Fiat 600 feiert 70. Geburtstag als Volksmotorisierungs-Ikone

Gute Fahrt

 · 07.05.2026

Fiat 600 Hybrid
Foto: Stellantis
Der 1955 vorgestellte Kleinwagen motorisierte Millionen Familien weltweit. Trotz Erfolg blieb er im Schatten des kleineren Cinquecento – zu Unrecht.

Die vergessene Legende aus Turin

Am 10. März 1955 betrat auf dem Genfer Salon ein Automobil die Weltbühne, das die Mobilität ganzer Kontinente revolutionieren sollte. Der kompakte Turiner Heckmotor-Vierzylinder wurde zum ersten bezahlbaren Familienwagen Italiens und erreichte Produktionszahlen, von denen sein Vorgänger Topolino nur träumen konnte. Mit 3,29 Metern Länge bot die Konstruktion von Chefentwickler Dante Giacosa Platz für vier Personen – eine Sensation zu einem Startpreis von 590.000 Lire, umgerechnet knapp 4.000 Mark. "È piccola, costa poco, consuma poco, ma è comoda per tutta la famiglia" lautete der eingängige Werbeslogan, der die Vorzüge auf den Punkt brachte: klein, günstig, sparsam und familientauglich.

Die italienische Presse feierte das neue Modell euphorisch als "primo amore" – erste Liebe der Nation. Tatsächlich entwickelte sich der rundliche Kleinwagen zum Millionenerfolg und legte technisch die Basis für den zwei Jahre später folgenden, noch kompakteren Cinquecento. Doch während der kleine Bruder zur Stil-Ikone avancierte, geriet der größere Seicento weitgehend in Vergessenheit. Ein ungerechtes Schicksal für ein Automobil, das über vier Jahrzehnte in Produktion blieb und weltweit rund fünf Millionen Käufer fand. Die Turiner würdigen ihr historisches Volksauto nun zum 70. Geburtstag mit Auftritten bei Klassiker-Events wie der Mille Miglia, wo sowohl Originale als auch die modernen, elektrifizierten Nachfahren zu sehen sind.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Bereits beim legendären Tausend-Meilen-Rennen im Mai 1955 bewies der Neuling seine Qualitäten. Während Mercedes mit dem 300 SLR die italienischen Sportwagen-Größen Ferrari und Maserati deklassierte, tröstete der serienmäßig nur 14 kW/19 PS leistende Turiner die Tifosi mit einem souveränen Auftritt. Gegen über 100 gestartete Kleinwagen setzte sich die moderne Konstruktion durch und besiegte etablierte Konkurrenten wie Renault 4CV oder Peugeot 203. Die wegweisende Einzelradaufhängung rundum und die robuste Bauweise, die sich später auch auf südamerikanischen Schotterpisten bewährte, überzeugten Fahrer und Publikum gleichermaßen.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Vom Rennstrecken-Sieger zum Tuning-Klassiker

Der Erfolg beim Mille-Miglia-Marathon blieb Carlo Abarth nicht verborgen. Der legendäre Tuningspezialist erkannte das sportliche Potenzial der kompakten Knutschkugel und machte sie zur Basis zahlreicher Rennwagen. Schon 1956 präsentierte der Skorpion-Spezialist den Abarth 750 GT mit 0,75-Liter-Vierzylinder und 35 kW/47 PS. Der von Zagato karossierte Derivazione 750 wog dank Aluminiumkarosserie nur 535 Kilogramm und erreichte 150 km/h Höchstgeschwindigkeit – beeindruckende Werte für die damalige Zeit.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Turiner Großserienhersteller und dem Veredelungsspezialisten intensivierte sich ab 1958 offiziell. In den folgenden Jahren entstanden immer leistungsstärkere Varianten: Der Abarth 850 TC leistete ab 1961 bis zu 42 kW/57 PS, während der Abarth 1000 mit einem Liter Hubraum 160 km/h erreichte – ein Tempo, das sonst Oberklasse-Limousinen vorbehalten war. Die Rennsportversionen dominierten ihre Klassen: Über 10.000 Rennsiege gingen auf das Konto von Derivaten der kompakten Turiner Konstruktion. 1971 übernahm der Mutterkonzern die Marke mit dem Skorpion-Logo komplett, Carlo Abarth blieb als Berater aktiv.

Bis heute steht der Name für sportliche Versionen aus Turin. Die Tradition lebt im modernen, elektrifizierten Nachfolger weiter: Im September 2024 wurde die Edition Abarth 600e Scorpionissima in der Farbe Hypnotic Purple aufgelegt, limitiert auf 1.949 Exemplare – eine Referenz an das Gründungsjahr der Tuning-Schmiede. Der stärkste historische Ableger war der Abarth 1000 Gr2 von 1970 mit 100 PS bei 8.200 Umdrehungen pro Minute. Diese Kraftzwerge jagten auf Autostrade und Autobahnen Gran Turismo und machten dem kompakten Italiener einen Namen als Rennstrecken-Held.

Weltweite Lizenzproduktion und kreative Varianten

Die internationale Erfolgsgeschichte des Turiner Kleinwagens begann früh. In Deutschland montierte NSU ab Juni 1956 den NSU-Fiat Jagst in Heilbronn, serienmäßig mit großem Faltdach ausgestattet. Diese Option wurde daraufhin auch für das italienische Original verfügbar. In Spanien startete Seat 1957 die Lizenzfertigung und machte den iberischen Ableger zum meistverkauften Automobil der Nation. Die Katalanen entwickelten sogar eigene Karosserievarianten: 1964 entstand ein viertüriger Sedan, und der Furgoneta Comercial diente als Kleintransporter. Von 1970 bis 1973 exportierte Seat seine Version sogar nach Deutschland, allerdings dem Logo des Turiner Mutterkonzerns als 770 S.

In Finnland schob sich der spanische Ableger zwischen 1970 und 1973 auf Platz eins der Zulassungsstatistik – eine bemerkenswerte Leistung in einem von Volvo, Saab und russischen Modellen dominierten Markt. Der 15 Jahre alte Oldie überzeugte durch Zuverlässigkeit und niedrige Betriebskosten. Auch in Südamerika wurde der kompakte Italiener zum Verkaufsschlager: Argentinien, Chile, Uruguay und Kolumbien fertigten eigene Versionen. In Argentinien hieß er liebevoll "Fitito", in Chile ebenfalls, während er im früheren Jugoslawien als "Fico" bekannt war. Spanier tauften ihn "Pelotilla", und selbst im Kontinent der Hubraumriesen – Australien – feierte man ihn als "Micro-Miracle".

Die jugoslawische Produktion begann 1971 in Kragujevac mit dem Zastava 750 M, später folgte der Zastava 850. Diese Fertigung lief bis 1985, danach verlagerte man die Produktionseinrichtungen in die Türkei, wo bis 1995 weitere Einheiten entstanden. In Österreich baute Steyr den Kleinwagen als technisches Kulturgut. Die längste Produktionszeit erreichte die südamerikanische Variante: Bis 1982 rollte der 600 R vom Band, bevor ihn der modernere 147 ablöste. Insgesamt entstanden weltweit rund fünf Millionen Einheiten – ein eindrucksvoller Beleg für die Qualität der Giacosa-Konstruktion.

Vielseitigkeit als Erfolgsrezept

Neben der klassischen Limousine entstanden zahlreiche Sonderkarosserien. Bereits 1956 wagte der Turiner Hersteller mit dem Multipla den Schritt zum Van – 30 Jahre bevor diese Fahrzeugkategorie bei anderen Herstellern in Mode kam. Der bis zu sechssitzige Großraumwagen adaptierte die Vorderachskonstruktion vom größeren Modell 1100 und avancierte besonders als Taxi und Kleintransporter zum Erfolgstyp. Traditionelle Limousinen- und Kombikäufer zeigten sich von der unkonventionellen Form oft irritiert, doch Gewerbetreibende schätzten die Vielseitigkeit.

Italienische Karossiers schufen über 20 unterschiedliche Aufbauten. Zagato, Viotti und Pininfarina entwarfen Coupé-Kreationen, letzterer präsentierte 1956 einen Prototyp mit negativ gewölbter Heckscheibe – eine Linienführung, die der Ford Anglia erst 1959 übernahm. Die Carrozzeria Allemano konstruierte eine offene, zweisitzige Barchetta, während Frua elegante Cabriolets entwarf. Viotti zeigte ein zweitüriges Coupé im amerikanisierten Chromdesign, und sogar eine viertürige Variante ohne B-Säule wurde realisiert. Die High Society entdeckte den Ghia Jolly als schicken Strandwagen, während die Carrozzeria Savio bis Mitte der 1970er über 3.000 Einheiten ihres "Jungla" absetzte, eingeführt 1965 als robustes Freizeitfahrzeug.

Technische Weiterentwicklungen prägten die lange Produktionsgeschichte. Ab März 1957 ersetzten versenkbare Kurbelfenster die bisherigen Schiebefenster, neue Heckleuchten und Radkappen folgten. 1959 stieg die Motorleistung von 19 auf 20 PS, die Blinker wanderten die Scheinwerfer. Im Juli 1960 brachte ein großes Facelift den 600 D mit 0,8-Liter-Motor und 25 PS. Die bis 1964 hinten angeschlagenen "Selbstmördertüren" wichen ab April jenes Jahres vorn angeschlagenen Portalen – ein Zugeständnis an moderne Sicherheitsstandards. 1965 erhielt die Baureihe nach über zwei Millionen ausgelieferten Einheiten eine weitere Modellpflege mit größerem Tank, größeren Frontscheinwerfern und reduziertem Chromschmuck. In Italien endete die Fertigung 1969 nach 2.695.197 Exemplaren, doch weltweit lief die Produktion noch Jahrzehnte weiter.


Technische Daten im Überblick

ModellFiat 600 (1955-1960)
Motor0,6-Liter-Vierzylinder-Benziner
Leistung14 kW/19 PS (später 16 kW/22 PS)
BauweiseHeckmotor, Hinterradantrieb
Länge3,29 Meter
Türen2 (hinten angeschlagen bis 1964)
Sitzplätze4
Tankvolumen31 Liter (ab 1965)
Preis bei Einführung590.000 Lire (ca. 4.000 Mark)
Produktionszeitraum Italien1955-1969
Gesamtproduktion weltweitca. 5 Millionen Einheiten
BesonderheitenEinzelradaufhängung rundum, Schiebefenster (bis 1957)
ModellFiat 600 D (1960-1969)
Motor0,8-Liter-Vierzylinder-Benziner
Leistung17 kW/23 PS bis 21 kW/29 PS
BauweiseHeckmotor, Hinterradantrieb
Länge3,29 Meter
Türen2 (vorn angeschlagen ab 1964)
Tankvolumen31 Liter
BesonderheitenGrößere Frontscheinwerfer, Schleuderfilter statt Ölfilterkartusche
Produktionszahl Italien2.695.197 Einheiten (gesamt)
ModellFiat 600 Multipla (1956-1969)
Motor0,6-Liter (bis 1960), 0,8-Liter (ab 1960)
Leistung16 kW/22 PS bzw. 17 kW/23 PS
Sitzplätzebis zu 6
BauweiseVan/Großraumwagen
BesonderheitenVorderachse vom Fiat 1100, variabler Innenraum
ModellAbarth 1000 (ab 1962)
Motor1,0-Liter-Vierzylinder-Benziner
Leistung44 kW/60 PS
Höchstgeschwindigkeit160 km/h
BasisFiat 600 D
BesonderheitenRennstrecken-Erfolge, Klassensieger
ModellAbarth 1000 Gr2 (ab 1970)
Motor1,0-Liter-Vierzylinder-Benziner
Leistung74 kW/100 PS bei 8.200/min
BasisFiat 600
VerwendungRennsport Gruppe 2

Auf einen Blick

  • Der 1955 vorgestellte Kleinwagen motorisierte fünf Millionen Käufer weltweit und wurde 40 Jahre lang produziert
  • Lizenzfertigung in Deutschland (NSU-Fiat Jagst), Spanien (Seat 600), Jugoslawien (Zastava) und Südamerika machte ihn zum globalen Bestseller
  • Abarth-Versionen erzielten über 10.000 Rennsiege, der stärkste Ableger leistete 100 PS
  • Der Multipla von 1956 nahm das Van-Konzept der 1980er um drei Jahrzehnte vorweg
  • Moderne Nachfolger seit 2023 als elektrischer 600e und Mildhybrid erhältlich, Abarth-Edition limitiert auf 1.949 Exemplare

GUTE FAHRT Empfehlungen zum Fiat 600