Arne Olerth
, Heiko P. Wacker
· 01.09.2023
Sommerzeit ist Oldtimerzeit – an fast jedem Wochenende kann derzeit der interessierte Fan auf irgendeinem Treffen in der näheren Umgebung Pretiosen vergangener Dekaden bewundern. Stets mit dabei und immer ein besonderer Publikumsmagnet: der Bulli der ersten Generation, erkennbar an der zweigeteilten Frontscheibe. Er gilt als Sympathieträger der Szene, sorgt ein ums andere Mal für lächelnde Gesichter und verzückte Ausrufe unter den Betrachtern. Manch besorgter Bus-Eigner schützt seinen Volkswagen durch eine Absperrung mit Flatter- oder Stoffband vor zu viel Publikumsnähe. Skurril, handelt es sich beim Bulli doch keineswegs um einen automobilen Hochkaräter mit komplexer Technik und ausgewiesenem Seltenheitswert. Vielmehr wurde er als Malocher gebaut, schulterte robust und einfach konzipiert lässig das deutsche Wirtschaftswunder. Und ist heute noch zehntausendfach erhalten.
Doch nicht jeder Bulli wurde zum sprichwörtlichen Garagengold degradiert. Manche dürfen noch artgerecht arbeiten. Und zwar in einer Art und Weise, die manchem Bus-Besitzer hierzulande den Atem stocken lässt. In Spanien etwa, genauer gesagt in Katalonien, trifft sich regelmäßig im Herbst ein T1-Freundeskreis, um ausgedehnte Wochenendtouren in die Pyrenäen zu unternehmen. Standesgemäß mit Rotwein, Dosenbier und Grill. Die Bullis werden dabei nicht geschont, müssen vielmehr ihre Offroad-Tugenden unter Beweis stellen. Flussquerungen, die den Laderaum zwei Handbreit tief unter Wasser setzen, fordern nicht nur Nehmerqualitäten von Mann und Maschine, sie lassen auch jedes moderne SUV zerknirscht mit den Allrad-Differentialen wimmern. Treibende Kraft hinter dem Outdoor-Spektakel ist Massimo Stefano Arena, der zusammen mit ein paar Kumpels die „Transpinochiana“ vor ein paar Jahren aus der Taufe hob. „Wir wollten einfach Spaß haben und sind zu zwölft und in vier Bullis losgefahren. So hat das Ganze angefangen“, erklärt der Bulli-Fan.
Mitmachen dürfen nur die Ur-Bullis bis Baujahr 1967, „es soll ja schon ein bisschen crazy sein“, sagt Arena. „Crazy“ trifft es ganz gut, besonders die Tour des Jahres 2018: „Im Herbst hatte es unglaublich viel geregnet in den Bergen. Auch Schnee hatten wir genug, so dass zum Teil Straßen gesperrt waren. Der Fluss, den wir normalerweise auf unserer Tour kreuzen, führte extrem viel Wasser. Zu viel auf jeden Fall.“ Es kam, was kommen musste: Ein Teilnehmer blieb mitten im Flussbett hängen. „Eine geschlagene Stunde waren wir damit beschäftigt, den Bus aus dem Wasser zu zerren – und dann brauchten wir noch drei weitere Stunden, um den Motor, in den Wasser gedrungen war, mit Ölwechsel und Trockenlegung wieder fit zu machen.“ Selbstredend konnte der auf Kiel gelaufene Bulli seine Fahrt aus eigener Kraft fortsetzen. Und die Transpinochiana war um eine erzählenswerte Episode reicher.
Die Busse werden auf die zu erwartenden Strapazen nur marginal vorbereitet. Grobstollige Offroad-Bereifung gehört dazu, der oftmals durch hemdsärmelig aufgeschnittene Radhäuser Raum gegeben wird. Ein 50-PS-Motor aus dem Käfer oder T2-Bulli zählt zum guten Ton, doch viele sind auch mit dem ursprünglichen 44-PS- oder gar 30-PS-Boxer und 6-Volt-Bordnetz dabei. „Und auch das geht“, versichert Massimo. Mit der großen Bodenfreiheit, dem robusten Rahmen und der hinteren Portalachse, welche die Bulli-Entwickler kurzerhand von einem Geländewagen übernommen hatten, bietet der T1 tatsächlich überraschende Offroad-Tugenden. Der über der Antriebsachse platzierte Motor ergänzt das zusätzlich.
Im Dreiländereck zwischen Spanien, Frankreich und Andorra sind die Talente des T1 zum Durchkommen auch bitter nötig. Sollten diese einmal nicht ausreichen, hilft die ganze Truppe mit Improvisationskunst weiter. Zudem sorgt die nur grobe Richtungsplanung für Fahrerlebnisse der besonderen Art. So auch nur zehn Kilometer hinter zitierter Flussquerung: „Zuerst war die Piste wirklich fein. Doch dann kam der härteste Teil des Tages: ein schmieriger, rutschiger Hang. Wir sprachen nur von der ‚Mauer‘ – das sagt doch alles.“
Ein minutiöser Zeitplan für die Fahrt ist der sympathischen Truppe genauso fremd wie das genaue Datum für den Start der nächsten Transpinochiana. „Wir wissen aber, dass wir am Donnerstagnachmittag losfahren und den Trip am Sonntag mit einem Essen in einem feinen katalanischen Restaurant ausklingen lassen. Das haben wir uns nach den knapp 300 Kilometern aber auch verdient.“
Wenn Sie beim nächsten Oldtimertreffen einen Bulli-Eigner hingebungsvoll mit Staubwedel zu Gange sehen, so denken Sie daran, welche unglaubliche Nehmerqualitäten unter dem Hochglanzanzug dieses Volkswagen-Klassikers stecken.