Langstreckenreport: Lupo 3L TDI - Lauf, Lupo, lauf!Foto: Andreas Beyer

Reportagen Langstreckenreport: Lupo 3L TDI - Lauf, Lupo, lauf!

Unbekannt

 11/30/2013, Lesezeit: 7 Minuten

Ein Drei-Liter-Auto auf dem Weg zur halben Million. Obwohl sein Verbrauch in der Praxis bei 4,7 Litern liegt, blieb der Lupo 3L TDI trotz Blue Motion und XL1 ohne echten Nachfolger

  Lupo 3L TDIFoto: Andreas Beyer
Lupo 3L TDI

Mit dem weltweit ersten Drei-Liter-Auto schrieb VW 1999 Geschichte. Bis dato war kein vollwertiges Serienauto mit so wenig Kraftstoff ausgekommen wie der Lupo 3L TDI. Exakt 2,99 Liter attestierten die Wolfsburger damals ihrem Prestigeobjekt, ermittelt freilich unter Optimalbedingungen.

GUTE FAHRT unterzog den Verbrauchsweltmeister als weltweit einziges Magazin einem Dauertest. Als in Ausgabe 5/2002 das Protokoll der ersten 100.000 Kilometer erschien, ging der Dauerlauf für mich erst los, denn ich übernahm den Wagen aus dem Redeaktionsfuhrpark. Elf Jahre ist das her. Am Tag der Deutschen Einheit 2013 zeigte der Kilometerzähler 444.444 an.

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Lupo 3L TDI

Damit sind wohl alle Kritiker Lügen gestraft, die dem Hightech-Kleinwagen bei Erscheinen keine lange Lebensdauer beschieden. Vor allem das automatisierte Schaltgetriebe stand damals in der Kritik. Wie lange würde es halten? Auf diese Frage habe ich meine persönli­chen Antworten: 259.051 und 46.117 Kilometer. Bei erstgenanntem Kilometerstand verabschiedete sich Getriebe Nummer Eins mit einer gewaltigen Ölpfütze. Bereits ein paar Wochen zuvor hatte sich der nahe Tod angekündigt: Immer wieder war der fünfte Gang heraus­gesprungen. Oder besser gesagt: Der Drei-Liter-Lupo war wie von Geisterhand in den Leerlauf gegangen; ohne zu ruckeln oder aufzuheulen. Vielleicht wäre das Getriebe noch zu retten gewesen, ich aber ignorierte die mysteriöse Eigenmächtigkeit vier Wochen lang – bis mich eines Morgens beim Einsteigen der süßlich beißende Duft des Getriebeöls empfing. Der fünfte Gang hatte begonnen, sich aufzulösen und dabei das Getriebegehäuse durchschlagen.

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Lupo 3L TDI

Also musste ein neues Getriebe her, knapp 2300 Euro kostete das im VW-Zentrum. Etwa 15 Monate später: Ausgerechnet auf dem Weg zu den 24 Stunden von Le Mans 2008 beginnt das Getriebe kurz vor Paris von einer Sekunde auf die andere leise zu rattern. Wieder ist es der Fünfte; das Fahrverhalten zeigt sich von dem Geräusch nicht beeinträchtigt, die übrigen vier Gänge klingen wie immer. Zurück in Deutsch­land geht’s wieder ins VW-Zentrum. Als man das Getriebeöl abgelassen habe, sei es voller Späne gewesen, erzählt mir später ein Mechaniker. Also habe man gar keine weitere Ursachenforschung betrieben, sondern gleich ein neues Getriebe bestellt. Mich hat das nichts gekostet – Ersatzteilgarantie. Die bereits erwähnten 46.117 Kilometer war ich seit dem ersten Getriebetausch gefahren.

Aller guten Dinge sind drei ...

Getriebe Nummer Drei bereitet seit nunmehr 140.000 Kilometern keine Probleme, allerdings muckte vor kurzem bei der sogenannten Kupplungsgrundeinstellung, bei der das Getriebe mittels Diagnosecomputer von Außen mehrmals durchgeschaltet und der Schleifpunkt der Kupplung definiert wird, der hydraulische Gangsteller auf. Die Kupplungsgrundein­stellung sieht der Serviceplan zwar nicht explizit vor, schaden kann sie allerdings auch nicht – normalerweise. Beim letzten Mal brach das Programm gleich mehrmals hintereinander ab, da der Gangsteller nicht die gewünschten Werte zurück an den Computer funkte. Am Ende war es vor allem dem Engagement eines versierten Mechanikers zu verdanken, dass ich um einen Tausch des Gangstellers herumkam. Den sieht der Reparaturleitfaden als Ultima Ratio vor, wenn die Grundeinstellung mehrmals hintereinander fehlschlägt. Welchen Trick er angewandt hat, wollte der Mann augen­zwinkernd nicht verraten.

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Lupo 3L TDI

Auf jeden Fall hat es funktioniert und mir zumindest fürs Erste rund 1400 Euro Reparaturkosten erspart.
1999 zum Verkaufsstart kostete der Lupo 3L TDI 26.900 DM. Das Bonmot, "man müsse sich das Sparen leisten können", machte angesichts dieses Preises auf Golf-Niveau die Runde. Bis zum Produktionsende 2005 entstanden etwa 31.000 Stück. Für VW ist das natürlich wenig, Geld verdient haben mit dem 3L eher Langstreckenfahrer wie ich, und nicht sein Hersteller. Was auch nicht unbedingt beabsichtigt war: Ferdinand Piëch nannte das Drei-Liter-Auto lange, bevor es Realität wurde "unsere Formel 1". Auch in der Königsklasse des Motorsports geht es in erster Linie darum, Kompetenz zu beweisen und um Imagegewinn. In beides Disziplinen hat der 3L zweifellos gewonnen.

15 Jahre sind seit der Weltpremiere des Spar-Lupo auf dem Pariser Autosalon vergangen, dennoch ist er im kollektiven Gedächtnis fest verankert. Auch heute muss ich immer wieder die Frage nach dem Verbrauch beantworten. Der liegt bei zügiger Fahrweise und vielen Autobahnkilometern bei 4,7 Litern – wie beim GUTE-FAHRT-Dauertest 2002.

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Lupo 3L TDI

Neben dem ungebrochenen Interesse am tatsächlichen Verbrauch des Sparwunders halten sich hartnäckig zwei Vorurteile. Nummer Eins: Der Drei-Liter-Lupo lässt seine Insassen beim Schalten nicken. Nummer Zwei: Auf ihn passen nur sündhaft teure Spezialreifen.

Natürlich ist es das Schalten, das Fahren im 3L so unverwechselbar macht. Nicken muss man aber längst nicht mehr: Dank einer neuen Software schaltet das Getriebe viel geschmeidiger, eine Schubunterbrechung ist kaum noch spürbar. Eliminiert wurde auch die eklatante Anfahrschwäche, die zu quietschenden, da durch­drehenden Antriebsrädern führte. 1999 waren Reifen im Format 155/65 R14 tatsächlich selten und teuer, später wurden sie bei vielen Kleinwagen populär, was die Preise senkte. Heute gibt es sie ohne Markenbewusstsein schon unter 30 Euro das Stück.

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Lupo 3L TDI

Dafür ist Motoröl mit der damals vorgeschriebenen VW-Norm 506 00 heute kaum noch erhältlich, selbst Vertragswerkstätten zucken mit den Schultern. Zwar ist inzwischen auch die Norm 507 00 freigegeben, doch die kommt mir nicht in den Motor. Vielleicht ist es Aberglaube, aber es muss doch einen Grund dafür geben, dass der kleine Dreizylinder auch nach 450.000 Kilometern fast so gut läuft wie am ersten Tag.

Sogar der Turbolader hat kaum Leistung eingebüßt, wie der Diagnosecomputer jüngst verriet. Deshalb fährt mein Lupo von wenigen Ausnahmen abgesehen mit 0W-30 von Shell, das ich stets sorgfältig warm fahre. Öl gibt’s im Internet für neun Euro den Liter, das Wechseln dauert zehn Minuten, vorausgesetzt, Wagenheber und Werkzeug sind griffbereit. Wie ich überhaupt einige Arbeiten am Auto selbst erledige. Bremsen wechseln beispielsweise, Luft- oder Aktivkohlefilter tauschen.

Auch wenn dies kein Dauertest ist, sei erwähnt, dass der Lupo Radlager frisst (sie halten höchstens 80.000 Kilometer), außerdem gab‘s defekte Scheibenwischergestänge, ein paar Marderschäden und kleinere (meist unverschuldete) Kaltverformungen.

Economy-Betrieb für Rekorde

Und dann ist da noch der Economy-Betrieb – kurz ECO – der den Rekordverbrauch überhaupt erst ermöglicht. Ist er aktiviert, leistete der Lupo 41 statt 61 PS, schaltet früher und geht in den Leerlauf, sobald man vom Gas geht. Das spart etwas Sprit, sorgt aber vor allem im Stadtverkehr für ständiges Ein- und Auskuppeln. Wo bei anderen Autos Kraftschluss herrscht, leistet das Kupplungsausrücklager hier Schwerstarbeit. Vermutlich ging es deshalb zu Bruch – noch vor Getriebe Nummer Eins übrigens. Seither fahre ich fast immer ohne ECO-Betrieb, was in Sachen Verbrauch keinen Unterschied macht. Und den Anlasser schont: Der 3L gehört zu den Pionieren der Start-Stopp-Automatik, aktiviert natürlich nur im ECO-Betrieb. Auch der Starter musste einmal getauscht werden, als ich naiv und unwissend im Sparmodus vor mich hin fuhr. Seit die ECO-Taste tabu ist, hält auch der Anlasser.

  Lupo 3L TDIFoto: Andreas Beyer
Lupo 3L TDI

Dank der hohen Laufleistung ernte ich immer wieder Respekt, der entweder der Technik oder meiner vermeintlichen Leidensfähigkeit gilt. Manche Menschen scheuen davor zurück, in einem Kleinwagen auf Strecke zu gehen. Ich nicht. Kassel-München fürs Wochenende? Kein Problem! Mal schnell nach Paris? Wenn nur die Autobahngebühren nicht wären!

Wie viel ich mit dem Lupo letztlich gespart habe, berechne ich anhand der Preise vom Oktober 2013. An einer Tankstelle um die Ecke kostet Diesel 1,40 Euro, Super 1,55 Euro. Nur einfach mal so ins Blaue hinein vergleiche ich die 4,7 Liter des Lupo mit einem beliebigen Benziner mit 8,5 Liter Durchschnittsverbrauch: das macht 6,60 Euro Ersparnis auf 100 Kilometern. Auf meinen 344.000 Kilometern habe ich also 22.704 Euro gespart.

Wie‘s weitergeht? Schwer zu sagen. Natürlich habe ich die halbe Million Kilometer im Blick. Würdigen Ersatz für den 3L kann eigentlich nur ein 3L mit weniger Kilometern bieten. Noch kommen die hin und wieder auf den Markt. Doch bevor ich eine neue Sparbüchse brauche, könnten Sie doch erstmal zugreifen…