INTERVIEWDer Mann, der Škoda ein neues Gesicht gibt

Martin Wittler

 · 17.06.2025

INTERVIEW: Der Mann, der Škoda ein neues Gesicht gibt
Auffällig anders sehen Škodas Elektromodelle Elroq und Enyaq aus. Das liegt an Oliver Stefani und der neuen Design-Sprache „Modern Solid“. Im Gespräch mit GUTE FAHRT erklärt der Chefdesigner den aktuellen Look, verrät, wie „Simply Clever“-Ideen entstehen, und gibt zu, dass ihn auch „Star Wars“ inspiriert

Herr Stefani, Škoda hat mit den Elektro-SUVs Elroq und Enyaq eine neue Design-Sprache eingeführt: „Modern Solid“. Der Elroq wurde dafür sogar mit dem renommierten „Red Dot Award“ ausgezeichnet. Was sind die entscheidenden Merkmale?

Oliver Stefani: Die auffälligsten Änderungen gibt es im Gesicht. Wir haben uns vom typischen Škoda Design verabschiedet: Chromrahmen, vertikale Rippen, Markenlogo – alles weg.

Ein mutiger Schritt.

Oliver Stefani: Bei batteriebetriebenen Autos wird kaum Luft zum Kühlen des Motors gebraucht. Das verändert vieles. Den Raum, der uns nun neu zur Verfügung steht, wollen wir nutzen. So ist das neue Tech-Deck-Face entstanden, die Polycarbonat-Blende an der Frontpartie. Dahinter gibt es Platz für Sensoren, Kameras, Radar.

Also ist das gar keine schleichende Entwöhnung von der Kühlergrill-Ästhetik aus alten Verbrenner-Tagen?

Oliver Stefani: Nein, wir wollen den Platz nur anders nutzen. So bleiben wir technologisch aufwärtskompatibel.

Auffällig ist das neue Lichtdesign: Die Tagfahrlicht-Scheinwerfer mit dem eckigen Kästchen-Look weichen stark von der bisherigen Lichtgestaltung ab. Warum?

Oliver Stefani: Das Vier-Augen-Gesicht hatten wir bei den SUV-Modellen Kamiq, Karoq und Kodiaq schon eingeführt. Diesen Ansatz haben wir nun weiterentwickelt und dennoch die Bezüge zu den anderen Modellen unserer Marke beibehalten. Wir wollen keine Extreme produzieren. Vielmehr möchten wir, dass uns die Kunden auch beim Design auf unserer Reise folgen können und es auch wollen.

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Warum verzichten Sie bei den neuen E-Modellen auf das klassische Logo, den geflügelten Pfeil? Stattdessen ist der Škoda Schriftzug zu sehen.

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Oliver Stefani: Die Bekanntheit der Marke Škoda ist wesentlich größer als die Bekanntheit des Logos. Unser Logo ist in der langen Geschichte von Škoda immer wieder neu gestaltet worden. Und es war in seiner bisherigen Form gerade für die Darstellung in digitalen Medien nicht optimal geeignet. Daher haben wir uns für die Škoda Wortmarke entschieden.

Sie sind seit 2017 Chefdesigner bei Škoda. „Modern Solid“ ist Ihr erstes großes Design-Ausrufezeichen dort. Wann haben Sie ein weißes Blatt hervorgeholt und begonnen?

Oliver Stefani: Es fängt sogar noch vor dem weißen Blatt Papier an. Und zwar mit der Strategie. Wir wollten nicht den Fehler machen, den man immer wieder sehen kann: Es wird ein Auto gebaut, und davon wird dann irgendwie versucht, etwas abzuleiten. Das geht meist schief. Wichtig ist, von Anfang an eine Strategie zu haben.

Blick fürs Besondere: Oliver Stefani ist seit 2027 der Chefdesigner von ŠkodaFoto: ŠkodaBlick fürs Besondere: Oliver Stefani ist seit 2027 der Chefdesigner von Škoda

Und wie war es beim „Modern Solid“- Design?

Oliver Stefani: Da stand die Strategie, lange bevor der Elroq als erstes „Modern Solid“-Fahrzeug auch nur angeteasert wurde. Wir bei Škoda wollten uns damit innerhalb der Brand-Group Core des Volkswagen-Konzerns klar positionieren. „Modern Solid“ sollte nicht nur ein Design-Shift sein, sondern auch zeigen, wie die Marke sich für die Zukunft aufstellen will – mit einer neuen Zielgruppendefinition, neuer Corporate Identity, neuem Corporate Design und Produktportfolio. Dann erst kamen das weiße Blatt Papier und die erste Skizze.

Wie weit in die Zukunft planen Sie als Designer?

Oliver Stefani: Man darf nie zu spät damit anfangen. Aber Skizzen zu früh in eine Schublade einsortieren, das geht auch nicht. Um Ihnen mal einen Rahmen zu geben: Wir arbeiten aktuell schon an Projekten für die Jahre 2030 bis 2032.

Wie bringen Sie sich in diesen Flow? Wie denken Designer futuristisch?

Oliver Stefani: Also, wir gucken nicht nur Science-Fiction-Filme (lacht). Denkanstöße kann man überall finden. In Büchern, in der Architektur, aber klar: auch in „Star Wars“. Designer haben relativ feine Antennen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, was in ferner Zukunft wichtig werden könnte.

Vor Ihrer Zeit bei Škoda waren Sie bei Volkswagen und zeichneten unter anderem verantwortlich für das Konzeptfahrzeug ID.BUZZ, den E-Bulli im Retro-Look. Spielte Retro in der Entwicklung von „Modern Solid“ auch eine Rolle?

Oliver Stefani: Sie können in jedes Spielzeuggeschäft der Welt gehen und werden dort zwei Modelle finden, den Käfer und den Bulli. Die Bedeutung von Ikonen kann man als Designer nutzen. Škoda hat mit dem 130 RS ebenfalls eine echte Ikone aus dem Rallye-Sport. Ein solches Modell trägt zum Markenwert bei. Ich persönlich bin aber kein Freund von Retro-Design.

“Vor der ersten Skizze kommt erst mal die Strategie”, sagt Oliver StefaniFoto: Škoda“Vor der ersten Skizze kommt erst mal die Strategie”, sagt Oliver Stefani

Warum nicht?

Oliver Stefani: Ich gucke ungern nur in den Rückspiegel. Märkte und Kunden verändern sich. Autos aus der Vergangenheit sind dabei nicht so wichtig. Wir wollten deshalb mit unseren beiden neuen Modellen nach vorn schauen.

Bei E-Autos spielt die Reichweite eine entscheidende Rolle. Windschlüpfigkeit und cW-Wert sind für Sie als Designer daher ständige Begleiter. Trotzdem sind die ersten beiden „Modern Solid“- Autos SUVs. Wäre es nicht einfacher, eine flachere Bauform zu wählen?

Oliver Stefani: Natürlich ist ein Coupé, wie wir es für den Enyaq anbieten, für den cW-Wert besser. Genau wie die Form einer Limousine. Aber: Wir haben eben auch jene Fahrzeuge zu gestalten, die die Kunden verlangen. Aspekte wie die Zuladung oder das Kofferraumvolumen spielen für die Kunden eine entscheidende Rolle. Nicht ohne Grund sind SUVs nach wie vor gefragt.

Škoda hat nun bereits das fünfte SUV im Angebot. Ist es nicht an der Zeit, neue Karosserievarianten zu entwickeln?

Oliver Stefani: Ich glaube, dass wir in der Zukunft durchaus eine Veränderung der Kaufinteressen erwarten können, weg vom SUV. Vielleicht werden wir bald auf Segmente zurückkommen, von denen manch einer dachte, dass man sie nie wieder sieht.

Können Sie uns da schon mehr verraten?

Oliver Stefani: So viel sei gesagt: Denken Sie mal an ein Segment, das viel Funktionalität und Platz bietet.

Da sind wir mal gespannt. Zurück zu „Modern Solid“: Das Interieur bietet weniger Überraschungen als das Exterieur. Zentrales Bedienelement ist ein Touchscreen, über den sich zahlreiche Funktionen steuern lassen.

Oliver Stefani: Mit dem Aufkommen der Tablet-Computer haben sich die Nutzergewohnheiten im Alltag verändert. Ich benutze privat ebenfalls fast nur mein Tablet. Man muss aber auch bedenken: Zu Hause auf dem Sofa sitzen ist etwas anderes als Auto fahren.

Weil ...?

Oliver Stefani: Im Auto benötigen wir haptische Elemente. Nur Touch-Bedienung wird nicht funktionieren. Es gibt so viele Szenarien, in denen diese Technik nicht praktikabel ist: etwa mit zittrigem Finger beim Fahren etwas zu suchen und anzutippen. Deshalb haben wir zwei Dinge getan: erstens im Cockpit Flächen geschaffen, auf denen sich die Hand beim Tippen abstützen kann, und zweitens im Superb und im Kodiaq die Smart Dials eingeführt – drei Drehregler, mit denen sich ausgewählte Funktionen haptisch regeln lassen.

Warum sind die im Elroq und im Enyaq nicht zu finden?

Oliver Stefani: Wir konnten das in den Fahrzeugen nicht realisieren, da die Modelle auf unterschiedlichen Plattformen aufbauen. Aber in der Zukunft werden haptische Bedienelemente eine wachsende Bedeutung erhalten.

Für die neue Design-Sprache “Modern Solid” hat Stefani die Lichtsignatur stark überarbeitet. Das Ergebnis: Tagfahrlichter im Kästchen-LookFoto: ŠkodaFür die neue Design-Sprache “Modern Solid” hat Stefani die Lichtsignatur stark überarbeitet. Das Ergebnis: Tagfahrlichter im Kästchen-Look

Funktioniert Design für E-Autos denn anders als für Verbrennerfahrzeuge?

Oliver Stefani: Auf jeden Fall. Unsere Idee war es, bei den E-Modellen fahrende Wohnzimmer zu schaffen. Man verbringt mehr Zeit im Auto, etwa weil die Ladezeiten zum automobilen Alltag hinzukommen. Das Erlebnis im Auto, die verbauten Materialien – all das muss so gestaltet sein, dass man sich an diesem Ort wohlfühlt.

Škoda setzt auf Nachhaltigkeit. Ein Beispiel ist das Material Technofil, das aus Recyclingfasern, Nylonabfällen und wiederverwerteten Teppichen besteht. Was bedeutet das fürs Design?

Oliver Stefani: Harte Plastikoberflächen findet beim Interieur niemand sexy. Daher müssen wir smarte Materialien finden, die wir ohne großen Aufwand und hohe Kosten vielfältig verwenden können, ohne dass dabei die Qualitätsanmutung leidet. So wollen wir wegkommen von dem, was früher für Wertigkeit stand: Volllederausstattung, Chrom, Echtholz.

„Wir wollen die E-Modelle zu fahrenden Wohnzimmern machen“

Über die offensichtlichen Änderungen haben wir gesprochen. Doch für Škoda sind auch eher unscheinbare Details extrem wichtig. Etwa Parkzettelhalter, Regenschirmfach, Eiskratzer im Tankdeckel. Wie entstehen diese Ideen?

Oliver Stefani: „Simply Clever“-Ideen einzureichen, ist eine Art Hobby der ŠkodaMitarbeitenden. Sehr viele von ihnen sind total pragmatisch veranlagt. Ideen darf und soll jede und jeder einreichen. Die besprechen wir dann im Rahmen von speziellen Workshops. Manche Ideen sind wirklich kurios., andere sind auch extrem praktisch. Beim Elroq haben wir zum Beispiel ein Netz unter der Hutablage. So ist das Ladekabel jederzeit griffbereit, auch wenn der Kofferraum vollgepackt ist.

An welchen „Simply Clever“-Lösungen arbeiten Sie aktuell?

Oliver Stefani: Wir sind derzeit noch sehr auf die mechanische Ebene beschränkt. Ich möchte erreichen, dass „Simply Clever“ auch auf die Elektrik, Elektronik und Digitalisierung ausgedehnt wird. Denn für Kunden sind diese Themen heute genauso allgegenwärtig wie Regenschauer oder Parken.

ZUR PERSON

Der Volkswagen-Konzern ist Teil der DNA von Oliver Stefani (61). Nach dem Abschluss seines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig 1991 stieg er bei Volkswagen in Wolfsburg als Designer ein. 1999 wechselte er nach Spanien, um dort den Bereich Exterieur Design im Volkswagen Design Center Europe zu verantworten. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland übernahm er 2015 die Leitung des Exterieur Designs bei VW. In diese Zeit fiel unter anderem die Gestaltung des Konzeptfahrzeugs ID.BUZZ. 2017 wechselte er schließlich nach Mladá Boleslav als Škoda Chefdesigner. Stefani ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.