Der Freund der Familie50 Jahre Passat

Florian Neher

 · 29.08.2023

Der Freund der Familie: 50 Jahre PassatFoto: Volkswagen
50 Jahre VW Passat
Es ist nicht alles Golf, was glänzt bei VW: Noch ein Jahr vor dem Kompakt-König kam der Passat in die Welt, seither der verlässliche Hausfreund unzähliger Familien
Hach, die Siebziger: Das Radio ist so platziert, dass die rechte Hand automatisch auf das Knie der Beifahrerin fällt ...
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Käfer,Bulli, Karmann Ghia, Typ 3 und Typ – sie alle knödelten glücklich mit ihren luftgekühlten Boxern im Heck durch die Gegend, waren mit sich und der Welt im Reinen. Diskutables Fahrverhalten? Schwache Heizung? Lärm und Abgase? Mangels Alternativen damals keine ernsthaften Themen. Dann, 1970, zog plötzlich eine steife Brise auf – nein, noch kein Passat-Wind, der musste sich erst noch sammeln. Der VW K 70, ursprünglich eine NSU-Entwicklung, brach mit allen Traditionen und wies buchstäblich den Weg nach vorn: Frontmotor! Vorderradantrieb! Wasserkühlung! Schock! Letzten Endes war die Fachpresse vom K 70 weit mehr begeistert als die konservative VW-Klientel, die sich von soviel Fortschritt wohl überfahren fühlte. Doch der luftgekühlte Heckmotor war nun angezählt – wenngleich er sich im T3-Bus noch wacker bis in die Achtziger hielt. Vom ewigen Porsche 911 ganz zu schweigen. Aber das ist eine andere Geschichte ... Die Neuzeit war bei VW jedenfalls angebrochen, als im Frühjahr 1973 der Passat als zwei- und viertüriges Schrägheck in Produktion ging. Technisch mit dem ein Jahr zuvor präsentierten Audi 80 verwandt, trug auch der Ur-Passat wie der K 70 seinen Reihenmotor längs auf der Vorderachse. Fahrverhalten, Sicherheit und Komfort waren im Vergleich zu den Heckmotorautos von einem anderen Stern, auch das Platzangebot profitierte enorm vom modernen Konzept – insbesondere beim ab 1974 angebotenen Passat Variant mit großer Heckklappe und bis zu 1.500 Litern Kofferraumvolumen.

Als die Autos noch bunt waren: Den Ur-Passat gab es als Kombi (Typ 33) und mit schrägem Heck (Typ 32). Besonders putzig: der Zweitürer
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Mit dem Passat begann bei VW die Neuzeit

Mit dem vom Audi Quattro abgeleiteten Syncro-Allradantrieb wurde der Passat ab 1984 zum höchst talentierten Wintersportler
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Der Schock des Neuartigen, den der arme Lückenbüßer K 70 bei den gusseisernen VW-Fahrern ausgelöst hatte, war offenbar überwunden, denn der Passat verkaufte sich von Anfang an gut. Vielleicht lag es auch ein wenig am Design von Giorgetto Giugiaro, das allerdings weniger italienische Grandezza verströmte als vielmehr deutsche Zweckmäßigkeit und Solidität. 1980 wächst der Passat über sich hinaus. Mit bis zu 4,54 Metern Außenlänge stellt der Typ 32B seinen spillerigen Vorgänger buchstäblich in den Schatten. Nicht nur der Größenzuwachs ist beachtlich: Mit Motoren von 54 bis 136 PS öffnet er sich einem breiten Publikum. Und als effizienter Formel E mit revolutionärer „Stop-Start-Anlage“, lang gestuften 4+E-Getrieben und der ersten Turbodiesel-Generation ist er der Traum aller Bausparer. Auch Wintersportler werden bedient: Als allradgetriebener Variant Syncro besteht der Passat ab 1984 auch auf glattem Parkett.

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Dritte Generation mit opulentem Platzangebot

Nobel, nobel: Aufgerüscht mit Leder, Edelholz, Automatik und Navi weht ein Hauch Phaeton durch den Passat – hier das Facelift-Modell 3BG (ab 2000)
Foto: Volkswagen
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Die völlig neu konstruierte Generation Fünf (Typ 3B) kehrt 1996 zum Längsmotor zurück

Völlig neu konzipiert geht 1988 die dritte Generation (Typ 35i) an den Start. Radikales Aero-Design mit bündig eingepassten Scheiben und Frontmaske ohne klassischen Kühlergrill senkt den cW-Wert auf günstige 0,29 – gut für Verbrauch und Höchstgeschwindigkeit. Gleichzeitig sprengt der 35i die klassenüblichen Raumverhältnisse: Sein nach neuesten ergonomischen Erkenntnissen gestalteter Innenraum bietet Platz wie in der Oberklasse. Dazu passen hervorragend die nun quer montierten 16V- und G60-Motoren mit bis zu 210 PS Leistung (wie in einer Kleinstauflage bei Volkswagen Motorsport realisiert). Und mit dem 174 PS starken VR6-Triebwerk bietet VW 1991 im Passat erstmals einen – sehr klangstarken – Sechszylinder an. 1993 betritt Generation vier die Bühne – keine Neukonstruktion, sondern eine umfassende Überarbeitung. Mit dem Typ 3A kehrt der von vielen vermisste Kühlergrill zurück, Volkswagen selbst spricht nun vom „Happy Face“-Frontdesign. Insassenschutz ist nun ein wichtiges Thema: Die Karosserie ist rund 30 Prozent steifer, außer Airbags für Fahrer und Beifahrer gibt es vordere Gurtstraffer, Kopfstützen im Fond und ein elektronisch gesteuertes Anti- blockiersystem (ABS).

Evolution statt
 Revolution: Über
acht Generationen 
wurde der Passat beständig 
weiterentwickelt
 und verbessertFoto: VolkswagenEvolution statt Revolution: Über acht Generationen wurde der Passat beständig weiterentwickelt und verbessert

Nicht nur Vielfahrer sind begeistert von den TDI-Motoren, die hohes Drehmoment mit Knauser-Verbrauch verbinden. Strecken von über 1.000 Kilometern ohne Tankstopp adeln den Passat TDI zum Reichweitenkönig. 1996 geht die fünfte Passat-Generation in den Verkauf. Das betont nüchterne und klare Design aus der Feder von Hartmut Warkuß umhüllt eine bemerkenswerte Antriebspalette, die vom 90 PS starken TDI bis zum imposanten Achtzylindermodell W8 mit 275 PS reicht. Die Motoren sind nun übrigens wieder längs montiert. Zeitgleich nimmt die Digitalisierung Fahrt auf: Erstmals gibt es den Passat mit Oberklassedetails wie einem Navigationssystem mit Farbkartendarstellung, einem elektronisch gesteuerten Tiptronic-Getriebe und dem Schleuderschutz ESP, vernetzt per CAN-Bus. Die sechste Generation Passat ist wieder eine Neukonstruktion mit – Achtung! – Quermotor. Die Plattformarchitektur ermöglicht eine verbesserte Raumökonomie, der Variant ist mit bis zu 1.731 Litern Kofferraumvolumen ein ganz Großer in seiner Klasse. Der Typ 3C demokratisiert einmal mehr Extras der Oberklasse: Adaptivdämpfung, touchgesteuerte Infotainmentsysteme und ein Haldex-Allradantrieb sind nun erhältlich. Ganz der Effizienz haben sich die BlueMotion-Versionen verschreiben. Auf der anderen Seite kommt mit dem 300 PS starken R36 der bislang sportlichste Passat auf die Straße.

Luxus ist machbar, Herr Nachbar: Edelholz „Pappelmaser“ und beiges Leder kommen oberklassig rüber – hier im Typ 3C
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Anno 2008 überrascht Volkswagen die Welt mit einem schicken viertürigen Coupé, dem Passat CC
Generation sieben: große Modellpflege, in den Papieren daher immer noch als Typ 3C geführt
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Als Synonym für Geräumigkeit, Variabilität und Langstreckenkompetenz übernimmt ab 2010 Generation sieben den Staffelstab. Nummer sieben basiert auf dem Vorgänger und wurde umfangreich überarbeitet, trägt daher ebenfalls die Typenbezeichnung 3C in den Papieren. Es ist ein stattliches Fahrzeug mit einer Außenlänge von 4,77 Metern, dessen Platzangebot wiederum an die Oberklasse erinnert. Für ein noch entspannteres Fahren sind eine Vielzahl elektronischer Assistenten im Angebot: vom adaptiven Tempomaten über die dynamische Fernlichtregulierung und Verkehrszeichenerkennung bis hin zum Spurhalteund Toter-Winkel-Assistenten. Als Alltrack kann der Passat Variant auch mal in leichtes Gelände: Allrad, 30 Millimeter mehr Bodenfreiheit und robuste Beplankungen zeichnen die Crossover-Version aus.

Der Passat ist quasi zur eigenen Marke geworden

2014 kratzt die achte Passat-Generation (Typ 3G) wieder einmal an der Oberklasse. Sie baut auf dem neuartigen Modularen Querbaukasten MQB auf und ist größer und digitaler als je zuvor. Fahrkomfort und Qualität sind erste Liga, der Passat hat sich längst als zuverlässiger Begleiter für Familie, Freizeit und Beruf etabliert, ist quasi selbst zu einer Marke geworden. Mit dem Facelift erfährt der Passat 2019 ein Update. Der Plug-in-Hybrid GTE ist „temporär ein Zero Emission Vehicle“ und schafft als Limousine laut WLTP bis zu 56 Kilometer rein elektrisch und damit lokal emissionsfrei, so die Pressemappe vom Juni 2019. Ein großes Sicherheitsplus sind die Fußgängererkennung und das „Emergency Assist“-System. Anhängerfahrer lieben dagegen den Rangierassistenten Trailer Assist. Entlastend auf Langstrecken wirkt der optionale Travel Assist, durch ihn fährt der Passat bis 210 km/h teilautomatisiert. Seit Dezember 2021 wird die Passat-Limousine in Deutschland nicht mehr angeboten, denn schon seit vielen Jahren entschieden sich Kunden zu über 90 Prozent für den Variant – Kombis sind eben die besseren Limousinen. Nur konsequent also, dass Volkswagen den bereits in den Startlöchern stehenden Passat Nummer neun ausschließlich als Variant anbieten wird.