Motorsport Formel-EGood bye Formel-E

Tim Westermann

, B.-L. Blank

 · 01.10.2021

Lucas Di Grassi
Foto: Veranstalter

Nach 84 Rennen, einer Konstrukteursmeisterschaft und einem Fahrertitel zieht sich Audi aus der Formel-E zurück. Porsche bleibt

Ein Konstrukteurs-Titel, eine Fahrer-Weltmeisterschaft und 34 Podien – die Bilanz von Audi Sport in der rein elektrischen Formel-E kann sich durchaus sehen lassen. Aber nun ist Schluss. Nach sieben Jahren zieht sich die Mannschaft zurück. Das diesjährige Saisonfinale auf dem Flugfeld Berlin-Tempelhof war der letzte Akkord. Doch Porsche bleibt weiterhin in dieser Rennserie aktiv, um die Fahne des Volkswagen-Konzerns weiter oben zu halten.

Blauer Himmel, sommerliche Temperaturen und ein historischer Ort. Dies war die Kulisse für das Saisonfinale der Formel-E-Saison 20/21. Und spannender hätte es auf dem ehemaligen Flugfeld Berlin Tempelhof nicht sein können, da vor den letzten zwei Rennen noch 18 Fahrer die Möglichkeit auf den WM-Titel hatten. Auch in der sehr ausgeglichenen Teamwertung waren seriöse Prognosen auf den Ausgang schlichtweg unmöglich. Entsprechend hitzig gingen die Piloten in ihren bis zu 340 PS starken Elektro-Flitzern zur Sache. Am Ende setzte sich der Holländer Nyck de Vries durch und holte sich die Meisterschaft. Audi Werksfahrer Lucas di Grassi holte sich im ersten Rennen des Doppellaufs noch den Sieg, musste sich aber am Ende mit Rang sieben in der Fahrergesamtwertung zufriedengeben. Zugleich war es auch der finale Auftritt des Brasilianers im Dress von Audi. Nach sieben Saisons und 84 Rennen schließt Audi das letzte Kapitel des Formel-E-Engagements, blickt aber an eben jenem historischen Ort in Berlin, wo einst die Rosinenbomber während der Berliner Luftbrücke in den Jahren 1948/1949 landeten, positiv zurück.

Verlagssonderveröffentlichung

„Die Formel-E hat bei Audi eine Phase der Transformation begleitet“, unterstrich Audis Vorstandsvorsitzender Markus Duessmann vor der Saison. Zweifels ohne diente das Renn-Engagement, wie auch alle anderen Motorsport-Einsätze, der Weiterentwicklung von Elektro-Antrieben für die Serienmodelle des Ingolstädter-Herstellers. Als Antriebslieferant für das erfolgreiche Kundensport-Team Envision Virgin Racing bleibt Audi jedoch erhalten.

Für die Formel-E selbst ist der Rückzug von Audi ein großer Verlust, denn das Team mit den vier Ringen war seit der Gründung der Serie im Jahr 2014 mit an Bord. Nachdem Audi zunächst als Namenssponsor und technischer Partner vom Privatteam Abt Sportsline auftrat, stieg das Engagement und mündete schließlich in der Übernahme durch einen werksseitigen Einstieg im Jahr 2017. So kam noch mehr Zug in die Mannschaft. Nicht zuletzt, weil Audi den Le Mans-Veteranen Allan McNish zum Teamchef berief. Der Schotte startete zwischen 1997 und 2013 beim prestigeträchtigen Langstrecken-Klassiker in Frankreich, holte drei Gesamtsiege und stand bei den „24 Heures du Mans“ insgesamt neun Mal auf dem Podium. McNish setzte auf Kontinuität und damit auf Qualität. Lucas di Grassi und Daniel Abt fuhren weiter für das Team und sorgten für Furore, zumal der Brasilianer di Grassi der aktuelle Titelverteidiger war. Mit seinem Werkseinsatz avancierte Audi zudem nach Renault und Jaguar zum dritten großen Motorenhersteller in der Formel-E.

Für Jamie Reigle, Chef der Formel-E, kommt der Rückzug von Audi ungelegen. „Die Formel E soll ein ‚Show-
case‘ für die E-Mobilität sein. Und Deutschland ist ein enorm wichtiger Markt für uns: Über 80 Millionen Einwohner, Europas größter Wirtschaftsmarkt. Selbst wenn es hier keine Autohersteller gäbe, wäre es allein deswegen ein wichtiger Markt“, unterstreicht Reigle die Relevanz auch Hersteller aus dem Mutterland des Automobils in seiner Rennserie zu haben. Nun verbleibt mit Porsche nur noch eine Marke aus dem Volkswagen- Konzern in der Formel-E.

Neue Ausrichtung

Die künftige Ausrichtung von Audi ist indes bereits abgesteckt. Ein Ziel verfolgen die Bayern mit dem Einstieg bei der Rallye Dakar. Keine geringeren Top-Fahrer wie Matthias Ekström und Dakar-Urgestein Stephane Peterhansel wurden für diese 2023 beginnende Mission verpflichtet. Ihr Arbeitsgerät ist ein elektrisches T1-E-Fahrzeug, welches zusätzlich mit einem in der DTM erprobten Benzin- Range-Extender ausgerüstet werden soll. Ferner ist eine Rückkehr in die Langstreckenmeisterschaft (WEC) in Planung. Auch gehen unterdessen Gerüchte so weit, dass Audi sich als Motorenlieferant in der Formel-1 engagieren wird.

Und Porsche? Nach dem zweiten Jahr blickt Einsatzleiter Amiel Lindesay optimistisch nach vorne. „Wir haben alles, was es braucht, um auf einem Toplevel konkurrenzfähig zu sein. Das haben wir bewiesen. Wenn wir auf die Saison zurückblicken, müssen wir uns aber auch eingestehen, dass wir insgesamt etwas hinter unseren eigenen Erwartungen zurückgeblieben sind. Vor allem in der ersten Saisonhälfte haben wir Punkte verschenkt, und das hat uns zurückgeworfen“, sagt Lindesay selbstkritisch, verweist aber darauf, dass „wir in der zweiten Saisonhälfte eines der konstantesten Teams waren und regelmäßig gepunktet haben. Wir haben das Potenzial, Rennen zu gewinnen. In dieser Saison mit Höhen und Tiefen haben wir viel gelernt.“ Wer Porsche und seine ambitionierten Ziele – speziell im Rennsport – kennt, weiß, dass es sich hier um eine Kampfansage für die achte Formel-E-Saison handelt. Immerhin hat man mit Le-Mans-As Andre Lotterer und dem jungen Pascal Wehrlein eine der stärksten Fahrerpaarungen im Feld. Nun kommt es nur noch auf die Technik und die richtige taktische Mischung an, um auch den ehrgeizigen Ambitionen der Konzernmutter Volkswagen gerecht zu werden.