Dino Medic
· 09.05.2024
Viele Fans hatte der Sicherheitsgurt anfangs nicht, im Gegenteil. Der Unwille, sich im Auto anzuschnallen, war unter deutschen Autofahrern in den 1970er-Jahren so ausgeprägt, dass das Bundesverkehrsministerium eine Psychologengruppe beauftragte, die Motive der Gurtgegner herauszufinden. Das Ergebnis: eine „elementare Furcht vor der Fessel“. Man wollte den Sicherheitseffekt nicht anerkennen. Empfand den Gurt als störend, wenn nicht gar gefährlich. Was, wenn man sich bei einem Unfall nicht daraus befreien könne? Auch Medien wie der „Spiegel“ stellten zur Debatte: „Soll und darf der liberale Staat die Auto-Bürger zum Überleben zwingen?“ Wie heikel und aufgeheizt die Stimmung war, erkennt man auch daran, dass die Bundesregierung am 1. Januar 1976 zwar die Gurtpflicht für Kfz-Fahrer einführte, aber lediglich auf Freiwilligkeit setzte. Wurde jemand unangeschnallt von der Polizei erwischt, passierte: nichts. Imagekampagnen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) bemühten sich, Autofahrern den Gurt schmackhaft zu machen. Mit Slogans wie „Könner tragen Gurt“, „Erst gurten, dann spurten“ oder „Gurte Fahrt“ wurden die Vorteile für Leib und Leben betont – allerdings mit mäßigem Erfolg. 1984 dann, vor genau 40 Jahren, wurde ein Bußgeld von 40 Mark fällig. Und endlich tat sich was.
GILT NOCH HEUTE: KÖNNER TRAGEN GURT
Schon im 19. Jahrhundert gab es erste Ideen zu Sicherheitsriemen in Fahrzeugen, oft auch „Leibriemen“ genannt. Der erste Sicherheitsgurt in einem Auto war 1902 im Baker Torpedo verbaut, einem elektrisch betriebenen Geschwindigkeitsrekordwagen. Schon damals bewies er sein Sicherheitspotenzial: Denn als es bei einer Rekordfahrt auf Staten Island in New York zu einem tragischen Unfall kam, starben zwei Zuschauer – die Fahrer jedoch rettete der Gurt. Ein Jahr später, 1903, erfand der französische Ingenieur und Autokonstrukteur Louis Renault einen Fünfpunkt-Sicherheitsgurt. Doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis der Gurt in Serienmodellen verbaut wurde.
Der Dreipunktgurt, wie wir ihn heute kennen, tauchte das erste Mal 1959 auf der Internationalen Autoausstellung (IAA) in Frankfurt auf. Der schwedische Autohersteller Volvo präsentierte ihn in seinen Modellen PV544 und P120 Amazon und demonstrierte spektakulär seine Wirksamkeit: Der Stunt-Fahrer Orvar Aspholm überschlug sich viermal mit dem PV544 und kletterte anschließend unverletzt heraus. Als Erfinder des Dreipunktgurts gilt Nils Bohlin: Bevor er 1958 zu Volvo wechselte, war er bei der Flugzeugsparte von Saab verantwortlich für die Entwicklung von Schleudersitzen und Gurten gewesen.
Er wusste also genau, wo durch Kollisionen auftretende Kräfte absorbiert werden mussten: am Becken und an der Brust. Volvo gab das Patent für die Nutzung durch andere Fahrzeughersteller frei: Der Dreipunktgurt entpuppte sich nicht nur als äußerst sicher, sondern auch praktikabel in der Anwendung. 1985 würdigte ihn das Deutsche Patentamt als eine von acht Erfindungen, die den Menschen in den vergangenen 100 Jahren den größten Nutzen beschert haben.
Die Zahl der Verkehrstoten sank seit Einführung der Gurtpflicht kontinuierlich, seit Einführung des Bußgelds erheblich: Gab es laut Statista Ende der 1970er-Jahre pro Jahr noch etwa 15.000 Verkehrstote, verringerte sich diese Zahl ab 1984 auf etwa 10.000 pro Jahr. Sicherheitsstandards wurden im Lauf der Zeit immer besser, auch der Dreipunktgurt wurde weiterentwickelt – und ist übrigens seit 2004 auch auf der Rückbank-Mitte Pflicht. Laut ADAC liegt die Anschnallquote heute bei etwa 98 Prozent. Und die Slogans von einst? Lösen heute nur noch ein Lächeln aus.