Der gute Rest

Edwin Baaske

 · 04.04.2022

Der gute RestFoto: Gute Fahrt

In der Geschichte von GUTE FAHRT war wohl kein Mann so nachhaltig und so prägend wie dieser: Hermann Rest. Er hat der Redaktion eine moralische Grundhaltung gegeben, ihr journalistisches Selbstbild scharf gestellt und ist weit über seine verantwortlichen Jahre hinaus immer spürbar geblieben – jetzt ist der bekennende Humanist und große Journalist Hermann Rest in seiner schwäbischen Wahlheimat Neuhausen auf den Fildern gestorben.

Der Vater wollte, dass er Ingenieur wird, er selbst hatte sich früh für den Platz hinter der Schreibmaschine entschieden, den Journalismus gewählt. Eine gute Wahl; doch auch der Vater von Hermann Rest hatte ein gutes Gespür: dieser Mann hatte viele Talente und noch mehr Talent. Das Schreiben beherrschte er virtuos, doch auch die Technik faszinierte ihn zeitlebens. Zeitlebens. Was für ein Wort. Zuviel Rückblick für einen wie den Chefredak­teur Rest. Dessen Credo lautete: „Immer frisch vom Fass.“ Man solle sich nichts aufsparen. Nicht im Rückspie­gel leben. Das Neue sei das Wichtige.

Darin war Hermann Rest ein Kind seiner Zeit. 1934 geboren. Tief im Westen, in Wuppertal. Aufgewachsen im Arbeiterstadtteil, wo Straßen noch Bolzplätze waren, so selten kamen Autos damals dort vorbei. Um­so begehrenswerter erschienen sie, diese unerreich­baren, modernen Wunderwerke, die sagenhafte Weltrekordfahrten absolvierten. Automo­bil plus Journalismus, das war für Rest die ideale Formel und die Redaktion GUTE FAHRT der Raum, wo er seine Talente einsetzen konnte. Horst Stern, der spätere Fernsehjournalist und Umweltmahner, holte ihn nach Stuttgart zur „Zeitschrift für den Volkswagenfahrer“, wie das Special-Interest-Magazin ganz im Jargon der Zeit untertitelt wurde. Das war Anfang der 1960er-Jahre. Am Ende des Jahrzehnts, 1968, war Rest Chefredakteur des auflagenstarken Magazins.

Und bereits im nächsten Jahr liefert Rest gemeinsam mit den Technikern im GUTE FAHRT-Team sein Meisterstück ab. Rest baute ein Auto, den GF-Buggy. Der Käfer diente als Basis, der amerikanische Lifestyle des Hippie-Jahrzehnts lieferte Idee und Formensprache. Weit mehr als 1.000 Bausätze des Dünen-Käfers verkaufte Produzent Karmann zum Preis von 3.000 D-Mark. Seine Weltpremiere hatte der „Karmann GF“ Buggy standesgemäß auf der Internationalen-Automobil-Ausstellung 1969 (IAA) in Frankfurt. Vier Exemplare fuhren auf dem Ausstellungsgelände und das Publikum durfte mitfahren.

Foto: Gute Fahrt

Journalistische Pirouetten und Humanismus

Die Integration der Marke Audi, die zum Volkswagen-Konzern hinzukam, eine italienische Ausgabe von GUTE FAHRT, spektakuläre Versuchsreihen mit brennenden Fahrzeugen und platzenden Reifen, simulierte Diebstähle von bewachten Parkplätzen – Rests Repertoire der journalistischen Pirouetten ist eindrucksvoll und lang. Doch nicht diese fraglos klugen, kreativen und mutigen Kabinettstücke waren der nachhaltigste Teil seiner Arbeit. Es war sein Humanismus der ihn auszeichnete und der nachklingt bis in die Gegenwart und Zukunft.

Dieser Hermann Rest interessiert sich für Menschen, nicht für Formalitäten. Er vertraut der eigenen Intuition. Beim Nachwuchs setzt er weniger auf Universitäts-Abschlüsse und gradlinige Lebensläufe, denn aufs intellektuelle und soziale Potenzial. Die eigene Vita hat ihn da geprägt. Selbst hätte er gern Soziologie studiert, auch hierin ein Kind seiner Zeit. Rest war begeistert von der „Frankfurter Schule“ um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas, doch das Geld war knapp. Statt Uni gab’s ein Tageszeitungs-Volontariat. Den eigenen Werdegang im Sinn, ebnete Rest einer ganzen Generation von jungen Schreibern, auch ohne Uni-Diplom, den Weg in den Journalismus. Voraus­setzung war lediglich, dass sie für das brennen, was auch ihn antrieb: das Schreiben, das Geschichten finden und erfinden.

Foto: Gute Fahrt

Hermann Rest hat Persönlichkeiten gesucht, keine Karriere-Journalisten. Seine Philosophie war klar: ein guter Journalist, ist ein Charakter, ein Mensch mit Meinung, aber auch mit Zweifeln und Fragen. Wer durch seine Schule gegangen ist, wurde als Persönlichkeit geprägt. Aufrichtigkeit, Verantwortung für andere und Zuversicht gab er seinen Eleven mit – neben einer fein polierten Sprache.

Rest führte die Redaktion bis 1994. Begleitete den Wechsel vom Käfer zum Golf mit Kompetenz und moderner Blattgestaltung. Die weltweite Ausdehnung des Konzerns traf bei ihm auf eine nie gestillte Reiselust, ein Interesse am Unbekannten, am Fernen. Brasilien, China, USA. Der Blick weitete sich mit der wachsenden Globalisierung Wolfsburgs.

Auch in den Jahrzehnten nach seinem Rückzug vom Chefsessel blieb Rest seiner GUTEN FAHRT und seinen Nachfolgern als Ratgeber erhalten – wenn sie es wünschten. Aufgedrängt hat er sich nie. Klug waren seine Kommentare immer, wohlwollend auch. Der Abschied von ihm ist gleichermaßen schmerzhaft und kaum spürbar. Denn Hermann Rest, sein Denken im journalistischen wie menschlichen Sinn ist heute tief verankert in der Philosophie von GUTE FAHRT. Er wird fehlen und wird doch weiterhin präsent sein – dieser prägende Kopf mit aufmerksamem Herzen.

Zum Glück wissen wir, dass er ohnedies nur eine weitere Reise angetreten hat. Etwas, das er sehr geliebt hat, dieses unterwegs sein, neues entdecken.

Farewell Boss!