Gute Fahrt
· 22.02.2026
Vollgas auf dem Jetski: Christy Swaid steht auf, greift den Lenkholm und schießt mit dröhnendem Motor hinaus auf den Lake Martin bei Birmingham, Alabama. In Slalomlinien durchpflügt sie die Gischt. „Auf dem Jetski erlebe ich absolutes Glück", sagt sie. „Das Wasser, der Benzingeruch, das Motorendröhnen – ich brauche Speed und physische Challenges."
Diese Passion katapultierte die heute 55-Jährige ganz nach oben: Sechs WM-Titel im Jetski-Sport und etliche weitere Ehrungen schmücken den Lebenslauf der früheren Christy Carlson. Doch Swaids Begeisterung gilt nicht nur dem Wassersport. Am Steuer ihres weißen Macan S transportiert sie Jetskis am Anhänger oder chauffiert ihre beiden Söhne. Für Ausfahrten durch die kurvenreichen Hügel rund um Birmingham holt sie jedoch ihr jüngstes Familienmitglied hervor: einen 718 Boxster S in Arktikgrau, Spitzname Grace.
Den Roadster erwarb Swaid in Kalifornien, als sie ihren ältesten Sohn Christian besuchte, der dort an der Pepperdine University Sportmedizin studiert. Mit seinem Cayenne unternehmen die beiden regelmäßig Roadtrips entlang der Pazifikküste. Als das SUV im Frühjahr 2025 zur Wartung steht, fällt Swaids Blick beim Händler auf einen 718 Boxster S. Die Probefahrt überzeugt sie sofort: Der Motor direkt im Rücken, die Kontrolle über das manuelle 6-Gang-Getriebe – sie schlägt spontan zu.
Wenn Swaid nach Speed verlangt, steuert sie mit Grace die nahegelegene Porsche Track Experience im Barber Motorsports Park an, eine offizielle Sportfahrschule der Marke. Auf dem 3,83 Kilometer langen Kurs mit 16 anspruchsvollen Kurven schöpft sie das Potenzial des Boxster komplett aus, sucht die Ideallinie, schwelgt in der Fahrzeugpräzision und der absoluten Kontrolle. Mit Höchsttempo jagt sie über die Zielgerade, bremst kurz ab und gibt wieder Gas für die nächste Runde.
Bereits als Teenager träumte sie von einem Porsche. Beinahe wäre dieser Traum mit 19 Jahren Realität geworden, nachdem sie ihre erste Jetski-WM gewonnen hatte. Ein Sponsor bot ihr statt Bargeld ein gebrauchtes Modell an. Sie war begeistert, doch ihr Vater lehnte ab. „Er entschied sich fürs Geld", erzählt die Championin. „Ich fand das damals furchtbar langweilig, aber der Betrag liegt heute noch auf einem separaten Konto."
Richard Carlson war in den 1970er-Jahren Pionier im Jetski-Verleih. Christy lebte damals mit ihrer Mutter und zwei älteren Brüdern in Chicago. Die Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie fünf war. Jeden Sommer halfen die Kinder im väterlichen Shop in Florida mit und rasten selbst in jeder freien Minute mit den Jetskis übers Wasser. Mit 13 Jahren bestritt sie ihr erstes Rennen, der erste Sieg folgte zwei Jahre später. Im letzten Highschool-Jahr pendelte sie zwischen der Schule in Chicago und dem Wochenendtraining in Kalifornien. Ihr erstes Profirennen fuhr sie am 28. Mai 1989 – und gewann. „Ich verblüffte die Welt und mich selbst", erinnert sie sich.
Als „The Blonde Bombshell" dominierte Christy Carlson die Konkurrenz. Jetski-Rennen wurden populär, der Sportsender ESPN übertrug sie live. Ihre sechs WM-Titel machten sie berühmt, Werbeverträge und Moderationsjobs folgten, ebenso Stuntjobs für die Serie Baywatch und diverse Spielfilme. „Jetski war meine Bestimmung", sagt sie. „Alle anderen Wege waren steinig. Diese Tür stand jedoch weit offen."
Mit 30 Jahren beendete Christy ihre Jetski- und Stuntkarriere. Sie heiratete den Neurochirurgen Dr. Swaid N. Swaid und zog nach Alabama. Noch vor der Geburt ihrer Söhne Christian und Cason gründete Christy Swaid die gemeinnützige Organisation HEAL United. Das Akronym steht für Healthy Eating, Active Living: gesunde Ernährung, aktives Leben. Die Förderung eines gesunden Lebensstils von Kindern bildet den Kern. Die am Wohnzimmertisch entwickelte Idee wuchs zu einer vom US-Bundesstaat Alabama geförderten Organisation, deren Fitnessprogramme und Ernährungspläne etwa 45.000 Schülerinnen und Schüler an über 220 öffentlichen Schulen erreichen.
Dann kam 2020, die Pandemie und eines der härtesten Jahre ihres Lebens: Swaids Mutter, mit der sie täglich telefonierte, starb unerwartet, kurz darauf ihr ehemaliger Coach, dann ihr Vater. Die Söhne standen kurz vor dem College. Für Trauer blieb kein Raum. Swaid fiel in ein Loch. Der Ausweg kam 2024 durch die unverhoffte Begegnung mit einem Meister im Jetski-Backflip. Er motivierte sie, den ambitionierten Stunt selbst zu versuchen. Swaid zögerte nicht. „Ich war damals von Angst umgeben, fühlte mich eingesperrt", sagt sie. „Also musste ich etwas Mutiges tun, um auszubrechen."
Der Backflip erfordert völlig andere Fähigkeiten als das, was sie beherrschte: möglichst schnell über Wellen, Flüsse und Seen zu rasen. Dieser Stunt verlangt die exakte Kontrolle über zwei Hebel, um senkrecht abzuheben und sich dann rückwärts zu überschlagen. Als sie am 13. Juni 2024 am Lake Mitchell südlich von Birmingham eintrifft, haben sich dort bereits zahlreiche Neugierige versammelt.
Die ersten drei Versuche misslingen sofort. Beim vierten bohrt sich ein Teil des Gashebels in ihr linkes Bein. Bei den folgenden Anläufen kommen weitere Verletzungen hinzu. Doch ihr Team motiviert sie weiterzumachen. Dann kommt der zehnte Versuch: Der Jetski hebt über die Heckwelle des Beibootes ab, schießt senkrecht nach oben, dreht sich nach hinten, bis Swaid kopfüber durch die Luft fliegt und wieder in korrekter Position im Wasser landet. Die Zuschauer jubeln. Swaid ist erschöpft, mit Blut und blauen Flecken übersät und glücklich. „Ich bin so froh, dass ich durchgehalten habe. Es hat sich alles gelohnt." Als Krönung erhält sie einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde: Sie ist mit 53 Jahren die älteste Person, die einen Backflip auf einem Jetski geschafft hat.
Der Stunt markiert den Beginn ihrer nächsten Lebensphase. Swaid gründet eine neue Organisation: Checkered Flag Living. Ihr geht es nicht mehr nur um körperliche Fitness, sondern auch um mentale Gesundheit. Es sei leichter, zehn gebrochene Knochen zu heilen als eine gebrochene Seele, meint sie. Der Boxster symbolisiert für sie mehr unbeschwerte Freude im Alltag. Ihr neues Lebensmotto: „Lebe so, als könnte die nächste Runde deine beste sein."