Gute Fahrt
· 08.08.2025
Die wenigen Passanten, die sich an die niederländische Nordseeküste wagen, werden mit einem seltenen Anblick belohnt. Ein porzellanweißer Porsche 356 A Coupé gleitet durch die Straßen von Hoorn, einer Kleinstadt nördlich von Amsterdam. Am Steuer sitzt Henk Spin, ein 65-jähriger pensionierter Manager aus der Luftfahrtindustrie. Was die Smartphone-zückenden Spaziergänger nicht wissen: Dieses Fahrzeug ist nicht nur selten, sondern ein echtes Unikat mit einer besonderen Geschichte.
Der Sportwagen mit der Fahrgestellnummer 102324 wurde am 1. Februar 1958 an einen gewissen Reinhard Schmidt ausgeliefert. Doch anders als bei gewöhnlichen Kundenfahrzeugen handelte es sich um einen sogenannten "Schmidt-Wagen" – eines von insgesamt acht Fahrzeugen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren bei Porsche nach den speziellen Wünschen dieses Kunden gebaut wurden. Schmidt arbeitete damals für den Automobilzulieferer ATE und verstand sich als Versuchsingenieur, der aus privatem Interesse an der Erprobung von Fahrzeugen, Motorenteilen und neuen Konstruktionen arbeitete.
Die Geschichte des Fahrzeugs blieb jedoch lange im Verborgenen. Als Henk Spin den Wagen 2008 von einem Restaurator aus Arizona kaufte, wollte er lediglich einen klassischen 356er aus den 1950er-Jahren als Restaurationsobjekt erwerben. Doch schnell merkte er, dass mit diesem Fahrzeug etwas nicht stimmte – zu viele Abweichungen vom Serienmodell fielen ihm auf. Seine detektivische Arbeit führte ihn ins Unternehmensarchiv von Porsche nach Stuttgart, wo er auf einen entscheidenden Hinweis stieß: Eine stenografische Notiz auf den Originalunterlagen des Karosseriebauers Reutter, die seine Schwägerin schließlich als "Reinhard Schmidt, Hannover" entziffern konnte.
Was folgte, war eine zehnjährige Restaurierungsodyssee. Mehr als 3.000 Arbeitsstunden investierte Spin in die Wiederherstellung des Fahrzeugs. Die Karosserie musste nahezu komplett erneuert werden, für jedes Gewerk – vom Chassis über den Motor bis zur Elektronik – benötigte er Spezialisten. Viele Teile kamen von Porsche Classic, doch allein bis alle Karosserieteile zusammen waren, vergingen fast vier Jahre. "Ich musste lernen zu warten", erinnert sich Spin.
Die Liste der Sonderwünsche, die Reinhard Schmidt einst für seinen 356 A Coupé orderte, liest sich wie ein technischer Wunschzettel aus der Zukunft. Das augenscheinlichste Feature: eine Lorenz-Telefonanlage samt 50 Zentimeter langer Antenne. Im Christophorus Magazin, Ausgabe 32 von 1958, wurde dieses Extra bereits erwähnt: "Neulich erst war ein Kunde im Werk und hat es sich einbauen lassen: Telefon im Porsche, Gespräche während der Fahrt mit zuhause, mit Geschäftspartnern (…)". Die Kosten für diese Anlage beliefen sich damals auf knapp 5.000 D-Mark – fast die Hälfte des Neuwagenpreises. "Von der Post bekommt man eine eigene Welle zugeteilt, denn dieses Telefon funktioniert ja drahtlos", hieß es weiter im Artikel.
Doch das war nur der Anfang einer langen Liste an Sonderausstattungen. Das Fahrzeug erhielt ein Autoradio Blaupunkt Köln Nr. S 914.551, Motor- und Kofferraumbeleuchtung sowie ein Alarmlicht, das über einen Kippschalter links vom Tachometer aktiviert werden kann. Der Tachometer stammte aus dem 356 Carrera, der Drehzahlmesser aus dem 356 1600 Super. Links davon wurde eine Junghans-Uhr verbaut, die 1959 auch im Rallyewagen 356 A 1600 GS Carrera GT zum Einsatz kam.
Weitere Besonderheiten: eine Werkzeugbox dem klappbaren Beifahrersitz, ausschließlich Kippschalter statt der damals üblichen Druckschalter, ein mobiles Rallyelicht, Blinkschalter rechts vom Lenkrad, Lautsprecher in der Türverkleidung, Rückfahrscheinwerfer und eine elektrische Pumpe für das Scheibenwischwasser statt des damals typischen Pedals. Auf einem gelben Schild an Heck und Front prangt zudem der Schriftzug "Versuchswagen 145".
Die Farbgebung des Fahrzeugs war ebenfalls außergewöhnlich: lackiert in der Sonderfarbe Porzellanweiß, mit Türtafeln, Armaturenbrett und Lehne in antik gemastertem Kunstleder in Acellarot, einer Sitzkombination in weißem Nappaleder, rot lackierten Fensterleisten, hellbeigen Knöpfen, beige meliertem Teppich sowie Blinkschalter und Lenkrad in Beige. Die Produktion bei Reutter dauerte rund fünf Wochen länger als bei einem Serienfahrzeug – ein deutlicher Hinweis auf den Umfang der Sonderwünsche.
Henk Spins Garage am Stadtrand von Hoorn spiegelt seine Leidenschaft für die Marke Porsche wider. Neben dem 356 A Coupé besitzt er einen Macan (Baujahr 2018), einen Cayman S (Baujahr 2006), einen 911 T (Ur-Elfer, Baujahr 1972) als nächstes Restaurationsprojekt sowie ein 911 Carrera S Cabriolet (991). Selbst seine Werkzeuge hat er im klassischen Porsche-Rot lackiert. An den Wänden hängen gerahmte Fotografien seiner Rallyeeinsätze, historische Rennplakate und rund 100 signierte Autogrammkarten von Rennfahrern – darunter auch eine von Richard von Frankenberg, dem ehemaligen Rennfahrer und Christophorus-Chefredakteur.
Die Restaurierung des 356 A Coupé war für Spin nicht nur ein handwerkliches Projekt, sondern auch eine detektivische Herausforderung. Zwei randvolle Ordner mit historischen Fotos, Artikeln, E-Mail-Verläufen mit Archivmitarbeitern und Kopien von Originaldokumenten zeugen von seiner akribischen Recherche. "Durch die Hilfe der Experten und all die Dokumente konnte ich mich über die Jahre dem Original-Schmidt-Zustand annähern", erklärt Spin. Besonders schwierig gestaltete sich die Suche nach den richtigen Originalteilen: "Man braucht Geduld, um exakt das richtige Telefon oder Radio aufzuspüren. Immerhin ist es fast 70 Jahre her, dass sie produziert wurden."
Der restaurierte 356 ist heute nicht nur ein fahrbares Museumsstück, sondern auch ein technisches Zeitdokument. "Vieles, was wir in dem Wagen sehen, gab es Jahre später bei Porsche in Serie", erklärt Spin. "Gewissermaßen waren die Schmidt-Autos alle Wagen aus der Zukunft." Dass es dieses Fahrzeug so nur ein einziges Mal auf der Welt gibt, erfüllt den Niederländer mit besonderem Stolz – vor allem, wenn man bedenkt, dass er zehn Jahre in die Restauration gesteckt und mit dem nötigen Können, maximaler Passion und dem gewissen Quäntchen Glück ein Stück Historie wieder zum Leben erweckt hat.
Wie der Christophorus bereits 1958 treffend formulierte: "Mag es Leute geben, die das alles als eine ökonomisch nicht mehr vertretbare Spielerei ansehen, so ist doch das Vergnügen an technischer Perfektion nicht die schlechteste Art, persönliches Glück zu empfinden." Ein Satz, der die Leidenschaft von Henk Spin für seinen einzigartigen 356 A Coupé perfekt zusammenfasst.