisse der nahen A7 als Meeresrauschen. Doch beim Campen halten wir es mit Konfuzius: Der Weg ist das Ziel. Eine Plattitüde, die einfach stimmt.

Der Fahrgastraum mit zwei Einzelsitzen und neu formatierter KücheFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeDer Fahrgastraum mit zwei Einzelsitzen und neu formatierter Küche

CALIFORNIA OCEAN

Die serienmäßige Campingausstattung im Überblick

Stauraum: Schrank mit neun Fächern, fahrerseitig angebracht; Schrank unter der Heckklappe; California Tasche im rechten Heckfenster; Gepäckraum unter dem Zwischenboden im Kofferraum (267 Liter), Fächer unter jedem Einzelsitz sowie in Türen und Cockpit.

Schlafen: Heckbett (198 x 106 cm) mit Kaltschaummatratze und fest integrierter Platte im Unterboden; Dachbett (205 x 104 cm) mit Kaltschaummatratze auf Tellerfedern; Aufstelldach mit Aluminiumschale und drei Fenstern (elektromechanisch, 2.535 Euro Aufpreis), versenkbare Rollos im Fahrgastraum, Thermomatten im Cockpit.

Küche: Küchenblock mit Spülbecken, Einflamm-Gaskocher, weiterer 230V-Steckdose, flexiblem Klapptisch und Kompressorkühlschublade (37 Liter); Außenduschanschluss im Heck; Frischwassertank (30 Liter); Grauwassertank (22 Liter); zwei Klappstühle (in der Heckklappe); Campingtisch (im Kofferraum), Gasflasche (2,75 kg).

Bordtechnik: Luftstandheizung; zwei Zusatz-Bordbatterien (75 Ah); Camper-Bedienteil zum Steuern aller relevanten Funktionen wie Kühlschrank, Heizung, Klima und Beleuchtung; zwei 230-V-Steckdosen innen; Ambientelicht; Leseleuchten; Licht im Aufstelldach (alle via California App oder Bedieneinheit dimm- und steuerbar); 230-V-Steckdose für Landstrom; USB-C-Schnittstellen (zwei vorn, vier im Fahrgastraum, eine im Dach).

MEHR RAUM IM DURCHGANG

Also legen wir los, das erste Mal das Camp aufbauen. Während die einen mit kindlicher Neugier die Welt entdecken – den Nachbarshund, den Spielplatz, die Badestelle am See –, entdecken die anderen ein neues Universum – das California Universum. In der Chronologie der Ereignisse bedeutet das: Motor abstellen, Taste drücken, Aufstelldach hochfahren. Bei unserem Testwagen handelt es sich um ein elektrohydraulisches System, das entweder vom Cockpit aus oder via California App gesteuert werden kann. Dann: obere Liegefläche hochklappen, Stehhöhe im Fahrzeug herstellen, Stühle aus der Heckklappe und Tisch aus dem Kofferraum entnehmen, aufbauen. Fahrzeug an den Landstrom anschließen, Markise ausfahren und Frontsitze drehen. Da statt einer mechanischen nun eine elektrische Handbremse verbaut wurde, gestaltet sich das deutlich einfacher – mehr Raum im Durchgang.

Die Niveauanzeige sorgt meist für eine optimale AusrichtungFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeDie Niveauanzeige sorgt meist für eine optimale Ausrichtung

Die Markise ist beim Testwagen fahrerseitig angebracht, eine Schiene dafür gibt’s auf beiden Seiten. Zwar werden wir mehrmals darauf angesprochen, dass die Markise auf der falschen Seite sei, doch die Antwort ist simpel: Sie liegt auf genau der richtigen, es ist für die meisten jedoch ungewohnt. Denn der neue California hat erstmals zwei Schiebetüren, wodurch der Küchenblock hinter dem Fahrersitz zwar etwas an Länge verlor, der Kühlschrank jedoch jetzt als Schublade unter Spülbecken und Einflamm-Gaskocher sitzt – und nun auch ganz bequem von außen zugänglich ist. Am Küchenblock befindet sich außerdem ein Tisch, der entweder außen oder auch im Innenraum in ein Schienensystem eingehängt werden kann. Nach exakt 23 Minuten ist das Camp am ersten Tag errichtet – Luft nach oben ist vorhanden. Und nur wenige Tage später korrigieren wir den Wert auf zehn Minuten.

Mit nur wenigen Handgriffen wird das Dachbett zur SonnenliegeFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeMit nur wenigen Handgriffen wird das Dachbett zur Sonnenliege

Jetzt heißt es aber: Camper-Modus on. Und das ist nicht nur bildlich zu verstehen. Denn in der C-Säule sitzt die Camper-Bedieneinheit, ein fünf Zoll großer Screen, mit dem man alles im Blick hat. Hier erhält man Statusberichte zu Frisch- und Grauwasser sowie zur Batterieladung – im Ocean sind zwei Zusatzbatterien verbaut, je nach Nutzung kann man rund zwei Tage autark stehen. Außerdem lassen sich sämtliche Einstellungen vornehmen: von der Beleuchtung, bei der jede Lampe einzeln steuer- und dimmbar ist, über den Kühlschrank, der für die Nacht über einen sogenannten Flüstermodus verfügt, bis hin zur Standheizung, die den Wagen in wenigen Minuten aufheizt.

Digital unterwegs: Auch für eine Arbeitssession eignet sich der California. Dank des Bedienteils in der C-Säule ist die Kontrolle immer in ReichweiteFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeDigital unterwegs: Auch für eine Arbeitssession eignet sich der California. Dank des Bedienteils in der C-Säule ist die Kontrolle immer in Reichweite

STUFENLOS ZU VERSCHIEBEN

Später, nach einem entspannten Abend mit Seeblick, muss nur noch das untere Bett aufgebaut werden, was in weniger als drei Minuten möglich ist. Der neue California verfügt erstmals über Einzelsitze im Fond. Die lassen sich auf dem Schienensystem stufenlos verschieben, sogar ausbauen, um den Wagen auch mal als Transporter einzusetzen. Beim Bettaufbau erweist sich das System als äußerst praktikabel. Sitze nach vorn ziehen, umklappen, Matratze drauf, fertig. Die Bettenbelegung ist klar: Die Tochter liegt, abwechselnd mit einem Elternteil, oben im Dachbett. Eine Entscheidung, die sich als Glücksgriff erweist, selten schlief die Kleine entspannter (die frische Luft). Der andere Elternteil nimmt das Heckbett und genießt ein wenig Zeit für sich. Schon nach der ersten Nacht ist klar: kompakter Camper mit kompakter Familie – funktioniert.

Nach nur zehn Minuten: Das Camp ist fertigFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeNach nur zehn Minuten: Das Camp ist fertig

Wenige Tage später sind wir auf einem Bauernhof nahe Rosenheim, einem Platz im Hinterland mit atemberaubender Aussicht auf den Sonnenuntergang. Bergpanorama, Natur, Ruhe. Und immer mit Blick auf unsere kleine Reisebegleiterin, die einem in jeder Sekunde vor Augen führt, was wirklich zählt. Wie scheinbare Kleinigkeiten zu großen Ereignissen werden. Wie aus banalen Momenten Erinnerungen für die Ewigkeit entstehen. Wie eine Gondelfahrt zum großen Highlight eines bisher kurzen Lebens wird.

AUSSENDUSCHE UND ZUZIEHHILFE

Auch in Sachen California kommt es oft auf die kleinen Dinge an, die das Leben leichter machen. Abkühlung gefällig? Der Anschluss für die Außendusche sitzt im Heck. Kind ins Bett gebracht, draußen hingesetzt und das Licht angelassen? Mit der California App ist alles geregelt. Krampf im Fuß? Travel Assist! Das Kind schläft und man möchte möglichst geräuschlos den Wagen verlassen? Stichwort: elektrische Zuziehhilfe. Während die anderen Camper noch spät am Abend die Türen ihrer Oldtimer zuknallen, lassen wir sie ganz sanft gleiten, das System erledigt die letzten Millimeter.

Voilà, die Liegewiese: Selbst mit einem weiteren Kleinkind wäre die Reise problemlos möglichFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeVoilà, die Liegewiese: Selbst mit einem weiteren Kleinkind wäre die Reise problemlos möglich

Nach einem entspannten Osterwochenende auf der bayerischen Halbinsel Burg nahe Murnau am Staffelsee lassen wir das Alpenpanorama hinter uns und treten den Heimweg an. Knapp 900 Kilometer liegen vor uns, mit Zwischenstopps auf einem Campingplatz bei Nürnberg und auf einer Alpakafarm bei Kassel arbeiten wir uns vor in Richtung Flachland. Ich mache mir Gedanken über ein Fazit. Und plötzlich fallen mir die Dinge ein, die noch nicht auf dem Prüfstand waren. Hatte der Wagen nicht ein Head-up-Display? Ach, und eine Sprachassistentin doch auch? Wie hieß die noch mal? Ida! Einen Versuch ist es wert: „Ida, bitte aktiviere das Head-up-Display!“ Gesagt, getan – tatsächlich eine beeindruckende Performance. Die ins Bild passt, denn der Langzeittest hat eines bewiesen: 75 Jahre Erfahrung zahlen sich aus.

Van-Romantik: Wenn die Sonne so schön untergeht, ist der Camper der beste Platz auf ErdenFoto: Hendrike Tesch, Dominik LangeVan-Romantik: Wenn die Sonne so schön untergeht, ist der Camper der beste Platz auf Erden

Der Wagen ist bis auf den letzten Millimeter durchdacht. Dort, wo Stauraum möglich war, wurde welcher geschaffen. Dort, wo man Ladeanschlüsse fürs Smartphone braucht, sind welche vorhanden. Als wir dem kleinen Passagier auf der Rückbank verkünden, dass uns das Urlaubsauto bald wieder verlassen muss, ernten wir Verwirrung. Zu sehr ist ihr der Wagen ans Herz gewachsen, viele schöne Erinnerungen sind jetzt mit ihm verknüpft. Nur ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Ginge es nach dem California, wäre die Familienplanung nach zwei Kindern abgeschlossen. Doch für uns ist das noch Zukunftsmusik.