Gute Fahrt
· 07.04.2026
Im britischen Burnaston vollzieht Toyota einen Paradigmenwechsel in der Automobilproduktion. Die dort ansässige Toyota Circular Factory (TCF) durchbricht das über hundert Jahre alte lineare Prinzip der Fahrzeugfertigung. Statt Materialien nach dem Lebensende eines Fahrzeugs zu entsorgen, führt die Anlage sie zurück in den Produktionskreislauf. Das erste praktische Beispiel: Aluminiumräder ausrangierter Fahrzeuge werden zu Motorkomponenten für neue Toyota Corolla Modelle verarbeitet.
Der Prozess beginnt in der TCF Burnaston, wo Techniker Altfahrzeuge systematisch demontieren und die gewonnenen Leichtmetallräder aufbereiten. Das zurückgewonnene Aluminium gelangt anschließend ins Toyota Werk Deeside, wo es in die Fertigung von Hybridsteuereinheiten einfließt. Diese Komponenten kehren nach Burnaston zurück und werden in neue Corolla Fahrzeuge eingebaut. Am 19. März 2026 lief das erste Fahrzeug vom Band, das von diesem zirkulären Prozess profitiert.
Die TCF UK basiert auf den bewährten Prinzipien des Toyota Production System (TPS), wendet diese jedoch in umgekehrter Richtung an. Statt Effizienz in der Montage zu optimieren, steht die effiziente Demontage im Fokus. Leon Van Der Merwe, Vice President Circular Economy and Energy Business bei Toyota Motor Europe, erklärt: „Nun übertragen wir dieses Konzept auf die Kreislaufwirtschaft und entwickeln Systeme, die sicherstellen, dass der größtmögliche Nutzen aus Altfahrzeugen gewonnen wird."
Die Circular Factory unterscheidet sich fundamental von herkömmlichen Demontagebetrieben. Geschulte Techniker mit Erfahrung aus der Fahrzeugmontage zerlegen die Altfahrzeuge nach standardisierten Verfahren. Der Prozess folgt einem klaren Ablauf: Zunächst werden die Airbags sicher ausgelöst, anschließend entfernen die Mitarbeiter alle Flüssigkeiten und Gase gemäß zertifizierten Verfahren. Die eigentliche Demontage erfolgt systematisch, wobei jedes Teil sortiert und klassifiziert wird.
Diese methodische Vorgehensweise ermöglicht weit mehr als nur Materialrückgewinnung. Die TCF erforscht, wie Teile und Materialien optimal in die Produktion zurückgeführt werden können. Dabei analysieren die Experten Materialzusammensetzungen, Demontagemethoden und reale Fahrzeugzustände. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in die Fahrzeugentwicklung ein. Ali Umit Sengezer, Head of Toyota Circular Factory bei TME, betont: „So können wir das Potenzial unserer eingesetzten Materialien, Ressourcen und Teile noch besser ausschöpfen."
Neben Toyota- und Lexus-Modellen verarbeitet die Anlage auch Fahrzeuge anderer Marken. Diese liefern wertvolle Informationen über unterschiedliche Konstruktionsansätze und Materialverwendungen. Das Ziel: Künftige Fahrzeuge sollen von Anfang an so konzipiert werden, dass sie sich am Lebensende leichter reparieren, demontieren und recyceln lassen. Die strukturierte „Reverse Manufacturing"-Methode schafft eine direkte Rückkopplung zwischen Demontage und Produktentwicklung.
Die Wahl des Standorts Burnaston folgt strategischen Überlegungen. Das Vereinigte Königreich verfügt über einen der größten Altfahrzeugmärkte Europas. Als eines der wenigen Rechtslenker-Länder auf dem Kontinent verbleiben die meisten dort verkauften Fahrzeuge bis zum Ende ihres Lebenszyklus im Land. Diese Besonderheit hat eine reife, hochspezialisierte Demontagebranche mit umfangreichem Know-how entstehen lassen.
Die TCF geht über die reine Materialrückgewinnung hinaus. Sie hat auch die Fahrzeugaufarbeitung eingeführt, um Lebenszyklen sicher und standardisiert zu verlängern. Dazu gehören Bewertung, Einstufung und Validierung gemäß Toyota Standards. Dieser Ansatz reduziert die Abhängigkeit von Primärrohstoffen und unterstützt Fahrzeugdesigns, die Demontage, Wiederverwendung und Reparatur erleichtern.
Die Bedeutung solcher Ansätze wächst mit verschärften europäischen Regularien. Neue Vorschriften verlangen höhere Effizienz bei Recycling und Materialrückgewinnung. Toyota sieht darin die Chance, neue industrielle Modelle zu etablieren, die höhere Rückverfolgbarkeit ermöglichen und zukünftige Anforderungen nicht nur erfüllen, sondern frühzeitig antizipieren. Die effiziente Rückgewinnung von Materialien am Lebensende eines Fahrzeugs und deren Rückführung in Produktionsprozesse bilden dabei zentrale Säulen.
Nach dem erfolgreichen Start in Burnaston im Sommer 2025 folgt der nächste Schritt. In Wałbrzych entsteht im Werk von Toyota Motor Manufacturing Poland eine zweite europäische Circular Factory. Damit baut Toyota ein regionales Netzwerk zirkulärer Aktivitäten auf, das Impulse für die gesamte Fertigungsindustrie geben soll.
Die Vorteile der Kreislaufwirtschaft liegen auf der Hand: weniger Abhängigkeit von Primärrohstoffen, längere Fahrzeuglebenszyklen durch sichere Aufarbeitungstechniken und effiziente Materialrückgewinnung. Das Konzept hält Ressourcen so lange wie möglich mit höchstem Wert im Nutzungskreislauf. Die TCF zeigt, wie sich dieser Ansatz in Fahrzeugentwicklung, Fertigung und Nutzung verankern lässt.
Toyota verfolgt damit seine langfristigen Umweltziele und unterstützt die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen. Seit der Unternehmensgründung 1937 arbeitet der Konzern an einer sichereren, nachhaltigeren und inklusiveren Gesellschaft. Die Circular Factory markiert einen weiteren Meilenstein auf diesem Weg – von einem Produktionsmodell, das auf linearem Durchlauf basiert, hin zu einem System maximaler Ressourceneffizienz.
| Standort | Toyota Motor Manufacturing UK, Burnaston |
| Inbetriebnahme | Sommer 2025 |
| Konzept | Erste Toyota Circular Factory in Europa |
| Materialkreislauf | Aluminium von Leichtmetallrädern zu Motorkomponenten |
| Verarbeitete Fahrzeuge | Toyota, Lexus und andere Marken |
| Produktionspartner | Toyota Motor Manufacturing UK Deeside (Motorkomponenten) |
| Zielfahrzeug | Toyota Corolla Hybrid |
| Erstes Serienfahrzeug | 19. März 2026 |
| Erweiterung | Zweite TCF in Wałbrzych, Polen (2026) |
| Methodik | Toyota Production System in umgekehrter Richtung |