Cariad: Schlüsselrolle „Software“Foto: VW

Reportagen Cariad: Schlüsselrolle „Software“

Wolfgang Schaeffer

 2/18/2022, Lesezeit: 5 Minuten

Der VW-Konzern entwickelt eine eigene Software-Plattform. Im eigenständigen Tochterunternehmen Cariad werden die entsprechende Kompetenzen gebündelt

Die Bedeutung von Software im Auto ist schon jetzt enorm groß, wird aber in Zukunft einen noch weitaus größeren Stellenwert haben. Aus diesem Grund hat der Volkswagen Konzern die bereits bestehenden Kompetenzteams der Marken, hier vor allem Audi, Porsche und VW, unter einem Dach zusammengezogen. Das Mitte 2020 unter dem komplizierten Nahmen Car.Software Organisation gegründete Unternehmen heißt seit Anfang 2021 Cariad. Inzwischen arbeiten hier 4.500 Ingenieure und Entwickler an einer skalierbaren Software- und Technologieplattform mit einheitlichem Betriebssystem, einheitlicher E-Architektur und einer Automotive Cloud für alle Marken des Volkswagen Konzerns. Damit wird nun auf digitaler Ebene das fortgeführt, was der Konzern schon seit Jahren – aktuell beispielsweise mit dem Modularen E-Antriebsbaukasten (MEB) – par excellence bei der Produktion der Fahrzeuge umsetzt.

Bild 4Foto: Hersteller
Cariad liefert die Plattform 2.0 für Audis autonom nach Level 4 fahrenden Artemis, auf den die Studie Grandsphere einen Vorgeschmack gibtFoto: Hersteller
Cariad liefert die Plattform 2.0 für Audis autonom nach Level 4 fahrenden Artemis, auf den die Studie Grandsphere einen Vorgeschmack gibt
Dirk Hilgenberg ist seit Sommer 2020 Software- Chef des VW-KonzernsFoto: Hersteller
Dirk Hilgenberg ist seit Sommer 2020 Software- Chef des VW-Konzerns
Die Premium Plattform Electric (PPE) nutzt die Softwareplattform 1.2. Noch dieses Jahr werden darauf Audi Q6 E-Tron und Porsches E-Macan debütierenFoto: Hersteller
Die Premium Plattform Electric (PPE) nutzt die Softwareplattform 1.2. Noch dieses Jahr werden darauf Audi Q6 E-Tron und Porsches E-Macan debütieren
Bild 4Foto: Hersteller
Cariad liefert die Plattform 2.0 für Audis autonom nach Level 4 fahrenden Artemis, auf den die Studie Grandsphere einen Vorgeschmack gibtFoto: Hersteller
Cariad liefert die Plattform 2.0 für Audis autonom nach Level 4 fahrenden Artemis, auf den die Studie Grandsphere einen Vorgeschmack gibt
Cariad liefert die Plattform 2.0 für Audis autonom nach Level 4 fahrenden Artemis, auf den die Studie Grandsphere einen Vorgeschmack gibt
Dirk Hilgenberg ist seit Sommer 2020 Software- Chef des VW-Konzerns
Die Premium Plattform Electric (PPE) nutzt die Softwareplattform 1.2. Noch dieses Jahr werden darauf Audi Q6 E-Tron und Porsches E-Macan debütieren
Bild 4

Sprecher Guido Stalmann unterstreicht: „Cariad steht letztendlich für die Transformation des Konzerns zu einem Mobilitätsanbieter. Mit der Konzentration der Softwareexperten unter einem Dach können wir weitaus schneller und besser auf veränderte Anforderungen des Marktes, also der Kunden, reagieren. Zudem verhindern wir damit eine mögliche Abhängigkeit von Zulieferern oder anderen Entwicklungszentren.“ Und nicht zuletzt gehe es auch um Datensicherheit. „Die Fahrzeuge der Zukunft werden permanent Daten sammeln, diese in eine Cloud schicken, um so mögliche Fehlerquellen schnell zu erkennen und beheben zu können. Daten, die innerhalb des Konzerns bleiben und nicht für Außenstehende zugänglich sein sollten. Das Auto wird ein voll vernetztes, selbstlernendes Mobile Device.“

Aufgrund der gesammelten Informationen und der entsprechenden Updates seien die Fahrzeuge immer auf dem neuesten technischen Stand zu halten. Stalmann zieht dabei einen Vergleich zu Smartphones, die ebenfalls regelmäßig mit aktueller Software versorgt würden. Gleichwohl weist er auf den veränderten Lifecycle der Fahrzeuge hin. Das Aufspielen neuer Funktionen und die Aktualisierungen würden sich positiv auf den Wert- erhalt und damit auf den Preis der Gebrauchtwagen auswirken. Außerdem könnten Kunden entweder dauerhaft oder für einen definierten Zeitraum bestimmte Funktionen zubuchen. Als Beispiele dafür nennt der Cariad-Sprecher Licht-, Navigations- und Entertainmentsysteme oder auch das automatisierte Fahren. Nicht ausgeschlossen seien auch Leistungssteigerungen der Motoren. Auf die Kapazitäten der Batterien indessen sei ein späterer Zugriff nicht möglich.

Kein Zweifel lässt Stalmann daran aufkommen, dass die zentral entwickelte Softwareplattform keinerlei Auswirkung auf die Individualität der Marken haben werde. „Wir werden alles, was in unserem Software-
Powerhouse geschaffen wird, den Marken zur Verfügung stellen.“ Das gelte natürlich auch für die Produkte der Hardware wie Platinen oder Mikrochips, die zukünftig ebenfalls in Eigenregie entwickelt würden. Die jeweiligen Marken würden dann entscheiden, was sie davon für ihre Modelle umsetzen, um, wie schon jetzt, die Eigenständigkeit und das individuelle Gesicht zu wahren. „Wir kümmern uns nur um die Unterwäsche. Wie die Oberbekleidung, beispielsweise Optik oder Bedienung der Bildschirme, also die User-Experience, aussieht, ist Sache der Marken“, zeichnet Stalmann mit einem Schmunzeln ein Bild von der Arbeit bei Cariad.

Diese Arbeit ist vielschichtig. So werden Funktions-
updates über die Laufzeit der Fahrzeuge auf Basis des Modularen E-Antriebs-Baukastens MEB entwickelt. Parallel dazu geht es um die Software- und Technologie- plattform 1.2 für die Premium Plattform Electric (PPE), auf deren Basis ab 2022 erste Fahrzeuge auf den Markt kommen. Das werden sowohl der Audi Q6 E-Tron als auch der elektrisch angetriebene Porsche Macan sein. Das große Ziel aber ist die Entwicklung der einheitlichen und skalierbaren Software- und Technologieplattform 2.0 für alle Konzernmarken. Stalmann: „Würden wir die heutigen Modellbezeichnungen zu Grunde legen, könnten wir damit vom Polo bis zum Porsche Panamera alles abdecken.“ Die Premiere für den Einsatz der Plattform ist für Ende 2024 mit Artemis, dem Leuchtturm-Projekt von Audi, geplant. Vor wenigen Monaten haben die Ingolstädter mit dem in vielen Bereichen seriennahen Showcar Grandsphere bereits einen Ausblick darauf gezeigt. Mit dem Modell soll dann auch das automatisierte Fahren bis Level 4, ein zentrales Entwicklungsfeld von Cariad, möglich sein. 2026 wird die Plattform 2.0 mit dem Trinity Einzug ins Volumensegment der Marke Volkswagen halten.

„Unser Ziel ist es, deutsche Softwareentwicklung auf ein neues Level zu heben. Damit wollen wir German Engineering neu erfinden“, unterstreicht Cariad-Chef Dirk Hilgenberg die Bedeutung des Unternehmens. Das hat derzeit Kompetenzzentren in Wolfsburg, in Ingolstadt, im Raum Stuttgart, Berlin und München. Darüber hinaus gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Entwicklerteams von Volkswagen in Seattle, im Silicon Valley sowie in China. Standorte, die zwar nach und nach ebenfalls unter das Cariad-Dach wandern werden, aber vor allem die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen und dafür entsprechende Lösungen entwickeln sollen.

Werterhalt und Sicherheit

Doch es sind nicht nur zukünftige Fahrfunktionen, die sich aus den gesammelten Daten entwickeln lassen. Aus den zahlreichen Sensoren, die in Fahrzeugen des Volkswagen Konzerns verbaut sind, lassen sich auch Umwelt- und Leistungsdaten aufzeichnen. Diese Sensor- daten können laut Cariad einen Mehrwert für Bürger, Städte und ihre Verwaltungen bieten. Ein Kernbereich, in dem dieser Mehrwert deutlich werde, liege in der Verbesserung der Sicherheit im Stadtverkehr. In einer Projektstudie mit Nira Dynamics AB, einem Tochterunternehmen von Cariad, in Zusammenarbeit mit der Stadt Hamburg, wurden von Volkswagen Testfahr-
zeugen sowie ausgewählten Taxis Daten gesammelt und in Echtzeit ausgewertet. Aus den Informationen könnten sich Anwendungsmöglichkeiten ableiten, um zu mehr Sicherheit im Stadtverkehr beizutragen und das Instandhaltungsmanagement in Städten zu unterstützen, heißt es. Auch sei beispielsweise der Winterdienst schneller und effizienter einzusetzen, da Sensoren an den Autos nasse oder vereiste Bereiche erkennen würden.