Porsche 911 GT3Der hat den Dreh raus

Joshua Hildebrand

 · 30.10.2022

Porsche 911 GT3: Der hat den Dreh rausFoto: J. Bürgermeister

510-Sauger-PS, Heckantrieb und Handschaltung machen den Porsche 911 (992) GT3 nicht nur zu einer absoluten Rarität in der Sportwagenwelt, sondern auch zu einer verdammt schnellen Herzensangelegenheit – jenseits der 8.000 Touren und des Pulses von 170 … Abfahrt!

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Foto: J. Bürgermeister

Oh, was hat das Schwabenländle nicht alles an Köstlichkeiten zu bieten: Maultäschle, Spätzle mit Linsen oder Zwiebelrostbraten mit Knöpfle. Hach, ja … Ein schwäbisches Sprichwort besagt ja: „Bei de Reiche lärnd ma s’schbara, bei de Arme s’kocha“. Haben Sie verstanden? Gut. Denn im Ländle der schier unbegrenzten Möglichkeiten können sie nicht nur gutes Essen, sondern auch tolle Autos. Und vor allem teure: Sparen ist da sicherlich ein gutes Stichwort, weil der neue Porsche 911(992) GT3 für die meisten Menschen ein Traum bleiben dürfte. Knapp 180.000 Euro rufen die Zuffenhausener für dieses Schätzchen auf. Dass es vor einem Jahr noch gut 13.000 Euro weniger waren, spielt da eigentlich auch keine Rolle mehr. Im Falle des 992 GT3 darf sowieso froh sein, wer überhaupt einen bekommt. Auch deshalb ist er so begehrt wie wertstabil …

Verlagssonderveröffentlichung

Helm haben wir dabei, Handschuhe auch – und das ist keineswegs übertrieben. Wie bei Porsche üblich, haben GT-Modelle vor allem eine Bestimmung: schnell sein.

„Boah, liegt der gut“

Belegen soll das die in die Nordschleife gemeißelte Zeit von 6:59,927. Zum Vergleich: Der Vorgänger 991.2 GT3 benötigte immerhin 17 Sekunden länger. Nun sind wir aber nicht zum Erbsenzählen gekommen, sondern zum Bewerten der Fahreigenschaften. Und die sind – wenig überraschend – wieder einmal sensationell. Mit zunehmender Geschwindigkeit spannen sich unsere Muskeln an, fester greifen wir ans Alcantara-ähnliche, mit Race-Tex-bezogene, Volant. Trotz deaktivierter Elektronik wie ESC und Traktionskontrolle bleibt er auch bei falscher Gasdosierung im Kurvenscheitel absolut beherrschbar. Ja, der Elfer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und klebt auf der Straße wie ein festgetretenes Kaugummi. Der mit uns knapp 1.500 Kilo wiegende Hecktriebler verteilt sein Gewicht 60 zu 40 Prozent auf dem Heck, was zu einer abartig guten Traktion führt. Das liegt natürlich auch an den aufgezogenen Michelin- Semis (Typ Pilot Sport Cup 2), die am GT3 in mischbereifter Form (v/h: 255/35 ZR 20 und 315/30 ZR 21) zum Einsatz kommen.

Die neu entwickelte Doppelquerlenker-Vorderachse aus dem 911 RSR mit höherer Sturzsteifigkeit sowie die gelenkte Hinterachse mit zusätzlichen Kugelgelenken tun ihr Übriges. In der Zwischenzeit ist aus uns – dem GT3 und mir – eine handfeste Einheit geworden. Es ist schon krass: Dieser straßenzugelassene Rennwagen ist respekteinflößend, dennoch berechenbar, absolut präzise, gutmütig. Zumindest, so lange man es nicht übertreibt. Selbst als geübter Fahrer denkt man immer wieder: „Das kann doch niemals gutgehen!“ Doch der GT3 biegt selbst dann noch ab, wenn sich gefühlt kaum mehr Spielraum bietet. Dank mechanischer Sperre (beim Handschalter), Torque Vectoring (Kurven-inneres Rad wird abgebremst) und Hinterachslenkung scheint es so, als würden die physikalischen Kräfte einfach kurzerhand außer Kraft gesetzt werden – Wahnsinn!

Vierliter-Beats by Dr. Dreh

Ausbremsen kann uns scheinbar nur die Angst. Oder die größere Serienbremse mit 408 statt 380-mm-Scheiben an der Vorderachse. In unserem Fall verrichten sogar knapp 10.000 Euro teure Keramikstopper ihren Dienst. Sie mögen zwar in allen Belangen besser sein, ziehen aber auch horrende Wartungskosten mit sich. Fahren im 992 GT3 birgt jedenfalls so viele süchtig machende Momente, dass wir aufgehört haben, darüber nachzudenken. Wir genießen nur noch.

Freudenspender ist wieder ein trockensumpfgeschmierter Vierliter-Boxer-Saugmotor, der seinen Hochdrehzahl-Wurzeln treu bleibt. Bedeutet ein großes Drehzahlband, das erst bei 9.000 Umdrehungen hart begrenzt ist. Der neue GT3 verfügt nun über 510 PS (bei 8.400 U/min) sowie 470 Newtonmeter (10 PS und 10 Nm mehr als der Vorgänger). Damit knallt er so schnell in Richtung des Begrenzers, dass man nicht nur im Kopf, sondern auch in Fuß und Hand fit sein muss.

Die Ansaugseite des Aggregats setzt wie im Rennsport auf sechs Einzeldrosselklappen, zum einen für ein wahnsinnig scharfsinniges Ansprechverhalten und zum anderen wegen der Einhaltung der Abgaswerte. Damit katapultiert dich der beflügelte Porsche auf der Landstraße binnen weniger als 3,5 Sekunden in Bußgeld-Nähe. Bitte lächeln … Das kann übrigens schon im 2. Gang passieren, der ausgedreht bis zu 130 km/h bringt.

Der Soundtrack des Boxers ist dabei unverschämt. Unverschämt geil! Je näher man an die rote Neun dreht, desto kreischender komponiert der Heck-B6 aka „Dr. Dreh“ das Klangerlebnis. Wie in einem Musikhit gesellen sich Klänge wie das Fahrwerks-Klackern der Uniball-Lager und das Plobben der kurz geführten Handschaltung hinzu – ein Ohrenschmaus für Motorsport- Fans. Auch, wenn der GT3 mit einer reduzierten Ansicht (Track-Screen) samt digitalen Schaltpunktanzeige unterstützt, bleibt kaum Zeit, den Tacho im Blick zu behalten.

Egal. Denn im GT3 fühlt man die Straße, spürt man Geschwindigkeiten und hört den richtigen Schaltpunkt. Helfen tut natürlich das Popo- meter, das mit Wahl der haltstarken Carbon-Vollschalen (5.355 Euro) noch besser funktioniert.

Wir fahren rechts raus. Die Schwelle zum Parkplatz überfahren wir dank optionalem Liftsystem ohne Bodenberührung. Das Herz pocht, der Puls liegt jenseits der 170. Und der beruhigt sich auch beim Anblick dieses Sport-Geräts nicht …

Näher am Motorsport denn je

Schon im Stand sieht der GT3 rasant aus. Seine geschärfte Optik basiert auf markanten Karosserie-Elementen, die sich im Dienst der Aerodynamik positiv auf die Performance auswirken. Dies beginnt bei der optimierten Frontpartie mit ihren großzügig dimensionierten Öffnungen für die effizientere Kühlung, geht weiter mit der Leichtbau-Carbonhaube samt großer Luftauslässe und zieht sich bis zum 992-GT3-Merkmal Nummer eins: dem hängenden Heckflügel, der aufgrund seiner Halterung auch Schwanenhals-Flügel genannt wird. Die ausgefeilte Aerodynamik profitiert von den Erfahrungen aus dem Rundstreckensport und generiert deutlich mehr Abtrieb, ohne den cW-Wert nennenswert zu beeinflussen. Der Flügel und der Diffusor sind für Rennstreckenausflüge manuell einstellbar. Schon in der Werkseinstellung verfügt der 992 über 50 Prozent mehr Downforce als der Vorgänger.

Trotz breiterer Karosserie, größerer Räder und technischer Features hat der neue GT3 kaum zugelegt: Mit Schaltgetriebe wiegt er ohne Fahrer gerade einmal 1.418 Kilogramm.Weil bei einem Sportwagen grundsätzlich jedes Kilo stört, zeigt sich der Porsche in vielerlei Hinsichten gewichtsoptimiert. Die CFK-Motorhaube, das Glas aller Scheiben, die Sportabgasanlage und sogar die LiFePO4-Starterbatterie sparen ein bisschen Gewicht ein. In Summe bringt es der 992 GT3 auf ein Leistungsgewicht von nur 2,8 Kilogramm pro PS, was ein ziemlich guter Wert ist. Zum Vergleich: ein Golf 8 GTI hat etwa das doppelte – und der geht auch schon richtig gut.

Die Nähe zum Rennsport drückt sich auch im ergonomisch perfekten Cockpit aus. Das aufpreisfreie Clubsport-Paket – das hatte der Testwagen nicht – würde zudem einen Überrollbügel, einen Sechspunktgurt auf der Fahrerseite, einen Feuerlöscher im Beifahrer-Fußraum sowie einen Batterietrennschalter mit sich bringen; macht bei artgerechter Haltung definitiv Sinn.

Mit einer Prise Verrücktheit ist der GT3 jedoch durchaus auch im Alltag handelbar, obwohl er bei langsamer Fahrt echt hart über Unebenheiten rollt. Dafür böte er neben dem Kofferraum unter der Fronthaube (132 Liter) rein theoretisch noch mehr Platz fürs Reisegepäck als ein Standard-Elfer, da er aus Gewichtsgründen auf die Notsitze verzichtet. Oder vielleicht den ein oder anderen Reservekanister? Spaß beiseite: Im „Alltagsbetrieb“ genehmigt sich der Sportler um die zehn Liter Super Plus – was okay ist. Mit Schalk im Nacken sind es locker 14 Liter und auf der Rennstrecke gerne auch mal 20. Doch, mal ehrlich: Welchen GT3-Käufer interessiert das? Auch, dass dieser Sportwagen über das volle Konnektivitäts-Arsenal verfügt und eher weniger auf Assistenzsysteme setzt, ist bei einer Fahrmaschine gewiss nur eine Randnotiz.

Wie bitte? Ihnen ist der GT3 noch nicht extrem genug? Dann passen Sie mal auf: Porsche hat jüngst das dazugehörige RS-Modell gelauncht. Und der setzt wirklich in allen Belangen noch einen drauf. Ja, das geht wirklich …


Test kompakt

Der 911 GT3 war schon immer ein exklusiver, faszinierender Sportwagen und für Fahrdynamik-Liebhaber der Himmel auf Erden. Nach 996, 997 und 991 führt auch der 992 diese gut gehütete Tradition fort: technischer, besser, schneller … und leider auch wieder teurer. Jedoch dürfte, wie bisher auch, die Investition in den neuesten GT3 eine gute Wertanlage bleiben. Sie können einen bekommen und ihn sich leisten? Worauf warten Sie noch?