Florian Neher
· 03.07.2023
Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs geht es hierzulande Anfang der 1950er-Jahre wirtschaftlich wieder bergauf. Mit den steigenden Einkommen wächst auch der Wunsch nach einem eigenen Auto, wohingegen auf der anderen Seite die Nachfrage nach Motorrädern regelrecht einbricht. Die Menschen sehnen sich nach etwas Platz und Komfort, „einem Dach über dem Kopf“. Die Firma NSU, die heuer ihr 150-jähriges Jubiläum hat und längst in Audi aufgegangen ist, repräsentiert 1955 den größten Arbeitgeber in der Region Neckarsulm und die Nummer Eins unter den Zweiradherstellern der Welt. Doch wegen des wegbrechenden Motorradmarkts muss man handeln. Und erfindet sich neu: Mit dem Prinz wird NSU 1958 zum Automobilhersteller.
Bei NSU vollzieht sich die Evolution aber nicht unmittelbar von zwei auf vier Räder. Die Entwicklungsabtei- lung experimentiert zunächst an einem dreirädrigen Rollermobil, der „Max-Kabine“. Dessen Name leitet sich von einem NSU-Motorrad ab: der NSU Max. Die Testfahrten der Max-Kabine-Prototypen verlaufen jedoch nicht ganz so überzeugend – dreirädrige Fahrzeuge sind nun mal fahrdynamisch kritisch. Und so gibt die NSU-Chefetage Ende 1955 stattdessen den Startschuss zum vierrädrigen Kleinstwagen.
Eine Zweiradfabrik in ein Automobilwerk zu erweitern, ist ein Kraftakt – in organisatorischer wie in finanzieller Hinsicht. Doch durch einen Bankenkredit in Höhe von damals rund 30 Millionen Mark und einer Bürgschaft des Landes Baden-Württemberg kann NSU das Werk wie geplant fertigstellen. Zeitgleich arbeitet ein Entwicklungsteam am neuen Auto-Projekt. Schon Mitte 1956 sind die ersten drei Prototypen des neuen NSU-Automobils im Versuchseinsatz unterwegs; serienreif sind sie dann ein Jahr später. Im Sommer 1957 stellen die Neckarsulmer den NSU Prinz vor, der in der Vorserie intern zunächst noch „Lido“ heißt. Der NSU Prinz ist ein modernes zweitüriges Limousinchen mit selbsttragender Ganzstahlkarosserie. Im Werbeprospekt heißt es: „Der Prinz hat all das zu bieten, was man von einem Wagen seiner Klasse heutzutage erwartet: er ist gelungen in seinen Proportionen, er bietet vier Erwachsenen genügend Platz, besitzt eine ausgezeichnete Motorleistung, beste Fahreigenschaften und guten Fahrkomfort.“ Das Heckmotorauto mit 20-PS-Zweizylinder ist in zwei Varianten erhältlich: Der Prinz I dient als einfache Basisversion, nur in der Außenfarbe Lichti grün lieferbar, und der Prinz II in so genannter Exportausstattung – mit schmucken Chromschwingen vorn und hinten, Prinz-Schriftzügen seitlich, Kombiinstrument am Armaturenbrett und Kurbelfenstern. Beim Prinz II gibt es diverse Lackfarben zur Auswahl: Callaweiß, Indigoblau, Hederagrün, Lavagrau oder Saharabeige, um nur einige zu nennen. In der Basisversion kostet der NSU Prinz zum Start 3.645 Mark, den Prinz II gibt‘s zum Serienstart für 3.985 Mark ab Werk.
Der erste NSU Prinz rollt im März 1958 vom Band. Auf dem kleinen Auto lasten große Hoffnungen der damals rund 6.500 NSU-Mitarbeiter. Doch der Verkaufserfolg will sich zunächst noch nicht einstellen: In der Bauzeit (jeweils von 1958 bis 1960) werden von der Basisversion Prinz I lediglich 1.648 verkauft. Es zeigt sich, dass die Kunden lieber den besser ausgestatteten Prinz II bestellen, der in seinen drei Jahren Bauzeit immerhin 62.587 Mal über den Tresen geht. Das Unternehmen bringt 1959 mit dem NSU Sport-Prinz eine weitere Variante mit eigenständiger Karosserie auf den Markt,die sich gestalterisch an der damaligen italienischen Formensprache orientiert. Seit 1961 heißt es dann in der Werbung: „Fahre Prinz und du bist König“. Nach dem NSU Prinz III, von dem zwischen 1960 und 1962 insgesamt 30.332 Autos gebaut werden, ist es vor allem der neu entwickelte Nachfolger, der Prinz 4, der seit 1961 viele Fans hat. Der von Claus Luthe gezeichnete Prinz 4 zeigt zarte Design-Anleihen bei Chevrolets Corvair und hat sich vor allem in den heißen TT- und TTS-Versionen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Er wird bis 1973 produziert und bringt es auf eine Stückzahl von 576.619. Nachdem sich der Prinz 4 erfolgreich im Kleinwagensegment etabliert hat, wagt NSU im Jahr 1964 die Höherpositionierung: Die Neckarsulmer steigen mit dem Prinz 1000 in die untere Mittelklasse ein.
Wussten Sie eigentlich, dass der geplante Nachfolger des Prinz durch die Fusion mit Audi als Audi 50 auf die Welt kam? Aber das ist eine andere Geschichte ...
Technische Extravaganz: Der Zweizylinder-Viertakt-Heckmotor arbeitet nach dem Gleichläuferprinzip, beide Kolben bewegen sich also parallel. Dem im Vergleich zum Gegenläufer schlechteren Massenausgleich steht ein runder Motorlauf mit gleichmäßigem Zündabstand gegenüber