VW Käfer | La Grande Bug - Der Grandseigneur

Heiko P. Wacker

 · 10.08.2023

Bild 1
Foto: J. Bürgermeister
Powered by
Sondermodelle? Die Würze in der VW-Geschichte, nicht nur in der deutschen Heimat. Denn auch für Kunden jenseits des Atlantiks wusste man Sammlerstücke wie den „La Grande Bug“ zu kreieren

Kürzlich schlug der Golf R 333 Limited Edition gewaltige Wellen. Und das nicht nur bei den Fans sportlicher Volkswagen, sondern gerade auch bei Sammlern. Das sorgt zwangsläufig für die Frage, ob man das gute Stück denn nun intensiv fahren soll oder intensiv schonen, denn geringe Kilometerstände steigern den Wert – wie dieser blaue Käfer beweist. Er ist als spezielle, alleine für den nordamerikanischen Markt entworfene Version schon ein Hingucker. Und er hat kaum Meilen auf dem Tacho, so rund 250 nämlich. Da staunte nicht nur der heutige Besitzer!

Klaus Sonnenberg konnte es selbst nicht so recht glauben, als er die ersten Infos zu diesem Schmuckstück erhielt. Doch die Faktenlage ist eindeutig, dieser 1975 gebaute Volkswagen hat in seinem Leben nicht mal eine einzige Tankfüllung konsumiert: „Man könnte also sagen, dass dieser Käfer dazu verdammt ist, nicht zu fahren“, schmunzelt Klaus, für den der Erwerb auch eine gewisse Art der Weiterbildung in Sachen Volkswagen war. „Offen gestanden wusste ich vor ein paar Jahren nicht einmal, dass es dieses Sondermodell überhaupt gab.“

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Nie zugelassen? So solls bleiben!

Für die Hintergründe sei ein wenig in den Geschichtsbüchern des Käfers geblättert. Denn bis zu seinem Finale im Juli des Jahres 2003, das ist auch schon wieder 20 Jahre her, wurden ihm über drei Jahrzehnte hinweg Sondermodelle zu verschiedensten Anlässen verehrt. So feierte VW schon im Frühling 1972 mit 6.000 „Weltmeister-Käfern“ das erfolgreichste Auto der, na ja, der Welt eben. Es gab aber auch Sonderaktionen, um den Absatz anzukurbeln, man denke nur an die „Käfer der Käufer“, bestehend aus dem ersten „Jeans-Käfer“, dem „City“ und dem „Big“, oder pekuniär besonders reizvolle Pakete wie den „Volkssparwagen“. Manche Sondermodelle wurden gar verschenkt, wie man spätestens seit dem „World Cup `74 Cabrio“ von Jupp Heynckes weiß, eigens für das DFB-Team wurden 25 Exemplare gefertigt. Immerhin gewann die DFB-Elf ja aber auch die Fußball-WM in jenem Jahr. Das waren Zeiten!

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?
„Hier passt alles, von der Farbe über den Innenraum bis hin zum Schiebedach ist alles so stimmig, das ich mich jeden Tag wieder verlieben könnte. Außerdem ist die Substanz einfach fantastisch. Dieses Auto hat nie Regen oder gar Salz und Schnee ertragen müssen“, freut sich Klaus SonnenbergFoto: J. Bürgermeister„Hier passt alles, von der Farbe über den Innenraum bis hin zum Schiebedach ist alles so stimmig, das ich mich jeden Tag wieder verlieben könnte. Außerdem ist die Substanz einfach fantastisch. Dieses Auto hat nie Regen oder gar Salz und Schnee ertragen müssen“, freut sich Klaus SonnenbergDa das Sondermodell vom „Sonnenkäfer“ abgeleitet wurde, war das solide Stahlschiebedach gesetzt, ein wahrlich feines FeatureFoto: J. BürgermeisterDa das Sondermodell vom „Sonnenkäfer“ abgeleitet wurde, war das solide Stahlschiebedach gesetzt, ein wahrlich feines Feature

Originallack Ancona-metallic

Die frühen 1970er-Jahre waren aber auch für den VW Käfer turbulent, der nicht nur stärker, sondern auch breiter und größer geworden war. Zum Modelljahr 1973 kam der Volkswagen als „1303“ auf den Markt. Er ist gut an der großen, gewölbten Frontscheibe zu erkennen, und auch die Rückleuchten nahmen ungekannte Abmessungen an – echte Fans sprechen launig von den „Elefantenfüßen“. Bis zu 50 PS werkelten nun im Heck des Wolfsburgers, der natürlich auch für externe Märkte produziert wurde. Und schon wären wir beim Star unserer Geschichte. Den entdeckte Klaus Anfang Dezember 2016 im Internet, ein Händler in England hatte die Preziose just ins Angebot genommen. „Ich wusste zuvor nicht einmal, dass es dieses Modell ‚La Grande Bug‘ gibt“, räumt der passionierte VW-Sammler ein. „Auch hatte ich noch nie irgendwo ein Angebot gesehen, obwohl 13.273 Exemplare gebaut worden sein sollen“, meint der Augsburger. „Und trotzdem ließ mich der Wagen nicht mehr los. Man könnte wohl von Liebe auf den ersten Blick sprechen.“ Entsprechend rasch wurde aus der Fernbeziehung eine innige Verbindung: „Gut einen Monat später fuhr ich mit dem Hänger, handelseinig waren wir uns da schon, in dieses Örtchen nördlich von London.“

Dem Armaturenbrett wurde Zebrano mit auf den Weg gegeben, die vier Gänge samt Rückwärtsgang werden mit einem speziellen Schaltknauf sortiert
Foto: J. Bürgermeister
Dem Armaturenbrett wurde Zebrano mit auf den Weg gegeben, die vier Gänge samt Rückwärtsgang werden mit einem speziellen Schaltknauf sortiert

Alleine die Reise ist eine Erzählung für sich: „Den Tag über musste ich arbeiten, abends rollte ich dann in der Dämmerung los, aber zügig, ich wollte die Fähre um vier Uhr in der Früh erwischen. Das klappte auch – ich war der erste, der aufs Schiff durfte. Damit war ich aber auch der Erste am Hafen, im Morgengrauen war ich schon ein gutes Stück hinter Dover.“ Der leidige Brexit war zu jenem Zeitpunkt zwar schon beschlossen, aber noch nicht umgesetzt, heute würde Klaus für solch eine Aktion deutlich mehr Hürden überwinden müssen. „Damals war die Müdigkeit mein größtes Problem, zudem war ich noch nie in England.“ Dazu noch der Linksverkehr mit dem Hänger am Agrarhaken: Klaus machte am ersten Rastplatz ein verdientes Nickerchen. „Aber nicht lange, ich wollte ja das Auto haben – und das war wirklich so gut wie auf den Bildern oder im eigens gedrehten Film zu sehen.“ Tags darauf erreichte der Käfer erstmals seit 1975 wieder deutschen Boden. „Bei eisigen 15 Grad unter Null, aber auch bei knochentrockenen Straßen. Ein traumhaftes Winterwetter begrüßte uns“, freut sich Klaus, der stets die Gefahr salziger Straßengischt sah. Doch die blieb dem Käfer zum Glück erspart.

Eine echte Trailer-Queen

„Erworben wurde er ursprünglich von einem VW-Händler in Lansing, der Hauptstadt des Bundesstaates Michigan – für die Tochter des Hauses“, berichtet der heutige Besitzer. „Parallel war ja aber der Rabbit, also der Golf, bereits im Handel, der erschien den Eltern als das modernere, als das bessere Auto fürs Töchterchen. Also wurde der 1303er auf Jahrzehnte als Immobilie in den Fuhrpark des Autohauses gestellt.“ Ob der Wagen zumindest zeitweilig im Schaufenster stand, das ist nicht bekannt, auf jeden Fall wurde er mit Sorgfalt behandelt – bis ihn wohl 2007 ein Sammler nach England mitnahm. Doch auch dort wurde der Wagen nie wirklich bewegt, er wurde auch bis zum heutigen Tag niemals zugelassen, „eine echte Trailer-Queen sozusagen“, schmunzelt Klaus. „Der ist regelrecht zum Parken verdammt.“ Doch genau so kann der 50-PS-Krabbler vom Auslieferungstag erzählen.

Rein technisch unterschied sich der „Grande“ nicht von seinen serienmäßigen Kumpels, auch die auf den vorderen Kotflügeln sitzenden Blinker sind deshalb etwas größer, wie bei allen Käfern in der Neuen Welt
Foto: J. Bürgermeister

Kanada bekam drei Versionen

Das Modell „La Grande Bug“ war für den nordamerikanischen Markt konzipiert und wurde in den USA in zwei Farbvarianten angeboten: Vipergrün-metallic/Bambus oder Ancona-metallic/Dunkelblau waren am Start, „in Kanada gab es noch eine dritte Version in Hellas-metallic und Nussbraun“, erklärt Klaus, während er im Originalprospekt mit der geschwungenen Schrift blättert, den er im Wagen vorfand. Auch ein Stahlschiebedach war gesetzt, der „Grande“ war ein fesch in Richtung Luxus getrimmter Käfer, mit edlen Cordbezügen auf den Sitzen, farblich zur Lackierung abgestimmten Innenverkleidungen, einem speziellen Schaltknauf, Holz am Armaturenbrett oder Lemmerz-Felgen mit 15-Zoll-Bereifung. Die Schlitze im Bugblech zeugen zudem von einer Vorbereitung für eine Klimaanlage, wobei diese im vorliegenden Falle niemals verbaut wurde. Es wäre aber möglich gewesen, und auch irgendwie passend, denn beworben wurde das Auto vollmundig als „America’s newest luxury automobile“.

Rein antriebstechnisch gab es jedoch keine Spezialitäten, 50 PS aus 1,6 Litern sorgen auch hier für Schub. Immerhin war es schon der Einspritzermotor, ein Schriftzug auf der Haube kündet hiervon. Trotzdem kann Klaus nicht auf Anhieb sagen, welches Detail ihm besonders zusagt, „es ist einfach dieses perfekte Gesamtpaket, das mir so gefällt“, meint er nach einer kleinen Gedankenpause. „Hier passt einfach alles, von der Farbe angefangen über den Innenraum bis hin zum Schiebedach ist alles so stimmig, das ich mich jeden Tag wieder verlieben könnte. Außerdem ist die Substanz einfach phantastisch, dieses Auto hat nie Regen oder gar Salz und Schnee ertragen müssen!“ Einzig die Innenseite der Kotflügel glänzt nicht mehr so wie am ersten Tag, Klaus hat hier eine ganz dünne Schicht Transparentwachs aufgetragen. Als Schutz, nur so zur Sicherheit.

Nicht, dass der einst in Emden gebaute Wagen viel erdulden müsste, zu Treffen reist die Queen auf dem Trailer, „die meisten Meilen drehte ich ihm beim Fotoshooting auf den Tacho, das waren knapp fünf, jetzt sind wir schon fast bei 254“, erklärt Klaus beinahe bedauernd, wobei kurz nach dem Grande ein 1303 LS als Fahrmaschine in seine Sammlung kam. „Der hat aber kein Schiebedach, eigentlich doof“, grinst Klaus. Aber so ist das eben mit echten Sammlerstücken, die ein Leben in stiller Würde führen dürfen, kündend von der Zeit, in der sie entstanden. Sie sind unverändert, sie sind stimmig – und einfach schön!

In den USA wurden zwei Varianten angeboten, Vipergrün-metallic/Bambus oder Ancona-metallic/Dunkelblau waren am Start, in Kanada gab es noch eine dritte Version in Hellas-metallic und NussbraunFoto: J. BürgermeisterIn den USA wurden zwei Varianten angeboten, Vipergrün-metallic/Bambus oder Ancona-metallic/Dunkelblau waren am Start, in Kanada gab es noch eine dritte Version in Hellas-metallic und Nussbraun