Heiko P. Wacker
· 31.07.2023
Mehr als ein Dutzend Siege feierte die Marke mit den vier Ringen Anfang des Jahrtausends. Und wie die Siege gefeiert wurden! 1999 fuhr der erste Audi R8 in Le Mans direkt aufs Podium, was immerhin als Achtungserfolg gewertet wurde und dem Ehrgeiz der Audianer zu verdanken war. Vielleicht hat hier eine Ansage des Vorstands Dr. Franz-Josef Paefgen verfangen, der im Dezember zuvor noch kernig betonte: „Wir wollen bereits 1999 die 24 Stunden von Le Mans gewinnen.“ 24 Jahre später verriet der frühere Vorstand den Autoren des Buchs, dass ihm der Esprit bei Audi Sport damals missfiel. „Zuerst mal diese Anfangsträgheit, in dieses Projekt nicht hinein zu wollen.
Und auch zu diesem Zeitpunkt war noch das Denken: ‚Naja, schauen wir mal. Wir melden mal ein Auto, gegen die Großen kommen wir sowieso nicht an, und fahren mal.‘ So nach dem Motto, im ersten Jahr ein bisschen, im zweiten ein bisschen besser. Und das hat mir furchtbar missfallen: kein Messer zwischen den Zähnen, kein Kampfgeist. Deswegen habe ich gedacht, jetzt muss man denen mal wirklich sagen, warum man Autorennen fährt. Man fährt Autorennen, um zu gewinnen, und nicht, um irgendeinen Trostpreis zu kriegen.“ Im ersten Jahr verfing die Motivationsrede noch nicht zur Gänze, im zweiten schon, 2000 folgte der erste Gesamtsieg mit einer triumphalen Dreifachplatzierung. Die vier Ringe begannen, der Konkurrenz im härtesten Autorennen der Welt das Fürchten zu lehren. Zwölf weitere Siege sollten folgen auf jener Strecke, die in diesem Juni 100. Geburtstag feiern durfte – Glückwunsch auch von unserer Seite!
Von Anfang an trieb der Rennsport dabei auch stets die technische Entwicklung voran. So schrieb Jaguar 1953 mit der ersten Scheibenbremsanlage Geschichte, Slicks brachte erstmals Michelin, das war 1967. 13 Jahre später beginnt dann die Ära alternativer Kraftstoffe, 1980 feiert ein Benzin-Ethanol-Gemisch sein Debüt.
Andere Ideen sind weniger erfolgreich, wie die 1963 von Rover-BRM eingesetzte Turbine oder der Wankelantrieb. Mazda gelang 1991 der erste und bislang einzige Sieg mit dem Kreiskolben.
Auch Audi machte immer wieder mit technischem Vorsprung von sich reden. Der historische erste Diesel-Sieg in Le Mans war nämlich alles andere als selbstverständlich, wobei Audi mit einer sehr mutigen Präsentation des Dieselrenners ausgerechnet in Paris, direkt vor den Augen des künftigen Mitbewerbers Peugeot, ordentlich Druck aufgebaut hatte. Apropos Druck: Das Common-Rail-System entstammte der Serienfertigung. Wobei nicht alle Fans jubelten: Mit einem Plakat wetterte ein Besucher gegen den „erbärmlichen“ Diesel. Ja nun, man kann es nicht allen recht machen. Und eine Weile später ging es ja auch mit dem ersten Sieg eines Fahrzeugs mit Hybridtechnik weiter, an der Wagenfront klebten mal wieder vier Ringe.
Mit dem Lese- und Bildband „Audi in Le Mans“ (ISBN 978-3-667-12652-8, Delius Klasing-Verlag, 59 Euro) gelang den Herausgebern von „Audi Tradition“ ein ebenso spannendes wie tief in die Materie eintauchendes Buch, wobei der profunde Blick in die Archive der Marke einen umfangreichen Quellenschatz zu Tage brachte. Erinnerungen maßgeblicher Zeitzeugen, Einschätzungen unabhängiger Beobachter und auch die Würdigung der Gegner auf der Rennstrecke machen die 320 Seiten zu einem spannenden Autobuch, das weder mit Highlights, noch mit Hintergründen geizt – mit grandiosen Aufnahmen schon gar nicht. Mehr als 600 Bilder fanden den Weg ins Buch, das auch Fehler und Rückschläge nicht verschweigt. Doch gerade deshalb stimmt die Mischung, mit der Lars Krone und Alexander von Wegner nicht nur Audi-Fans zu beeindrucken vermögen.