Campingtest Varius Megavan T6.1Höchst variabel

Heiko P. Wacker

 · 08.11.2022

Campingtest Varius Megavan T6.1: Höchst variabelFoto: Jan Bürgermeister

Schon 1984 betrat die Marke Varius die Bühne, und von Anfang an setzten die Oberschwaben auf VW. Mit verschiedenen Küchen und Dächern wird dem Trans­porter das Campen beigebracht. Im Fokus steht aber immer die geniale Schlafbank

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Foto: Jan Bürgermeister

Wie eng Moderne und Tradition beieinander liegen können, das spürt man im Auto-
haus Ströbele in Ochsenhausen ganz besonders. Zum einen steht da ein fein restaurierter Brezelkäfer im Schaufenster, kündend von den Jahren des zarten Wirtschaftswunders. Zum anderen faucht nur wenige Schritte entfernt das „Öchsle“ vorbei, die museale Schmalspurbahn ist eine Attraktion in der Region. Und dann wäre da noch die Sache mit dem 1986 vorgestellten Hochdach-Boot, das abnehmbare Varius-Dach für den T3 ließ sich als Wasserfahrzeug nutzen, auf Wunsch sogar mit Außenborder.

Verlagssonderveröffentlichung

Das ist alles Geschichte, heute fertigt Ludwig Zängerle, er übernahm die Marke Varius vor einigen Jahren von Roland Spranz, moderne Reisemobile auf Basis aktueller VW Transporter. Für den Vertrieb wie auch die Beschaffung der Basisfahrzeuge ist das Autohaus Ströbele zuständig. Hier werden die Camper denn auch ausgeliefert, eine für beide Seiten sehr angenehme Situation, wie es scheint. „Besonders gern realisieren wir die Camper auf Basis von Kombi oder Caravelle, da hier die notwendigen Haltepunkte oder der weich gepolsterte Boden schon vorhanden sind“, meint Bernd Amann zu den Basisfahrzeugen. Als „Verkaufsberater Nutzfahrzeuge“ ist er im Autohaus für alles, was so aus Hannover kommt, zuständig, und folglich auch für die Varius-Camper. Einzig auf die Frage nach den Stückzahlen muss auch er passen. Und das hat einen Grund, lädt doch das Varius-Programm geradezu ein, sich den Camper im Stückwerk zu gestalten. Oft werden im Nachgang noch ein Dachschrank oder ein SCA-Aufstelldach montiert, mitunter ordern Kunden auch einen Küchenblock und die Schlafbank für ein Auto im Eigenausbau. „Ein exaktes Zählen ist deshalb kaum möglich“, höchstens ein Schätzen – und hier würde man auf einen dreistelligen Wert kommen.

Die wichtigsten Campingmodule selbst lassen sich nämlich ohne eine Änderung am Fahrzeug verbauen. Weder werden Löcher für Wasserleitungen gebohrt, noch Halterungen eingesetzt. Dachschrank, Küchenblock und Bett nutzen die originalen Haltepunkte im VW, und die haben sich seit 2003 nicht geändert. Alle Elemente passen deshalb in jeden Bulli ab dem Modell T5, sofern original mit Rückbank ausgestattet, was auch die Mitnahme in ein anderes Auto erlaubt. Zwar nicht mal eben so im Vorbeigehen – der Schlafbank sieht man ihr robustes Gewicht durchaus an – rund 20 Minuten reichen aber für eine Translokation der Konstruktion.

„Man muss aber zu zweit sein“, schmunzelt Bernd Amann ob der rund 80 Kilo, „eine Eigenentwicklung“, eine geniale zumal. Denn mit ein bisserl Übung ist die Sitzbank in drei (!) Sekunden zum Bett umgebaut. Selbst beim ersten Mal dauert es maximal eine halbe Minute, und auch das nur, weil man höllisch Respekt hat vor der oberschwäbischen Schlosserarbeit.

Oberschwäbische Schlosserarbeit

Zunächst wird ein kleiner Riegel gezogen, die Lehne schwingt in die Waagrechte, während mit dem linken Fuß ein kleiner Metallbogen im Bereich der Schiebetür die Lehne samt Gestell nach vorne schwingen lässt. Ein sattes Einrasten markiert das Ende der Aktion, frei schwebt die Lehne nun als Teil des Betts im Auto. Die Liegestatt misst 160 auf 193 Zentimeter, die hundert Millimeter dicke Matratze bietet auch ohne Topper einen überraschend guten Liegekomfort: „Wir verwenden Ether-
Schaumstoff, der Klassiker im Fahrzeugbau. Der ist auch langlebiger als Kaltschaum“, erklärt Ludwig Zängerle. An den Start geht die Bank ab 3.133 Euro. Zumeist wird jedoch das „Megavan Active Paket“ geordert, wie es auf diesen Seiten zu sehen ist. Für 4.205 Euro gab es im vorliegenden Fall die Sitz-Liegebank mit zwei Gurtschlössern und die Seitenwand mit variabler Tischanlage hinterm Fahrersitz. Aufpreispflichtig waren einzig der Polsterstoff „Double Grid“ zu 50 Euro und der besser ausgestattete Küchenblock „Komfort - All In One“, für den zusätzliche 400 Euro aufgerufen wurden. Der Name „Megavan“ wird übrigens seit 1991 für die Ausbauten genutzt, am Fahrzeug selbst findet sich indes kein Hinweis.

Ausgebaut werden auch Gebrauchte

„Bezogen ist die Schlafbank im Normalfall mit demselben Stoff, der sich auch an den Vordersitzen findet“, betont Bernd Amann, der auf die Qualität des Materials auf Jahre hinaus verweist, während er das Bett zurückbaut. Hierfür muss nur ein zweiter Riegel betätigt werden. Nun kann die Lehne wieder an ihren Platz schweben, der Stauraum unterm Bett ist vom Innen- wie vom Kofferraum aus zugänglich. Hier kann man auch gut die massiven Metallfüße erkennen, die in den originalen Rasten ruhen. Deshalb ist es auch kaum sinnvoll, einen Kastenwagen auszubauen, dem erst solche Haltepunkte implantiert werden müssten.

Kombiniert wird das Bett fast durchweg mit einem von vier Küchenblöcken, wobei die zweitgrößte Variante, wie sie auch im Helden dieser Geschichte verbaut ist, als Bestseller gelten kann. Fixiert wird auch dieses Modul an den Haltepunkten im Fahrzeug. Ein Gaskartuschenkocher und ein Edelstahlbecken bestimmen die Optik, je zehn Liter Frisch- und Grauwasser reisen in Kanistern hinterm Fahrersitz mit. Eine von Dometic bezogene Kühlbox komplettiert die Konstruktion, der es freilich ein wenig an Stauraum für größere Kochutensilien fehlt. Als Arbeitsfläche, oder für das abendliche Glas Wein im Kerzenschein, steht die Fläche der Schublade bereit, sowie der seitlich an der Flanke verstaute Einhängetisch. Er misst 51,5 auf 83 Zentimeter, auch er ist aus beschichtetem Pappelsperrholz gefertigt, weiche Umleimer fassen die Flächen des Küchenblocks ein. Aus demselben Material wird auch der optionale Hängeschrank im Heck gefertigt, der als Stauraum sehr willkommen ist.

Vervollständigt wird das Reisemobil, und nun kommen wir zu jenem Teil, das nicht rückstandsfrei entfernt werden kann, durch das Schlafdach. Das SCA 194 bietet nicht nur ein Lattenrostbett mit einer Liegefläche von 192 auf 110 Zentimetern, sondern auch die feine Panoramafunktion. Andere SCA-Dächer sind auf Kundenwunsch realisierbar, wie auch der Kunde generell König ist, ausgebaut werden auch privat angelieferte Gebrauchtfahrzeuge.

Der hier gezeigte Ausbau mit SCA-Dach, Küche, Dachschrank und vor allem dem Bett stellt freilich die beliebteste Lösung dar, wobei eine Standheizung noch ebenso fehlte wie eine Camperelektrik. Verbaut war im gezeigten Auto eine reine Durchleitung des Landstroms in den Innenraum, natürlich mit Sicherungsautomat. „Eine Kombination mit Ladegerät für die Aufbaubatterie ist natürlich ebenso machbar wie die Unterflur-Standheizung“, erklärt Bernd Amann. In der Zeit zwischen der Fotoproduktion und dem Erscheinen dieses Artikels wurden diese Details nach Kundenvorgaben abgearbeitet und ergänzt. Vermutlich kamen auch noch ein Heckauszug oder Thermoverdunkelungen fürs Führerhaus hinzu, als Erweiterung zur dunklen Innenfolierung der Scheiben im Wohnbereich. Für die Folierung reisen regelmäßig Ulmer Spatzen – äh, Spezialisten natürlich – ins Autohaus. Dort wird man sich allmählich mit dem 40. Firmenjubiläum beschäftigen, welches 2024 ansteht, während die geniale Schlafbank schon ein Jahr früher den 20. Geburtstag feiern darf. Tradition und Moderne liegen eben mitunter eng beieinander. Und das hat Charme!