Gute Fahrt
· 29.07.2025
Die jüngst erzielte Einigung im Zollstreit zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten stellt für die deutsche Automobilindustrie sowohl eine Erlösung als auch eine Ernüchterung dar. Die EU hat zähneknirschend einen Zollsatz von 15 Prozent für Exporte in die USA akzeptiert, ohne neue Gegenzölle zu verhängen. Für die deutsche Kernbranche bedeutet dies einerseits Klarheit über die künftigen Rahmenbedingungen, was die Neustrukturierung von Lieferketten und die Planung von Investitionen ermöglicht. Andererseits verursacht der Deal in einem ohnehin schwierigen Marktumfeld erhebliche finanzielle Belastungen in Milliardenhöhe.
Die USA stellen den wichtigsten Exportmarkt für die deutsche Automobilindustrie dar. Im vergangenen Jahr wurden knapp 450.000 Fahrzeuge oder 13 Prozent aller Exporte in die Vereinigten Staaten geliefert. Der Wert dieser Exporte wird auf rund 15 bis 20 Milliarden Euro geschätzt. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), betont, dass der neue Zollsatz die Unternehmen jährlich Milliarden kosten und sie inmitten der Transformation zusätzlich belasten werde.
Die Auswirkungen der Zölle fallen je nach Hersteller unterschiedlich aus. Zölle belasten zunächst die Importeure, doch inwieweit diese an die Endkunden weitergegeben werden können, hängt vom Wettbewerbsumfeld und der Marktposition des jeweiligen Unternehmens ab. Besonders betroffen sind Hersteller, die keine eigene Produktion in den USA unterhalten und daher vollständig auf Importe angewiesen sind. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Zulieferer die höheren Kosten an die Hersteller weitergeben können.
Die Wechselkursentwicklung verschärft die Situation zusätzlich. Der Euro hat zum Dollar seit Jahresbeginn rund 15 Prozent an Wert gewonnen, was Exporte in die USA weiter verteuert. Die Branche muss sich daher auf die volle Wucht des neuen Umfelds einstellen – ein Grund, warum der Zoll-Deal mittelfristig vor allem für Ernüchterung sorgen dürfte.
Volkswagen verkaufte 2024 rund 730.000 Personenwagen und Nutzfahrzeuge in den USA und ist damit besonders von den Zollerhöhungen betroffen. Bei der Präsentation der Halbjahresergebnisse 2025 bezifferte der Konzern die durch die Zölle verursachten Mehrkosten auf 1,3 Milliarden Euro, wovon allein 600 Millionen Euro auf die Premiummarke Audi entfielen. Bemerkenswert ist, dass Volkswagen nach eigenen Angaben die höheren Zölle bisher nicht auf die Preise aufgeschlagen hat – vermutlich um das Verkaufsvolumen zu schützen und die Beziehungen zur US-Regierung nicht zu belasten.
Der Wolfsburger Konzern verfolgt eine eigene Strategie im Umgang mit den Zöllen und strebt an, mit der US-Regierung einen separaten Deal auszuhandeln. VW plant, ein "skalierbares Paket" anzubieten, das gemessen an geplanten und neuen Investitionen einen zweistelligen Milliardenbetrag umfassen könnte. Eine Option wäre der Ausbau des bestehenden Werks in Chattanooga (Tennessee), wo allerdings keine Fahrzeuge der Marken Audi und Porsche produziert werden. Gerade diese beiden Konzerntöchter verfügen über keine eigene Produktion in den USA und sind daher besonders anfällig für die Zollerhöhungen.
In Wolfsburg wird deshalb der Bau eines eigenen Werkes für Audi erwogen, dessen Kosten auf 4 bis 5 Milliarden Euro geschätzt werden. Zudem plant Volkswagen, die amerikanische Traditionsmarke Scout wiederzubeleben. Zu diesem Zweck errichtet der Konzern bereits ein Werk in Blythewood (South Carolina), dessen Grundsteinlegung im Februar 2024 erfolgte, sowie ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Novi (Michigan).
Die Ausgangslage wird dadurch erschwert, dass Volkswagen in den USA seit Jahren nur mäßig erfolgreich ist. Die Durchsetzbarkeit höherer Preise hängt stark vom Wettbewerbsumfeld ab. Da jedoch alle Konkurrenten in unterschiedlichem Maße von den Zöllen betroffen sind, dürfte das allgemeine Preisniveau für Neuwagen in den USA steigen. Auch Audi läuft den eigenen Ansprüchen in Amerika seit Jahren hinterher, profitiert aber im Premiumsegment von einer geringeren Preissensitivität der Kunden. Noch stärker gilt dies für Porsche im Sportwagensegment, wo 15 Prozent Zollaufschlag bei den Kunden weniger ins Gewicht fallen.
Die Premiumhersteller BMW und Mercedes-Benz sind durch ihre lokale Produktion in den USA teilweise vor den Auswirkungen der Zölle geschützt. BMW produzierte 2024 in seinem Werk in Spartanburg (South Carolina) rund 400.000 Fahrzeuge, hauptsächlich sportliche Geländewagen. Dies entspricht in etwa dem Verkaufsvolumen des Unternehmens in den USA. Für diese lokal hergestellten Fahrzeuge fallen keine Importzölle an, was einen erheblichen Wettbewerbsvorteil darstellt.
Allerdings geht die Hälfte der US-Produktion von BMW in den Export, davon knapp 100.000 Einheiten in die EU. Hier profitiert der Münchner Konzern davon, dass die EU keine zusätzlichen Gegenzölle über die bisherigen 10 Prozent hinaus erhebt. Gleichzeitig importiert BMW deutlich über 200.000 Fahrzeuge in die USA, wovon gut die Hälfte aus der EU stammt. Bei diesen Importen schlagen die neuen Zölle voll durch. Branchenbeobachter schätzen, dass ein Zoll von 15 Prozent BMW insgesamt einen Prozentpunkt Marge kosten könnte.
Bei Mercedes-Benz zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Stuttgarter produzieren in ihrem Werk in Tuscaloosa (Alabama) ebenfalls vorwiegend sportliche Geländewagen. Etwa zwei Drittel dieser Produktion gehen in den Export. Mercedes ist jedoch zurückhaltender bei der Veröffentlichung genauer Zahlen. Die Produktion in den USA dürfte deutlich unter jener von BMW liegen. Im vergangenen Jahr verkaufte Mercedes rund 325.000 Autos in den USA. Medienberichten zufolge erwägt das Management, ab 2026 auch den beliebten sportlichen Geländewagen GLC in den USA zu bauen.
Die Hoffnung von BMW und Mercedes, ihre Produktion in den USA mit den Importen verrechnen zu können, um weniger Zoll zahlen zu müssen, scheint sich bislang nicht zu erfüllen. Mercedes wird am Mittwoch die Zahlen für das erste Halbjahr vorlegen, BMW folgt einen Tag später. Es wird erwartet, dass sich die Unternehmen dann detaillierter zu den Auswirkungen der Zölle auf ihr Geschäft und ihre Finanzzahlen äußern werden.
Für die Automobilzulieferer sind nicht nur die Zölle zwischen den USA und der EU entscheidend, sondern auch jene zwischen den USA, Mexiko und Kanada. Viele Fahrzeuge und Autoteile werden vor allem von Mexiko in die USA exportiert, wobei manche Komponenten während des Produktionsprozesses mehrfach die Grenze zwischen den Staaten passieren. In diesem Bereich steht eine Einigung über die künftige Zollhöhe noch aus, was zusätzliche Unsicherheit schafft.
Der Zulieferer Continental verfügt über alle Unternehmensbereiche hinweg über mehr als 50 Werke, Entwicklungszentren und Verwaltungsstandorte in den USA, mehr als 20 in Mexiko und 3 in Kanada. In den USA investierte das Unternehmen seit 2015 mehr als 3 Milliarden Euro und erwirtschaftete dort im vergangenen Jahr rund 20 Prozent seines Umsatzes. Die komplexen Lieferketten und der intensive Austausch von Komponenten zwischen den nordamerikanischen Ländern machen Continental besonders anfällig für Zollerhöhungen.
Auch Bosch ist stark von Zöllen innerhalb Nordamerikas betroffen, insbesondere durch den Austausch von Vorprodukten und fertigen Komponenten zwischen den USA und Mexiko. Der Konzern unterhält ein umfangreiches Netzwerk von Güter- und Dienstleistungsströmen mit den Autoherstellern und eigenen Zulieferern. Die Zollauseinandersetzung dürfte die gesamte Zuliefererbranche Hunderte Millionen Euro kosten.
Die Automobilhersteller und Zulieferer stehen nun vor der Herausforderung, Strategien zu entwickeln, um die Zollbelastungen zu kompensieren. Porsche könnte beispielsweise einen Ansatz verfolgen, bei dem ein Drittel der Kosten zu Lasten des Gewinns geht, ein weiteres Drittel durch höhere Effizienz ausgeglichen wird und das letzte Drittel durch Preiserhöhungen aufgefangen wird. Ähnliche Überlegungen dürften bei allen Herstellern angestellt werden, wobei die Möglichkeiten zur Preiserhöhung je nach Marktsegment und Wettbewerbsposition unterschiedlich ausfallen.