Haiko Tobias Prengel
· 07.05.2024
Mit alten Autos ist es wie mit gutem Wein: Es muss erst eine Zeit vergehen, bis sie zu erlesenen Liebhaberstücken werden. In diesem Jahr kommen einige Modelle zum erlauchten Kreis der Oldtimer dazu: Fahrzeuge, die 1994 als Neuwagen erschienen. 30 Jahre später dürfen die ersten Exemplare mit dem H-Kennzeichen als historisches Kulturgut geadelt werden.
Ein Meilenstein ist 1994 der Audi A4, der damals den Audi 80 in den verdienten Ruhestand schickt. Volkswagen präsentiert unter dem Motto „So groß kann klein sein“ die dritte Generation des Polo. Der japanische Hersteller Toyota bringt mit dem RAV4 eine Art Stadtgeländewagen heraus, der den SUV-Trend mitbegründet. Und bei Opel geht eine Ära zu Ende: Der Omega B ist der letzte Wagen der Rüsselsheimer mit klassischem Hinterradantrieb.
Die wohl größte Sensation spielt sich 1994 allerdings in der prestigeträchtigen Oberklasse ab, wo die Karten neu verteilt werden. Bislang hießen die Platzhirsche dort Mercedes S-Klasse und BMW 7er. Nun schickt sich Audi an, die automobile Kö- nigsklasse aufzumischen. Mit dem ersten A8 präsentieren die Ingolstädter ihre erste echte Oberklasse-Limousine, die mit Aluminiumkarosserie und viel Hightech Maßstäbe setzt.
FÜR 6.000 BIS 8.000 EURO FINDET MAN FAHRBEREITE AUDI A8 DER ERSTEN GENERATION AUF GEBRAUCHTWAGENPORTALEN
Ein Auto komplett aus Aluminium ist damals eine Weltneuheit. Der Audi A8 (D2) wird so als erstes Serienfahrzeug der Oberklasse konstruiert. Der Vorteil von Aluminium ist nicht nur eine weitgehende Unempfindlichkeit gegenüber Korrosion. Die Leichtbauweise sorgt auch dafür, dass der Wagen deutlich weniger wiegt. „Selbst mit Allradantrieb und Vollausstattung brachte der A8 nur 1,8 Tonnen auf die Waage“, sagt Gerrit Bruns aus Hamburg, der seit den 1990er-Jahren klassische Audi fährt – zwischenzeitlich auch einen Audi A8 3.7 in Silbermetallic.
Weiteres Markenzeichen von Audis neuem Flaggschiff: kraftvolle Motoren vom V6 bis zum W12-Zwölfzylinder. Zugegeben, der 2,8-Liter-V6 mit 174 PS ist etwas träge und durstig. Doch die V8-Motoren mit 3,7 und 4,2 Litern Hubraum seien durchweg erste Sahne, sagt Liebhaber Bruns. „Damit bist du heute noch souverän und in allen Lebenslagen ausreichend motorisiert unterwegs.“ Und das dank Allradantrieb auch im Winter.
Komfort- und Ausstattungsextras bot Audi für den ersten A8 ebenfalls üppig an – vom Solardach über Business- und Lederpakete bis zur Langversion mit extra viel Beinfreiheit auf den Rücksitzen. Viele Kunden griffen begeistert zu. Nicht wenige Firmenchefs und gut betuchte Selbstständige bestellten den Wagen mit „voller Hütte“, auch wenn der Preis so schnell über 100.000 Mark kletterte. Und dann wurde der A8 der erste Kanzler-Audi: Prominentester Fahrer beziehungsweise Mitfahrer war Bundeskanzler Gerhard Schröder. „Deutschlands bekanntester Audi-Fahrer“ schrieb der „Spiegel“ 2001 über Schröder und dessen gepanzerten A8 4.2. Mit seiner Fahrzeugwahl eckte der Regierungschef damals an: Seine Vorgänger waren noch Mercedes S-Klasse gefahren.
Das Schöne am Oldtimer-Hobby ist, dass selbst Luxuskarossen im Alter erschwinglich werden. Und so finden sich heute auf den Gebrauchtwagenportalen schon für 6.000 bis 8.000 Euro fahrbereite Audi A8 der ersten Generation. Rost ist dank der Alu-Karosserie meist kein Thema. Auch hohe Laufleistungen müssen kein Kaufhindernis sein, die Motoren sind bei guter Pflege langlebig. Eine nachvollziehbare Wartungs- und Reparaturhistorie sei gleichwohl wichtig, rät Fachmann Gerrit Bruns. Dazu gehören penibel eingehaltene Wechselintervalle des Zahnriemens. Zudem werden die Automatikgetriebe ab etwa 200.000 Kilometern Laufleistung anfällig. Der Fahrzeugverkäufer sollte entweder regelmäßige Getriebeölwechsel oder den zwischenzeitlichen Austausch der Automatik nachweisen können.
Der große Vorteil von 90er-Jahre-Dickschiffen wie dem Audi A8 D2: Diese Klassiker sehen nicht nur schick aus, sind gut ausgestattet und bis heute alltagstauglich. Sie sind auch relativ reparaturfreundlich, weil die Bordelektronik bei Weitem nicht so komplex ist wie bei modernen Autos.
Kurzum: Interessenten sollten zugreifen, günstiger werden die Preise nicht: „Als Klassiker gerät der erste Audi A8 jetzt erst ins Visier von Liebhabern“, sagt Kenner Gerrit Bruns. „Die Preise werden bald spürbar anziehen.“ Und Bruns’ silberner A8 3.7? Der ist weiter munter auf den Straßen unterwegs, inzwischen fährt ein Freund den Edel-Audi. 480.000 Kilometer habe der Wagen mittlerweile auf dem Tacho – und laufe immer noch wie am ersten Tag, sagt Gerrit Bruns. Sein Kumpel werde den Audi wohl nicht mehr abgeben: „Der ist immer noch total verknallt in dieses Auto.“