VW T1 Carlux feiert spektakuläre Wiedergeburt

Gute Fahrt

 · 30.07.2025

VW T1 Carlux feiert spektakuläre WiedergeburtFoto: Hahn Gruppe
Die aufwendige Restaurierung eines äußerst seltenen VW T1 Auwärter Carlux aus dem Jahr 1959 wird detailliert beschrieben. Walter Jelinek und Steffen Hahn retteten den Panorama-Bus mit seinen charakteristischen Dachfenstern vom Autofriedhof und rekonstruierten ihn in jahrelanger Arbeit. Das Projekt wurde mit dem Goldenen Klassiker für die Restaurierung des Jahres ausgezeichnet.

Von der Schweiz auf den Schrottplatz: Die Geschichte des Carlux

Die Geschichte des VW T1 Auwärter Carlux beginnt um 1959 in St. Gallen in der Schweiz. Das Busreiseunternehmen Sprenger suchte damals nach Panoramabussen, die schmal genug für enge Bergstraßen waren – so zumindest die mündliche Überlieferung. Bei der Ernst Auwärter Karosserie- und Fahrzeugbau KG in Stuttgart-Möhringen landete schließlich ein Bogen mit Maßzeichnungen für genau solch einen VW T1. "VW Luxus-Car" stand auf den Plänen, zusammen mit den Namen von Auwärter und Sprenger.

Auwärter baute daraufhin mehrere dieser "Luxus-Cars", die den Namen Carlux erhielten, und verkaufte sie an Sprenger und andere Busunternehmen. Mit bis zu neun Personen besetzt, bewegten sich die Luxus-Bullis mit ihren 34 PS durch die Landschaft. Das auffälligste Merkmal der Fahrzeuge war das großzügig verglaste Dach, das den Passagieren einen einzigartigen Panoramablick ermöglichte – deutlich großzügiger als beim bekannteren Samba-Bus.

Jahrzehnte später, im Jahr 2009, tauchte einer dieser seltenen Carlux-Busse auf dem Autofriedhof von Franz Messerli im schweizerischen Kaufdorf wieder auf. Inmitten von mehr als 1000 verrottenden Oldtimern stand der VW T1 Auwärter Carlux – mit Motorschaden liegen geblieben, ohne Scheiben, unten stark verrostet und oben von einem umgestürzten Baum zerdrückt. Die Gemeinde drohte bereits damit, das gesamte Gelände zu planieren.

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In dieser kritischen Situation trat Peter Fried auf den Plan, ein Spezialist für alte Volkswagen. Er erkannte den Wert des seltenen Fahrzeugs, kaufte das Wrack und lagerte es ein. Parallel dazu hatte Walter Jelinek, ein Freund von Fried und erfahrener VW-Restaurator, 2009 ebenfalls einen Carlux-Bus entdeckt – ein blaues Exemplar, das er zunächst zum Spaß tieferlegte. Mit VW T1 kannte sich Jelinek bestens aus, hatte er doch bereits Dutzende dieser Fahrzeuge restauriert.

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Schließlich wurde Steffen Hahn, Oldtimer-Liebhaber und Kunde von Jelinek, auf die seltenen Carlux-Busse aufmerksam. Sein Interesse war sofort geweckt, und er sollte später eine entscheidende Rolle bei der Rettung des Fahrzeugs spielen.

Herausforderung Restaurierung: Vom Wrack zum Schmuckstück

Im Jahr 2017 begann in Walter Jelineks Werkstatt in Balingen die eigentliche Rettungsaktion für den Carlux. Jelinek hatte den Schrottplatz-Carlux von Peter Fried erworben und stellte fest, dass der umgestürzte Baum die Dachkonstruktion aus Vierkantstahl zwar verbogen, aber nicht irreparabel beschädigt hatte. Eine Restaurierung schien möglich, doch Jelinek wusste: "Ohne die Dachfenster kannst du das Auto nicht machen."

Die größte Herausforderung stellten die charakteristischen Plexiglasfenster im Dach dar. Jelinek wandte sich an die Firma Plexiweiss in Oberbayern, die auch Verglasungen für Hubschrauber herstellt. Zunächst erhielt er eine Absage, doch der Restaurator bewies Beharrlichkeit: "Ich bin niemand, der aufdringlich wird, aber man kann ja regelmäßig nachfragen." Diese Hartnäckigkeit zahlte sich aus – irgendwann sagte Plexiweiss zu.

Erwin Siegenthaler, Leiter Sonderprojekte bei Plexiweiss, bestätigte den aufwendigen Prozess: "Seinen alten Satz Scheiben haben wir gescannt und eine GFK-Form gebaut." Das Unternehmen kaufte blau durchgefärbte Plexiglasplatten von Röhm in Darmstadt, fünf Millimeter stark. "Die haben wir bei 150 bis 170 Grad im Streckziehverfahren über die Formen gezogen", erklärte Siegenthaler. Mit diesen nachgefertigten Scheiben war ein entscheidendes Hindernis überwunden.

Während die obere Hälfte des Fahrzeugs noch relativ gut erhalten war, bestand die untere Karosserie praktisch nur noch aus Lackresten und Rostmolekülen. Jelinek entschied sich für eine radikale Lösung: Er fand einen Serien-T1 aus demselben Baujahr, der trocken in New Mexico (USA) gestanden hatte. "Der war relativ gut, Originallack. Wir haben ihn geköpft. Dafür würden sie mich heute töten", berichtet Jelinek. Steffen Hahn unterstützte diese Entscheidung mit den Worten: "Wenn, machen wir's richtig."

Anstelle der zweiteiligen Seitentüren des Standard-T1 verfügte der Auwärter Carlux über eine große Schwenktür. Jelineks Karosseriebauer fertigten diese nach, während der britische Blechteilhersteller Autocraft Engineering das Seitenteil dahinter baute. Auch Laderaum- und Führerhausboden mussten neu angefertigt werden. Der Rest des Oldtimers wurde 1961 in Hannover produziert. "So ist er strukturell ein echter VW, kein Konglomerat", betont Jelinek. Allein in den Karosseriebau flossen beeindruckende 3000 Arbeitsstunden.

Detailarbeit und Materialsuche: Perfektion bis ins Kleinste

Die Innenausstattung des Carlux stellte das Restaurationsteam vor weitere Herausforderungen. Aus der karamellbraunen Originalausstattung schloss Jelinek, dass das Fahrzeug ursprünglich ein "Mangobus" gewesen sein musste – unten mangogrün (L346) und oben möwengrau (L347). "Also mussten die Innenverkleidungen ein Biskuitmuster haben. Das haben wir mit einer Art Waffelmaschine gemacht. Da war wieder viel Beharrlichkeit gefragt", erläutert der Restaurator.

Bei den Sitzbezügen entschied man sich für eine Aufwertung: Während die Originalsitze mit Vinyl bezogen waren, wünschte Auftraggeber Steffen Hahn Echtleder. Jelineks Sattler Markus Mühlbauer aus Regensburg setzte diesen Wunsch um. Auch beim Bodenbelag ging man über das Original hinaus – Jelinek vermutet, dass Auwärter ursprünglich einfache Gummimatten verlegt hatte. Die Restaurierung musste an einigen Stellen mit Vermutungen arbeiten, da nach der Insolvenz der Firma Auwärter vermutlich alle Unterlagen verloren gegangen waren.

Bei den Außenspiegeln machte man Abstriche an der Originalität: Das historische Foto des Carlux im Einsatz beim Schweizer Reiseunternehmen Flückinger zeigt schwarze Rechteckspiegel, während das restaurierte Fahrzeug verchromte Spiegel erhielt. Bei den Scheibenwischern hingegen bewies Jelinek höchste Detailtreue: "Die vom VW T2b würden gehen, das sind die gleichen, aber das kannst du ja nicht machen. Diese sind vom Mercedes 190 SL, glaube ich. Gefunden nach monatelanger Suche auf Teilemärkten."

Zahlreiche Komponenten mussten komplett neu angefertigt werden, darunter diverse Gummiprofile. Die zerbröselten Bakelitknöpfe für die Ausstellfenster im hinteren Bereich "haben wir im Metall-3D-Druck nachfertigen lassen". Die waagerecht verlaufende Zierleiste im Innenraum entdeckte das Team "auf einem Schrottplatz in Polen in einem 60er-Jahre-Setra-Bus". Selbst der Motor konnte trotz starker Korrosion gerettet werden: "Beim Motor war das Magnesium des Gehäuses zerbissen, aber wir haben nahezu 90 Prozent gerettet", berichtet Jelinek stolz.

Ein kleines Detail blieb für den Perfektionisten Jelinek unbefriedigend: "Das Einzige, was blöd ist, ist die Anhängerkupplung. Die ist zeitgenössisch, aber von Westfalia. Ich hätte lieber eine von Hahn, nur: Für den VW T1 findet man keine. Mein Anspruch ist ja, es perfekt zu machen im Rahmen der Möglichkeiten."

Farbgebung und Vollendung: Ein Bus im Hahn-Design

Bei der Farbgestaltung des restaurierten Carlux waren die Wünsche des Auftraggebers Steffen Hahn entscheidend. "Der Bus sollte aussehen, als wäre er von der Firma Hahn gewesen. Die Gestaltung war spannend. Ein dunkles Blau ist unsere Firmenfarbe, der Elfenbeinton passt wunderbar dazu", erklärt Hahn die Farbwahl, die von der ursprünglichen Farbkombination mangogrün/möwengrau abweicht.

Für die Umsetzung der anspruchsvollen Lackierung holte Walter Jelinek den renommierten Lackier-Künstler Neil Melliard aus London hinzu. "Neil, Lackierer Chris, Kollege Markus und ich haben zwei Tage lang probiert, wie es am gefälligsten aussieht. Bei den Nachtschichten waren viel Kaffee und Hochprozentiges im Spiel. Herr Hahn war per WhatsApp dabei", erinnert sich Jelinek an den kreativen Prozess. Die breiten blauen Streifen wurden auflackiert, während die feinen Linien, das Hahn-Logo und die Schriftzüge von Melliard in präziser Handarbeit aufgemalt wurden. Diese Detailarbeit erstreckte sich sogar auf die Stahlräder, die mit feinen Pinstripes verziert wurden.

Nach jahrelanger Restaurierungsarbeit fand der VW T1 Auwärter Carlux schließlich seinen Platz in der Alten Weberei in Reutlingen-Mittelstadt. In diesem historischen Gemäuer aus dem Jahr 1876 ist heute Hahn Classic untergebracht, eine Werkstatt mit Vertrieb von Oldtimern und Youngtimern. Hier präsentieren Walter Jelinek und Steffen Hahn stolz das Ergebnis ihrer Arbeit: einen vollständig restaurierten, fahrbereiten Carlux, bei dem alle Funktionen einwandfrei arbeiten.

Die außergewöhnliche Qualität der Restaurierung blieb nicht unbemerkt. Im Jahr 2023 verlieh die Redaktionsjury von AUTO BILD KLASSIK Walter Jelinek und Steffen Hahn den Goldenen Klassiker für die Restaurierung des Jahres – eine verdiente Anerkennung für die Rettung eines der seltensten VW-Modelle überhaupt. Von den ursprünglich gebauten Carlux-Bussen – Ernst Auwärter sprach von 24 Exemplaren – sind heute nur noch drei überlebende Fahrzeuge bekannt.

Der restaurierte Carlux beeindruckt besonders durch seine großzügige Verglasung. Aus der Froschperspektive betrachtet, besteht das Dach fast nur aus Fenstern – eine Eigenschaft, die selbst den bekannteren VW T1 Samba in den Schatten stellt. Mit seiner Kombination aus historischer Bedeutung, technischer Raffinesse und perfekter Restaurierung ist dieser VW T1 Auwärter Carlux ein herausragendes Zeugnis deutscher Automobilgeschichte und handwerklicher Restaurierungskunst.


​Technische Daten im Überblick

  • Motor: Vierzylinder-Boxer, hinten längs, zentrale Nockenwelle (Antrieb über Stirnräder), Fallstromvergaser Solex 28 PICT
  • Hubraum: 1192 cm³
  • Leistung: 25 kW (34 PS) bei 3600/min
  • Drehmoment: 82,4 Nm bei 2000/min
  • Höchstgeschwindigkeit: 95 km/h
  • Antrieb: Viergang-Schaltgetriebe, Heck
  • Bremsen: v. u. h. Trommel, hydraulisch
  • Reifen: 6.40 x 15
  • Abmessungen (L/B/H): 4220/1750/2050 mm
  • Gewicht: 1200 kg
  • Baujahr: 1959/1961
  • Karosserie: Sonderkarosserie von Auwärter
  • Besonderheit: Panoramadach mit Plexiglasfenstern

Stärken und Schwächen

  • Einzigartige Panorama-Verglasung mit Dachfenstern
  • Schmale Bauweise für enge Bergstraßen
  • Außergewöhnliche Rarität (nur drei überlebende Exemplare bekannt)
  • Komplett restauriert mit originalgetreuen Details
  • Automatisch herausschwenkende Trittstufe

  • Geringe Motorleistung von nur 34 PS
  • Aufwendige Ersatzteilbeschaffung für Sonderkarosserie
  • Hoher Restaurierungsaufwand (3000 Stunden allein für Karosserie)
  • Originalunterlagen nach Auwärter-Pleite verloren
  • Anhängerkupplung nicht von Hahn, sondern von Westfalia

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