Gute Fahrt
· 21.04.2026
Ein gewaltiger Entwicklungsschritt steht der Formel E bevor. Die vierte Fahrzeuggeneration GEN4 bringt einen Leistungsanstieg von 350 auf 600 kW – das entspricht einem Zuwachs von 71 Prozent. Porsches 975 RSE sprintet in etwa 1,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und schafft Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 335 km/h. Erstmals in der Elektro-Rennserie erzeugt die Aerodynamik nennenswerten Abtrieb für verbesserte Straßenlage. In Kombination mit durchgängigem Vierradantrieb und neuen Bridgestone-Pneus werden deutlich höhere Geschwindigkeiten in Kurven möglich.
„GEN4 demonstriert eindrucksvoll die Evolution elektrischer Fahrzeuge", erklärt Thomas Laudenbach, Verantwortlicher für Porsche Motorsport. „Beim Meisterschaftsstart 2014 benötigte jeder Pilot zwei Fahrzeuge je Rennen. Die Akkukapazität reichte nicht für die komplette Distanz. Diese Zeiten sind längst Geschichte. Seit 2024 arbeiten wir an einem Rennfahrzeug, das uns an Formel-2-Performance heranführt."
Der 975 RSE löst den 99X Electric ab, mit dem Porsche in den letzten drei Spielzeiten vier Weltmeistertitel gewann. Das neue Fahrzeug absolviert sein Renndebüt voraussichtlich im Dezember. Die Bezeichnung verweist auf 75 Jahre Porsche Motorsport in diesem Jahr. Bis November 2025 wurde das Projekt geheim gehalten, seither absolvierte der Rennwagen bis Anfang April 1.860 Testkilometer.
Olivier Champenois, Technischer Projektverantwortlicher Formel E bei Porsche Motorsport, erläutert die neue Aero-Strategie: „Innerhalb von etwa zehn Jahren erreichte die Formel E ein Tempo, das aerodynamischen Abtrieb erforderlich macht. Abtrieb bedeutet jedoch gleichzeitig Luftwiderstand und steigert den Energiebedarf. Um dem Effizienzgedanken treu zu bleiben, nutzen wir zwei Aero-Konfigurationen mit verschiedenen Karosserieteilen: eine Low-Downforce-Variante mit reduziertem Luftwiderstand für Rennen und eine High-Downforce-Variante mit maximaler Anpresskraft fürs Qualifying, wo Energieverbrauch zweitrangig ist. Wir sprechen von bis zu 150 Prozent Abtriebssteigerung gegenüber früher."
Die Low-Downforce-Variante findet im Rennen Verwendung, wo die Energiemenge der 51,25 kWh großen Batterie bis ins Ziel ausreichen muss. Im Qualifying hingegen zählt ausschließlich die schnellste Runde – hier ermöglicht die High-Downforce-Variante höchste Kurventempi. Die Rekuperationsleistung wächst auf bis zu 700 kW. Etwa 40 bis 50 Prozent der Antriebsenergie je Rennen werden durch Bremsenergie-Rückgewinnung erzeugt. An beiden Achsen lassen sich jeweils bis zu 350 kW elektrisch verzögern, bei Bedarf unterstützen Reibbremsen mit 275 Millimeter Scheibendurchmesser.
Der 975 RSE bringt ohne Fahrer 954 Kilogramm auf die Waage – lediglich fünf Kilogramm mehr als der Vorgänger, obwohl Porsche erheblich mehr Komponenten in Eigenregie entwickelt. „Da die Wirkungsgrade nahezu perfekt sind, gewannen im GEN4-Pflichtenheft andere Aspekte an Bedeutung, beispielsweise Potenziale bei Masse, Langlebigkeit und Kosten", so Champenois. Der Wirkungsgrad des Antriebsstrangs erreicht bereits beim aktuellen 99X Electric deutlich über 97 Prozent – weniger als drei Prozent Energie gehen zwischen Batterie und Rad verloren.
Zu Porsches Eigenentwicklungen gehören Gleichspannungswandler, Pulswechselrichter, E-Motor, Getriebe, Elektronik-Komponenten und Kabelbäume, beide Differenziale inklusive Steuereinheiten, Antriebswellen und weitere Antriebskomponenten an der Hinterachse sowie Kühl-, Träger- und Fahrwerkskomponenten an der Hinterachse. Neu entwickelt wurden außerdem das Brake-by-Wire-System und die Steuereinheiten für hydraulische Differenziale. Die Batterie bleibt aus Kostengründen ein zugekauftes Einheitsteil ohne Entwicklungsfreigabe. Auch Chassis, Verkleidung, Räder, Reifen sowie Antriebs-, Kühl- und Fahrwerkskomponenten vorne sind standardisiert.
Pascal Wehrlein, aktueller Fahrerweltmeister, zeigt sich enthusiastisch: „Der neue Porsche 975 RSE ist ein fantastisches Rennfahrzeug. GEN4 ist richtig schnell und bereitet uns Piloten enormen Fahrspaß. Ich denke, sie wird bei zahlreichen Fans und Kritikern für Aha-Momente sorgen. Auch optisch überzeugt mich der 975 RSE. Die Aerodynamik verleiht dem Fahrzeug einen kompromisslosen Charakter."
Nico Müller fügt hinzu: „Der 975 RSE und seine Konkurrenten bedeuten einen gewaltigen Fortschritt für den Sport. Ich bin begeistert davon, wie viel man dem Fahrzeug fahrerisch entlocken kann. Besonders im Qualifying, wenn alle ans Limit gehen, dürfte es spektakulär zugehen – vor allem wegen der enormen Beschleunigung beim Herausbeschleunigen aus Kurven."
Florian Modlinger, Gesamtprojektverantwortlicher Formel E bei Porsche, fasst zusammen: „Das Grundkonzept bleibt unverändert: Das Reglement verlangt von uns, die Effizienz unserer Fahrzeuge in jeder Hinsicht zu maximieren. Die Rennen dürften jedoch noch attraktiver ausfallen, da die neuen Fahrzeuge erheblich schneller unterwegs sind."
Bis Oktober fokussiert sich Porsche Motorsport auf Hardware-Entwicklung, danach steht kontinuierliche Software-Optimierung im Mittelpunkt. Der Automobilweltverband FIA homologiert den Entwicklungsstand im Herbst. Auch Porsches Kundenteam testet das neue Fahrzeug vor Saisonbeginn. Der aktuelle 99X Electric bestreitet sein letztes Rennen im August beim Finale in London, wo Porsche als amtierender Herstellerweltmeister weitere Titel anstrebt.
| Antriebsleistung Normalbetrieb | 450 kW (612 PS) |
| Antriebsleistung Attack Mode | 600 kW (816 PS) |
| Kraftübertragung | Permanenter Allradantrieb |
| Beschleunigung 0-100 km/h | ca. 1,8 s |
| Höchstgeschwindigkeit | bis 335 km/h |
| Rekuperationsleistung | bis 700 kW |
| Elektrische Bremsleistung pro Achse | bis 350 kW |
| Bremsscheibendurchmesser | 275 mm (vorne/hinten) |
| Batteriekapazität (nutzbar) | 51,25 kWh |
| Ladeleistung | bis 600 kW |
| Gewicht ohne Fahrer | 954 kg |
| Länge | bis 5.540 mm |
| Breite | bis 1.800 mm |
| Höhe | bis 1.150 mm |
| Radstand | 3.080 mm |
| Spurweite vorne | 1.482 mm |
| Spurweite hinten | 1.443 mm |