VW Passat Variant 2.0 TDI 4M vs. VW Arteon Shooting Brake 2.0 TDI 4MLust und Last

Martin Santoro

 · 18.03.2022

VW Passat Variant 2.0 TDI 4M vs. VW Arteon Shooting Brake 2.0 TDI 4M: Lust und LastFoto: Jan Bürgermeister

Der Arteon Shooting Brake ist optisch ein Volltreffer. Doch kann der Beau dem praktischen Alleskönner Passat Variant gefährlich werden? Das soll ein interner Kombi-Vergleich mit den Top-Dieseln klären

Der Deutschen liebster Kombi ist … Tadaaaaa: der VW Passat Variant! Seit Jahrzehnten schon versteht es der praktische Lademeister aus Niedersachsen, die Kunden mit maximalem Nutzwert, viel Komfort und toller Qualität zu begeistern. Jedoch ist er nicht mehr allein, teilt er sich die Showrooms der Volkswagen-Partners nun mit dem eng verwandten Arteon Shooting Brake. Die neue Karosserieform baut den Arteon seit dem Facelift 2020 zu einer eigenen Modellfamilie aus. Der hinreißend geformte Youngster entpuppt sich beim Blick auf die Preistafel als ebenbürtig zum Evergreen Passat Variant. Da fragt sich der Interessent zu recht: Kann der Beau mit dem Altmeister gleichziehen? Ist er am Ende gar die bessere Wahl? Antworten soll ein Vergleichstest liefern, in dem wir die Wolfsburger Brüder mit dem Topdiesel, 4Motion-Allradantrieb und DSG in der gehobenen Ausstattungslinie Elegance gegeneinander antreten lassen.

Verlagssonderveröffentlichung
Variant: Im Paket enthalten sind auch ein größerer Heckspoiler und zwei doppelflutige Endrohr-Blenden in Edelstahl, Arteon: Die edle Ausstattung garniert Volkswagen zudem in Serie mit 18 Zoll großen Alurädern
Foto: Jan Bürgermeister

Trotz Gleichstand bei der Plattformbasis MQB (Modularer Querbaukasten) überragt der Shooting Brake den Variant mit 4,87 Metern Außenlänge um satte 9,3 Zentimeter. Zudem bietet er einen um fünf Zentimeter längeren Radstand (2.836 zu 2.786 mm). Eines vorweg: Das Sprichwort „Wer schön sein will, muss leiden“ trifft auf den Arteon Shooting Brake jedenfalls nicht zu.

Fürstliches Raumangebot

Insbesondere beim Entern des Innenraums macht der Arteon deutlich, dass sein Platzangebot bei gleicher Sitzposition in weiten Teilen dem des anerkannt geräumigen Passat Variant gleicht. Hauptunterschied ist die um 5,6 Zentimeter flacher verlaufende Dachlinie. Das macht sich beim Zusteigen im direkten Vergleich ein wenig bemerkbar, einmal Platz genommen aber schränkt sie die Kopffreiheit selbst für Sitzgrößen kaum ein. Bei 1,80 Metern Größe bleibt vom Scheitel bis zur Decke etwa eine Handbreite Luft. Der Einstieg in den Arteon-Fond erweist sich hingegen mühsamer als beim Passat, da der Dachholm des Designer-Kombis weit heruntergezogenen wurde. Auf der bequemen Sitzbank überrascht die gebotene Kopffreiheit, die zwar kleiner ausfällt als im Passat, gleichwohl selbst großen Passagieren aber kaum Gründe zur Beanstandung liefert.

Beide Volkswagen-Kombis bieten im Fond gleichermaßen reichlich Bewegungsfreiheit, mit einem klaren Vorteil für den Arteon hinsichtlich der Beinfreiheit. Sein längerer Radstand schafft im Kniebereich eine ausgeprägtere Lounge-Atmosphäre als im Passat, der für sich genommen aber auch nicht knapp ausfällt. Beide Abteile laden klar zum langen Reisen ein. Auch das Kofferraumvolumen des Shooting Brake ist mit 565 bis 1.632 Litern mehr als ausreichend, um die meisten Aufgaben des Alltags zu meistern. Für Besuche im Möbelhaus oder Baumarkt eignet sich der Passat Variant mit seinen 650 bis 1.780 Liter riesigen Laderaum dennoch etwas besser. Darüber hinaus zeigen sich die Transportmöglichkeiten beim klassischen Transportmeister variabler. Im Gegensatz zum Arteon bietet der Passat auf Wunsch eine umklappbare Beifahrersitzlehne, zudem einen ebenen Ladeboden beim Umlegen der dreiteiligen Fondsitzlehne. Beim Shooting Brake mit zweigeteilter Rückenlehne müssen sperrige Gegenstände über eine leicht ansteigende Rampe nach vorn geschoben werden. Sperrgut von zwei Metern Länge passt gleichwohl hier wie dort anstandslos hinein – bei umgelegter Rückenlehne wohlgemerkt. Wegen seines höheren sowie steileren Hecks schluckt die Ladeluke des Passat allerdings Pakete größeren Formats, dessen Öffnung mit 90 Zentimetern ganze 15 Zentimeter höher baut.

Zudem bietet des Passat mehr Möglichkeiten, das Ladegut zu fixieren. Nicht ganz unwichtig: Der Passat bietet die niedrigere Ladekantenhöhe von 624 Millimeter zu 690 Millimeter.

Das Kombi-Coupé der Arteon-Baureihe muss ohne doppelten Ladeboden auskommen, verfügt aber gleichfalls über seitliche Stauräume. In Sachen Praktikabilität kann der schöne Shooting Brake dem praktischen Variant also nicht auf Augenhöhe begegnen.

Für Feingeister

Der Arteon zielt damit weniger auf Pragmatiker denn auf Feingeister, was auch an der Gestaltung des Interieurs deutlich wird. Hier kommen Alu- und Holz-Dekore großzügiger zum Einsatz, was eine Spur mehr Eleganz verleiht. Seine Armaturentafel unterscheidet sich vom Pendant im Passat nur geringfügig, im Wesentlichen durch getrennt und elegant eingefasste Lüftungsdüsen. So lässt sich etwa ein Smartphone leichter aus dem etwas größerem Passat-Ablagefach mit Qi-Ladefunktion entnehmen, obwohl beide Mittelkonsolen weitgehend identisch konzipiert sind.

Gleichstand herrscht beim Bedienkonzept, das samt Klimamodul fast vollumfänglich auf Slider und Touchflächen setzt. Lediglich das Passat-Lenkrad wartet noch mit echten Tasten auf, die sich besser bedienen lassen als die sensitiven Klarlackflächen des Arteon. Ausgesprochen gut gefällt in beiden Modellen ihr einheitliches digitales Kombiinstrument, das zahlreiche Ansichtsoptionen bietet. Während der Golf 8 auf Wunsch ein vollwertiges Head-up-Display auffährt, müssen Arteon und Passat noch immer mit einer ausfahrbaren Glasscheibe für Zusatzinformationen Vorlieb nehmen. Gerade bei niedrigen Drehzahlen und Vollast-Einsatz des TDI lässt sich ein leichtes Vibrieren nicht immer ausschließen.

Einen uneingeschränkt positiven Eindruck hat die umfangreiche Sicherheitsausstattung beider Probanden hinterlassen. So gehören unter anderem ein aktiver Spurhalteassistent oder eine Notbremsautomatik zum Serienumfang. Optional lässt sich der Arteon zudem mit teilautonomen Fahrfunktionen bestücken, die das Reisen komfortabler und sicherer machen. Grundsätzlich stehen für den Passat die gleichen Assistenzsysteme zur Verfügung, allerdings kosten einige empfehlenswerte Helfer bei beiden Kombis Aufpreis.

Das nächstes Kapitel widmet sich dem Antrieb: Der 200 PS starke Turbodiesel, der die beiden rund 1,7 Tonnen schweren Kombis antreibt, ist ein „alter“ Bekannter. Er verrichtet seinen Dienst seit etwas mehr als einem starken Jahr in zahlreichen Konzernmodellen.

Ein äußerst laufruhiger Diesel

Mit seinem kraftvollen Drehmoment von 400 Newtonmetern ab 1.750/min lässt der kultivierte Selbstzünder in beiden Volkswagen kaum fundierte Wünsche nach mehr Leistung aufkommen. Gerade im mittleren Drehzahlbereich sorgt der Evo-TDI für druckvolle Beschleunigung, während das zackig schaltende Doppelkupplungs-Getriebe fleißig und passgenau die sieben Gänge sortiert. Hinzu kommt optional der in den Testwagen jeweils verbaute Allradantrieb 4Motion. Das vollelektronisch geregelte System nach dem Haldex-Prinzip schaltet bei Bedarf die Hinterräder zu, was sich als effizienter erweist als ihr permanenter Betrieb.

Damit absolvieren beide Aspiranten den Sprint aus dem Stand auf 100 km/h gripsicher in souveränen wie nahezu identischen Zeiten von 7,2 (Passat) und 7,3 (Arteon) Sekunden. Auch darüber hinaus enteilt keiner dem anderen bis zum Spitzentempo von 230 km/h, obwohl der Designer- Kombi einen deutlich besseren cW-Wert aufweist. Weil er im Gegenzug auch einen satten Zentner mehr auf die Waage bringt.

Gleichzeitig stellen die mit einer mehrstufigen Abgasnachbehandlung (Twindosing) ausgerüsteten Triebwerke anhand ihrer Durchschnittsverbräuche von 6,6 (Passat) und 6,7 (Arteon) Litern auf 100 Kilometer unter Beweis, dass ein sauberer (Abgasnorm 6d-ISC-FCM) sowie effizienter Diesel für Vielfahrer immer noch die erste Wahl ist. Bei zurückhaltender Fahrweise, am besten im Eco-Fahrmodus der optionalen Fahrprogramme, sind auch Verbräuche von unter fünf Litern möglich. Selbst bei flotten Fernfahrten sind kaum mehr als acht Liter zu verzeichnen, klasse.

Beim Fahren unterdrückt der Arteon Wind- und Abrollgeräusche trotz rahmenloser Türen dank des Akustikpakets (580 Euro) merklich kompetenter als der Passat. Zudem wirkt der Motor akustisch noch besser vom Innenraum entkoppelt.

DCC und mit Allradantrieb

Grundsätzlich handelt es sich sowohl beim Arteon Shooting Brake als auch beim Passat Variant um hochkomfortable Reisebegleiter, mit denen das Abspulen langer Strecken eher Lust statt Last ist – zumal in beiden Testwagen aufpreispflichtige, adaptive Dämpfer (1.200 Euro) für einen gesteigerten Federungskomfort sorgen. Diese erlauben – im Rahmen der Fahrprofile oder individuell einstellbar – eine weite Spreizung zwischen Komfort und Sport. So sind Shooting Brake und Variant auf Wunsch sportlich agil oder besonders komfortabel abrollend unterwegs. Die Unterschiede sind eher marginaler Natur. Beide rollten auf Winterbereifung zum Test: Der Arteon in 18-Zoll-Seriengröße mit breiten 245/45er-Gummis, der Passat auf optionalen 18-Zoll- “Montery“-Felgen (765 Euro) inklusive 235/45er-Pneus. Er kommt in Serie „nur“ auf 17 Zoll.

Während der Shooting Brake die sehr direkte und feinfühlige Progressivlenkung (Serie Elegance) mitbekommt, kostet das Vergnügen beim Passat im R-Line-Sportpaket Aufpreis (530 Euro). Enthalten ist darin aber auch gleich die elektronische Differenzialsperre XDS, für die der Arteon 215 Euro extra berechnet. Wer Passat fährt, muss für ein dynamischeres Fahrgefühl insgesamt etwas mehr hinblättern. Fakt ist: Beide Kombis bieten jede Menge Fahrspaß, dank ihrer Allradantriebe auch bei Nässe oder Schnee.

Überraschung beim Preis

Was die Preisgestaltung angeht, beginnt das Kombi-Universum beim Passat bereits bei 33.655 Euro (1.5 TSI, 150 PS) als „Conceptline“. Die erheblich umfassender ausgestattete Basis des Arteon Shooting Brake (2.0 TDI, 150 PS) startet mit 43.865 Euro. Unser Testwagen Arteon Shooting Brake Elegance mit Topdiesel kostet 53.270 Euro, der gleich starke Passat Variant Elegance liegt bei 54.995 Euro – jeweils mit 4Motion-Antrieb.

Wer auf den Allradantrieb verzichtet, spart 2.175 Euro beim Arteon und 2.585 Euro beim Passat. Doch während der Arteon Elegance eine Klimaanlage und LED-Scheinwerfer mitbringt, gibt es beim Passat Elegance gleich Matrix-Scheinwerfer und eine 3-Zonen-Climatronic ab Werk mit dazu. Beim Blick auf das jeweilige Angebot wählen Arteon-Interessenten unter drei Linien, beim Passat sind es vier. Ihre Aufpreislisten locken gleichermaßen mit vielen Annehmlichkeiten, wobei der Shooting Brake eine noch erleseneren Auswahl offeriert, was mehr Freiraum bei der individuellen Gestaltung zulässt. In Summe betrachtet bleibt der Passat Variant der Nutzwert-Orientierung treu, während der Arteon Shooting Brake sich lifestyliger aufstellt. Im Fahrbetrieb schenken sich beide kaum etwas, bieten freilich bestes Volkswagen-Fahrvergügen.


Test kompakt

Wie zu erwarten, verlief der Vergleichstest der beiden Mittelklasse-Kombis aus dem Hause Volkswagen weitgehend auf Augenhöhe. Der neue Arteon Shooting Brake setzt den hausinternen Wettbewerber durch seine coole Optik gehörig unter Druck. In Sachen Komfort, Technik, Verarbeitung und Assistenzen macht man ihnen ebenso wenig etwas vor wie bei den ausgezeichneten Fahrleistungen. Der Passat Variant bietet den höheren Nutzwert, während der Arteon etwas mehr Premium-Lifestyle-Aroma versprüht.