Audi S8Super-Acht

Arne Olerth

 · 22.10.2022

Audi S8: Super-AchtFoto: Jan Bürgermeister

Von wegen Schmalfilm: Audis sportliche Luxuslimo S8 serviert die volle Bandbreite an Fahrkultur – von super-komfortabel bis extra-scharf. Die Scheinwerfer projizieren Clips auf die Straße – großes Kino

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Foto: Jan Bürgermeister

Hinten rechts – das ist der bevorzugte Sitzplatz von Eignern einer Luxusklassen-
Limousine. Eigentlich. Doch im Falle des Ingolstädter Flaggschiffs kommt das fast schon einem Frevel gleich, serviert der A8 doch seit jeher ein für diese Klasse ungewöhnlich hohes Maß an Fahrspaß. Die Rückbank des Audi bleibt daher gern unbelegt und der Chauffeur bekommt frei, der Audi-Pilot greift selbst ans Volant. Audi legt noch einen drauf und hält für den Selbstfahrer eine Sportversion bereit: die Sport-Limousine Audi S8.

Verlagssonderveröffentlichung

Bereits zwei Jahre nach dem Einstieg der Bajuwaren in das Segment der Luxusklasse legten sie den S8 auf Kiel: Ab 1996 lockte die erste Generation mit einem 340-PS-V8 solvente Sportfahrer, die begeistert zugriffen. Die Leistung explodierte im Laufe der Zeit – auf ein V10- folgte ein V8-Aggregat mit Biturbo-Aufladung, das in der aktuellen, vierten S8-Generation auf satte 571 PS erstarkte. Logisch, dass der Premium-Hersteller die Kunden immer schon mit einem wahren Feuerwerk an technischen Leckereien verwöhnt. So glänzt die überarbeite Version mit Mild-Hybridisierung und Zylinderabschaltung, Aktivfahrwerk, OLED-Rückleuchten und Micro-Matrix-LED-Scheinwerfern. Es ist angerichtet!

Der Athlet unter den Luxus-Limousinen

Jenseits von allen Technik-Highlights umgibt den Hauptdarsteller dieser Seiten eine Aura von dynamischer Eleganz, für die es neben den fürstlichen Gardemaßen – der S8 misst 5,19 und 1,95 Meter in der Länge beziehungsweise Breite bei nur 1,48 Metern Höhe – eine meisterliche Stiftführung am Zeichenbrett bedurfte. Marc Lichte, Designchef bei Audi, schuf eine Silhouette, die trotz traditionellem Limousinen- Schnitts von progressiver Dynamik geprägt ist.

Die Front? Ein Ausdruck höchsten Prestiges! Ein gewaltiger Singleframe-Grill, eingefasst in einen Alurahmen, prägt das Gesicht des S8 genauso wie die flankierenden, nach innen gepfeilten Scheinwerfer. Aluspangen betonen die seitlichen Lufteinlässe. Die Seitansicht offenbart die ganze Schönheit der Sportlimousine mit langer Haube, schräg stehender Heckscheibe und vergleichsweise kurzem Kofferraumdeckel mit kleiner Abrisskante. Ein sportlich kurzer Überhang vorne wirkt genauso stilprägend wie der gewaltige Radstand von knapp drei Metern. Riesige Radhäuser werden von den 21-Zoll-Optionsfelgen, die eine Nummer größer ausfallen als in Serie, optisch perfekt gefüllt. Auch der Farbton Ultrablau Metallic (1.100 Euro) betont die sportliche Seite des S8 – genauso wie die alufarbenen Spiegelkappen (Serie). Ruhig modellierte Flächen und Chromleisten an Fenstern und Seitenschwellern wiederum unterstreichen die elegante Seite des Audi. Derartige Zierleisten ziehen das Heck optisch in die Breite: Am durchgehenden Schlusslichtband spannt sich eine Leiste quer über die Wagenbreite, die Abgasanlage mit zwei chromblitzenden Doppelendrohren wird ebenfalls von einer Chromspange eingefasst. Kein Anflug von pubertärem Gehabe, alles wirkt stimmig und zeitlos komponiert.

Beim Öffnen der Türen schnellt der S8 fünf Zentimeter in die Höhe, erleichtert gentlemanlike den Zustieg. Möglich macht’s das Aktivfahrwerk, dazu später mehr. Ein sanftes Anlehnen der Tür nach dem Einsteigen genügt, der S8 zieht das Portal sanft ins Schloss (Aufpreis). Feinste Materialien in Manufakturstandard verarbeitet – das Interieur sorgt bei Qualitätsfanatikern für glänzende Augen. Standardmäßig in sportivem Schwarz gehalten sorgt das optionale Designpaket „Pastellsilber“ für einen dynamisch-eleganten Auftritt, der perfekt mit dem blauen Exterieur harmoniert. Die dazugehörigen Fauteuils machen den hohen Anspruch des Herstellers offensichtlich: Die Sitzmittelbahnen sind mit perforiertem Leder überzogen, veredelt mit einer akkurat gesetzten Rautensteppung. Die Wangen in Glattleder tragen Kontrastnähte und Biesen in Grau. On top gibt es ein liebevoll gesticktes „S“-Signet. Memory, Heizung und Lüftung sind selbstverständlich. Und: Sorgen bereits die fürstlichen Maße und die klasse Konturierung für entspanntes Reisen, so setzt die Massagefunktion hier noch einen drauf. Das edle Leder spannt sich großzügig auch über weite Teile des Interieurs, inklusive der Oberseite der Armaturentafel. Klavierlack, Aluminium und feine Ambientelicht-Linien setzten den perfekten Kontrast dazu – hier hält man sich gerne auf. Das Raumangebot? Der Klasse entsprechend mehr als ausreichend. Das Digitalcockpit ist genauso Serie wie die beiden Touchscreens mit haptischem Feedback – Audi setzt hier in der automobilen Ober- und Luxusklasse den Standard.

Der Blick fällt nach vorne, auf die ellenlange Haube: Hier ist ein Vierliter-V8 mit zwei Twin Scroll-Turboladern installiert, der 571 PS leistet. Fast noch wichtiger: das Drehmomentplateau von brutalen 800 Newtonmetern, das der Biturbo zwischen 2.050 und 4.500 Touren aufspannt. Über eine Achtgang-Tiptronic mit Wandler- überbrückung werden die Momente an Vorder- und Hinterhand geleitet – ein selbstsperrendes Mittendifferenzial regelt die Verteilung heckbetont. Dazu gibt es ein Sportdifferenzial für die Hinterachse, das die Momente gezielt nach links oder rechts leiten kann. Serienstandard, ebenso wie die Allradlenkung. Aufpreispflichtig hingegen ist die Keramik-Bremsanlage, die für eine besonders fadingresistente Negativbeschleunigung sorgt – in Summe ein wahrlich aufwendiges Fahrwerkssetup. Als Hauptdarsteller aber fungiert das Aktivfahrwerk mit Fünflenker-Achsen. Es kommt mit Luftfederbeinen und geregelten Dämpfern, bekannt von Audis Adaptive Air Suspension. Hier sind sie extra-soft abgestimmt. Zusätzlich verfügt jedes Federbein über einen elektromechanischen Steller, der blitzschnell die Höhe variieren kann. Das System wirkt Wank-, Nick- und Hubbewegungen entgegen und erübrigt klassische Stabilisatoren – ein weiterer Komfortpluspunkt. Eine Kamera scannt den Fahrbahnbelag und steuert die Steller individuell an. Das System bietet trotz der Kingsize-Felgen einen überragenden Fahrkomfort. In Kurven neigt sich der A8 zudem nach innen, reduziert damit die Querkräfte auf die Passagiere – Motorradfahrer kennen das Phänomen. Der V8 säuselt dazu kaum wahrnehmbar, die top gedämmte Karosse lässt etwaige Windgeräusche außen vor. Doch halt, wir sitzen in einem Sportmodell!

Daher wählen wir den Dynamic-Modus, der das Biest vorspannt, und drücken das Pedal gen Teppich. Die Klappen im Auspuff öffnen sich, der S8 drückt derart brutal voran, dass manch E-Flitzer sich um die Gesundheit seiner Elektroden sorgt. Dazu gibt es einen wunderbar bassigen V8-Soundtrack, der jedem Petrolhead die Nackenhärchen stramm stehen lässt. Sitzen wir wirklich in einer Luxuslimo? Egal, das Ding marschiert voran, drückt, faucht – und folgt dabei den Befehlen seines Piloten stets mit chirurgischer Präzision. Die Lenkung kürzt die Länge virtuell um mindestens einen Meter ein, der aufwendige Quattroantrieb leitet die Momente bewusst zum kurven- äußeren Hinterrad. Damit wird der S8 zwar nicht zum Quertreiber, zelebriert jedoch ein enorm fahraktives Erlebnis. Erst bei völligem Ausreizen des Potenzials schiebt das Dickschiff sanft über die Vorderachse.

Logisch, dass derartige Exzesse an der Tankstelle bezahlt werden müssen, 18 Liter und mehr sind möglich. Doch bei bewusst vorausschauender Fahrweise ist auf der Langstrecke auch fast die Hälfte davon möglich – was angesichts der Leistung überrascht. Möglich macht’s die Zylinderabschaltung, die dem V8 im Teillastbereich vier Pötte stilllegt, gerade aber das Mild-Hybrid-System: Bei Gaswegnahme knippst der S8 den TFSI einfach aus – auch bei 160 km/h. Und segelt dann kilometerweit bei stehendem Motor über die Autobahn. Ein sanfter Druck am Pedal, und der V8 ist sofort ruckfrei wieder parat. Auf der GF-Verbrauchsrunde erwiesen sich 12,9 Liter als angemessen.

Technikfreaks sollten dem S8 tief in die Augen blicken: Jeder LED-Scheinwerfer kommt mit einem Chip mit 1,3 Millionen Mikrospiegeln, die bis zu 5.000-mal in der Sekunde angesteuert werden. Mit dem digitalen Matrix-LED-Licht (Aufpreis) definiert Audi die Performance von Matrix- Licht neu: Nicht nur zeigt sich das maskierte Dauerfernlicht noch großflächiger und präziser, es sind damit auch ganz neue Lichtfunktionen möglich. Das Orientierungslicht als 50 Meter langer Lichtteppich vor dem S8 etwa erleichtert die Durchfahrt von verengten Baustellenspuren enorm, indem es die Fahrzeugbreite exakt auf die Fahrbahn projiziert. Und beim Aussteigen verabschiedet sich der Audi mit einem auf die Straße gelegten Lichtclip im Kurzfilm-Stil vom Piloten. Cool.

Matrixlicht gibt es auch im raumgewaltigen Fond des Audi S8 – bei den Lesespots. Und elektrisch verstellbare Einzelsitze, eine herausnehmbare Multimedia-Bedieneinheit und vieles mehr. Doch beim Sportmodell der A8-Familie wird der Platz hinten rechts erst recht verwaist bleiben.


Test kompakt

Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Der Audi S8 zeigt zwei grundverschiedene Charaktere – als samtweiche Luxuslimousine oder ambitionierter Sportler. Möglich macht dies das außergewöhnliche Aktivfahrwerk. Ein Feuerwerk an Technikfeatures kaschiert Größe und Gewicht gekonnt, der druckvolle Biturbo-V8 zeigt sich jederzeit überragend. Billig ist dieses außergewöhnliche Fahrvergnügen freilich nicht, weder bei Anschaffung noch im Unterhalt.