Alissa Selge
· 29.04.2024
Dunkles Blech, meterhohe Scheiben, eine Front aus Glas. Das zweistöckige Glastor mit dem schweren Stahlrahmen schwingt auf und gibt den Blick frei auf fünf Stellplätze und die Stars des Gebäudes, darunter ein offener Porsche 356 SC. Fast ehrfürchtig steht man als Besucher jetzt den Sportwagen gegenüber, deren roter und weißer Lack in der australischen Morgensonne strahlt. Die „BB Garage“ stellt auf 160 Quadratmetern nicht nur ihre Fahrzeuge in den Mittelpunkt, sondern auch Exponate – besondere Bauteile oder Rennanzüge –, die wie in einer Kunstgalerie an den Wänden installiert sind. Garage? Diese Bezeichnung für den avantgardistisch anmutenden Hangar ist ganz klar ein Understatement. Und als dieses nur eines von vielen beeindruckenden Beispielen, wie Petrol Heads auf der ganzen Welt ihre Leidenschaft für extravagante Autos – und Architektur – ausleben. 44 Bauwerke mit außergewöhnlichen Stellplatzlösungen hat Autor Andreas K. Vetter in seinem rund 300 Seiten starken Bildband „Haus und Auto“ (Callwey Verlag) gesammelt. Jedes von ihnen demonstriert, wie man seinen geliebten Wagen – oder sogar die eigene Sammlung – angemessen präsentiert. Und, wie Menschen ihrem Auto nicht nur in ihrem Leben einen besonderen Platz zuweisen, sondern auch in ihrem Zuhause. In diesem Bildband werden Autos nicht einfach geparkt. Sie werden von ihren Besitzern mithilfe beeindruckender Architektur in Szene gesetzt.
Die Garage gehört schon länger zum menschlichen Domizil, als man glauben könnte. Als Zug- und Reittiere die Fortbewegungsmittel darstellten, baute der Mensch Stallungen nahe seinem Haus – und ersetzte sie später durch Remisen für Kutschen und Schlitten. Im 20. Jahrhundert zeigten amerikanische Filmstars und Unternehmer in ihren Villen mit Mehrfachgaragen, dass nicht länger nur Autos als Statussymbole galten, sondern auch ihre Stellplätze. Heute lassen Autoenthusiasten auf der ganzen Welt ihrer Fantasie freien Lauf, um ihren wertvollsten Besitz aufregend zu präsentieren. Sie inszenieren ihre Leidenschaft auf Drehscheiben, in unterirdischen Wagenhallen, ausgebauten Weindepots und gigantischen Glasvitrinen. Diese architektonischen Amibitionen findet man auf der ganzen Welt, wie der Bildband eindrücklich beweist: Neben prachtvollen europäischen Villen, aber auch im Tropenwald nahe des Pazifischen Ozeans, in dicht besiedelten Städten im Fernost oder polnischen Vororten. Die großformatigen Aufnahmen von jedem Projekt werden mit Texten und den Bauplänen ergänzt. Interviews mit dem bekannten deutschen Villen-Architekten Alexander Brenner, dem Autofotografen Steffen Jahn, dem Architekten und Bauherren Korn Thongtour und dem Bauherren und Porsche-Sammler Jürgen Rudolph geben weitere Einblicke in die Berufe der Menschen, die die gezeigten Bauwerke möglich machen.
Beim Durchblättern und Eintauchen in die Impressionen wird auf inspirierende Art und Weise deutlich, dass Menschen weltweit ihre teilweise verrückten Ideen erforschen und – mit dem nötigen Kleingeld – in die Realität umsetzen. Auch, wenn man selbst vielleicht keinen Architekten anheuern wird, um eine eigene extravagante Garage zu entwerfen – träumen darf man ja mal. Und das macht mit diesem Bildband sehr viel Spaß.