Gute Fahrt
· 06.02.2026
Porsche Motorsport absolviert seit November 2024 Erprobungsfahrten mit seinem neuen Gen4-Boliden für die elektrische Rennserie. Auf den spanischen Teststrecken Monteblanco und Almería spulte das Entwicklungsfahrzeug bis Mitte Januar 1472 Kilometer ab. Die vierte Generation der Formel-E-Rennwagen verfügt im Attack Mode über 600 kW (816 PS) – eine Steigerung um 71 Prozent gegenüber dem Vorgänger. Das Fahrzeugkonzept zeichnet sich durch permanenten Allradantrieb, neue Reifendimension und deutlich gesteigerten Abtrieb dank modifizierter Aerodynamik aus. Werksfahrer Nico Müller zeigt sich beeindruckt: „Der GEN4 ist ein richtiges Biest – mit unheimlich viel Leistung und Traktion durch den permanenten Allradantrieb." Der Schweizer fügt hinzu: „Wie das Fahrzeug beschleunigt, bremst, wie aggressiv man fahren kann, wenn man noch ein bisschen Rundenzeit rausquetschen will: Alles zusammen erinnert mich an die Supercars im Rallycross."
Das Entwicklungsprogramm für die Gen4 umfasst das bisher komplexeste Hardware-Paket in Porsches Formel-E-Engagement. Zu den bewährten Eigenentwicklungen wie Steuerungssoftware, Inverter, Elektromotor, Getriebe, Differenzial und Antriebswellen gesellen sich zwei zusätzliche Komponenten: ein Gleichspannungswandler sowie ein Brake-by-Wire-System. Die Hardware-Entwicklung läuft bis Oktober 2026, anschließend verlagert sich der Schwerpunkt auf die Software-Abstimmung. Im Herbst erfolgt die Homologation durch die FIA.
Die Vorgaben für die Gen4 verlangten Gewichtsreduzierung, Leistungssteigerung, verlängerte Haltbarkeit und Kostenoptimierung bei gleichzeitiger Effizienzverbesserung. Florian Modlinger, Gesamtprojektleiter Formel E bei Porsche, erläutert: „Beim aktuellen Fahrzeug liegt der Wirkungsgrad unseres Antriebsstrangs bei über 97 Prozent." Zwischen Batterie und Rad gehen weniger als drei Prozent der verfügbaren Energie verloren. Die überarbeitete Aerodynamik generiert merklichen Abtrieb, was sich besonders in schnell durchfahrenen Kurven zeigt. Pascal Wehrlein schildert seine Eindrücke nach den ersten Testfahrten in Almería: „Wegen der neuen Aerodynamik sind wir vor allem in den schnelleren Kurven deutlich schneller. Sie erzeugt spürbar Abtrieb. Weil wir über die Jahre so effizient geworden sind, können wir uns das Mehr an Luftwiderstand endlich leisten."
Der überwiegende Teil der Entwicklungs- und Erprobungsarbeit erfolgt am Simulator. Dies reduziert Ressourcenverbrauch und Kosten – ein entscheidender Aspekt angesichts der streng begrenzten Testbudgets in der Formel E. Die Konzeptphase startete 2024, im gleichen Jahr begann die Simulatorarbeit. In der initialen Testphase liegt der Fokus auf zuverlässigem Betrieb und dem Zusammenspiel sämtlicher Komponenten. Sukzessive rückt die Performance-Optimierung in den Vordergrund. Aufgrund der limitierten Testtage erfolgt die Validierung einiger Erkenntnisse ausschließlich am Simulator.
Die Gen4-Entwicklung erfolgte parallel zum Rennbetrieb mit dem Gen3 sowie der Entwicklung des Gen3 Evo. Modlinger erklärt: „2024 begann die Konzeptphase. Noch im selben Jahr stiegen wir in die Simulatorarbeit ein. Das Projekt begann also während der Saison 10, als wir noch mit der Vorgängerversion des aktuellen GEN3 Evo unterwegs waren, dem GEN3. Damals kämpften wir bis zum Schluss um alle drei Titel, holten mit Pascal die Fahrer-WM – und entwickelten parallel den GEN3 Evo."
Die Vorgehensweise entspricht den Serienprojekten: Man betreibt das aktuelle Fahrzeug, führt das Facelift ein und plant bereits die kommende Generation. Allerdings sind die Zyklen kürzer und die Budgets begrenzter – bei maximalem Erfolgsdruck in einer FIA-Weltmeisterschaft. Thomas Laudenbach, Leiter Porsche Motorsport, betont: „In der Formel E entwickeln wir vor allem diejenigen technischen Umfänge, die für unsere Sportwagen relevant sind. Das ist einer der Gründe, weshalb wir in der Formel E starten." Mit der Gen4 erweitern sich diese Umfänge erheblich.
Die Entwicklungszyklen in der Formel E gleichen jenen für Porsche-Sportwagen – Extrembedingungen. Die technischen Komponenten aus der Rennserie fließen in die Serienentwicklung ein. Gleichspannungswandler und Brake-by-Wire-System besitzen dabei besondere Relevanz für zukünftige Elektrofahrzeuge. Auch das Porsche-Kundenteam erprobt den neuen Boliden vor der Homologation.
Beide Werksfahrer zeigen sich von der Leistungsentfaltung beeindruckt. Wehrlein berichtet: „In Almería konnte ich das neue Auto zum ersten Mal fahren. Es ist richtig schnell, und es macht richtig Spaß! Ich glaube, der GEN4 wird bei vielen Leuten da draußen ein Aha-Erlebnis bewirken. Jetzt geht's drum, unser Paket bestmöglich abzustimmen. Ich bin froh, dass Nico und ich die Testarbeit leisten dürfen. Damit können wir den GEN4 gut auf uns als Stammfahrer zuschneiden." Müller fügt hinzu: „Noch sind die sportlichen Regeln für die neue Ära nicht definiert, aber rein von der Technik her dürfte sich das Racing deutlich verändern."
| Leistung (Attack Mode) | 600 kW (816 PS) |
| Leistungssteigerung | +71 % vs. Gen3 |
| Antrieb | Permanent-Allrad |
| Wirkungsgrad Antriebsstrang | >97 % (Gen3) |
| Testkilometer (bis Mitte Januar) | 1472 km |
| Testorte | Monteblanco, Almería (Spanien) |
| Testbeginn | November 2024 |
| Homologation | Herbst 2026 |