Christian Ebert
· 07.11.2025
In unserer letzten Ausgabe fuhren wir auf der längsten Ferienstraße Deutschlands, der Alleenstraße. Diesmal jagen wir anderen Rekorden nach: Mit ihrer fast 100-jährigen Geschichte ist die Deutsche Alpenstraße die älteste Ferienroute. Gebaut wurde sie mit dem Ziel, eine durchgängige Verbindung zwischen den West-Ost-Tälern der deutschen Alpen zu schaffen – von Bodensee bis Königssee, von Lindau bis Schönau. Dazwischen: die schönsten Kurven und Steigungen der Republik, Allgäuer Schnitzhandwerk, Märchenschlösser und ein glitzernder Bergsee nach dem anderen.
Auf der ersten Etappe geht’s vom Bodensee aus in die westlichen Allgäuer Berge bis nach Füssen und zu den Märchenschlössern König Ludwigs II.
Wenn es eines gibt, was die deutschen Alpen neben Bergen im Überfluss besitzen, dann sind es Seen. Und so beginnt auch die Deutsche Alpenstraße an einem See – oder besser gesagt: in einem See. Denn offizieller Start ist tatsächlich die Lindauer Insel am östlichen Zipfel des Bodensees. Bereits kurz darauf sind die Alpen nicht nur zu sehen, sondern auch richtig zu spüren: Gleich 400 Höhenmeter führt uns der Rohrach-Anstieg hinauf auf den Pfänderrücken und zur Kleinstadt Lindenberg. Von dort lohnt sich der nur zwei Kilometer kurze Abstecher zum Waldsee, dem am höchsten gelegenen Moorbadesee in Deutschland – ein erster malerischer Zwischenstopp auf dieser Tour.
Die nächsten Kilometer gehören zu den beliebtesten Streckenabschnitten der bayerischen Alpenstraße – vorbei an der Nagelfluhkette über den Höhenrücken zwischen Weiler und Simmerberg weiter hinauf zum Großen Alpsee nach Immenstadt. Auf dem Weg erleben wir, warum der Abschnitt auch den Namen „Paradies“ trägt: Bis in das Schweizer Säntis-Massiv geht bisweilen der Blick. Dazwischen gleiten wir über die Sonnenterrasse des Westallgäus über Hügel und Täler dahin, vorbei an immer neuen Gehöften und Wiesen, bis wir die kurven-reichste Strecke Deutschlands erreichen: die Oberjocher Passstraße bei Bad Hindelang. 106 Kurven müssen bewältigt werden, um die 300 Höhenmeter zu erklimmen. Doch die 1895 angelegte Straße fügt sich so harmonisch in die Landschaft ein, dass sie wie zum Bergpanorama dazuzugehören scheint. Danach geht es vergleichsweise sanft über Almwiesen bis nach Wertach und Nesselwang. Wer die Ruhe genießen möchte, macht einen kurzen Stopp am Grüntensee.
Kurz hinter Nesselwang erhalten wir einen Panoramablick über den letzten Streckenabschnitt des heutigen Tages. Denn an der Burgruine am Falkenstein in der Nähe von Pfronten steht Deutschlands höchstgelegener Aussichtsturm und gewährt eine fantastische Aussicht über das Allgäuer Voralpenland. Anschließend geht es vorbei an Weißensee, Hopfensee und Forggensee hinunter ins wunderschöne Füssen mit seinem gotischen Hohen Schloss am Hügel über der romantischen Altstadt. Nahe der Stadt wird es dann noch grandioser – mit den weltweit berühmten Bauten Ludwigs II., den im nahen Schwangau stehenden Märchenschlössern Neuschwanstein und Hohenschwangau. Hier lässt sich der erste Tag passend beenden – und zwar mit einer Übernachtung im Hotel König Ludwig und einem unverbauten Blick auf die Allgäuer Berge.
Tag zwei führt über die von altem Handwerk geprägten Ammergauer Alpen zum höchsten Gipfel der deutschen Alpen, vorbei an Walchen- und Kochelsee, uralten Abteien und an die Grenzen Tirols, ehe wir uns einen wohlverdienten Abend mit bayerischer Wirtshauskultur im Fünfseenland gönnen.
Wir verlassen das Allgäu in Richtung Oberbayern und bahnen uns unseren Weg durch den Pfaffenwinkel. Mehrere barocke Klöster und Kirchen gaben der Gegend ihren Namen und sind noch heute zum Beispiel im Welfenmünster bei Steingaden oder in der Wieskirche zu bestaunen. Dann erreichen wir den Naturpark Ammergauer Alpen. In Unter- und Oberammergau lassen sich zahlreiche alte Handwerke von Wetzsteinmacherei bis Weihnachtsbaumschmuckschnitzerei nacherleben. König Ludwig grüßt noch einmal alle, die einen Abstecher nach Schloss Linderhof inmitten des Ammergebirges machen wollen: Es ist das kleinste, doch meistbewohnte der drei Schlösser des Wittelsbachers.
Mit acht Prozent Gefälle überqueren wir den Ettaler Sattel und gelangen ins Wintersportparadies Garmisch-Partenkirchen. Auch wenn man der Zugspitze, dem höchsten Gipfel Deutschlands, nie wieder näher kommt als jetzt, lassen wir sie rechts liegen, genauso wie das für seine 300-jährige Geigenbaugeschichte berühmte Mittenwald. Stattdessen wendet sich der Weg wieder nach Norden, das Karwendelgebirge zur Linken und das Wettersteinmassiv zur Rechten. Die eisigen Spitzen weichen gemächlich geschwungenen Bergrücken, der Wintersport dem Wassersport – wir sind am Walchensee angelangt. Kurz darauf wird die Straße wieder aufregend. In 14 Kehren über neun Kilometer windet sie sich zum Kochelsee und seiner verwunschenen Moorlandschaft. Dann erscheinen die Zwiebeltürme von Benediktbeuern, dem ältesten Kloster Bayerns, über den Nadelbäumen – stärker kann man sich den Kontrast zwischen urzeitlicher Natur und religiöser Strenge nicht vorstellen.
Es liegen noch einige Kilometer vor uns, deshalb biegen wir bei Bad Tölz ohne einen Zwischenstopp wieder Richtung Süden ab und folgen dem sprudelnden Lauf der Isar. Hier noch ein ganz wilder Bergfluss, führt sie uns hinauf zum beeindruckenden Sylvensteinspeicher. Der gewaltige Stausee mit dem imposanten Karwendelgebirge im Hintergrund stellt einen stabilen Wasserfluss der Isar auch in Trockenzeiten sicher. Wir erreichen nun die Grenze zu Österreich und überqueren sie für ein paar Kilometer sogar, bevor es wieder nach Norden geht – durch das einsame Grenzgebiet zwischen Bayern und Tirol. Schließlich gelangen wir in die Genussregion von Rottach-Egern mit seinen zahlreichen Restaurants, Cafés und leckeren regionalen Spezialitäten. Im Hotel Westernhof mit seinem atemberaubenden Blick über den Tegernsee steigen wir ab – und beenden Tag zwei der Tour gebührend mit einer Kostprobe dieser echt bayerischen Wirtshauskultur.
Der dritte und letzte Tag unserer Autotour ist noch einmal geprägt von idyllischen Seen, kunstvoll bemalten bayerischen Häuserfassaden und herrlichen Ausblicken auf die oberbayerische Voralpenlandschaft, ehe wir uns dem Ziel unserer Reise nähern: dem Königssee bei Berchtesgaden, im südöstlichsten Zipfel Deutschlands.
Im ersten Morgenlicht verlassen wir den Tegernsee und gleiten kurz darauf am noch im Bergschatten liegenden Schliersee vorbei. An der Stelle lohnt sich auch ein Abstecher zum Spitzingsee, einem der größten Bergseen Bayerns. Vorbei an Bayrischzell schraubt sich die Straße 323 Höhenmeter hoch auf die Passhöhe des Sudelfeldpasses, weiter über die nach einem Fabeltier benannte Tatzelwurmstraße und anschließend wieder 700 Höhenmeter hinab in den Luftkurort Oberaudorf.
Weiter bergab führt die Deutsche Alpenstraße durch das Voralpenland und charmante Ortschaften wie Flintsbach am Inn, Brannenburg oder Nußdorf am Inn bis nach Neubeuern. Über dem Dorf thront ein imposantes Schloss aus dem 12. Jahrhundert, das heute ein Internat ist. Auf dem Marktplatz tummeln sich prächtige Häuser mit geschmückten Balkonen, Erkern und Lüftlmalereien. Wir befinden uns jetzt mitten in der herrlichen Voralpenlandschaft des Chiemgaus und schon bald kann man auch vom nahen Bernau aus ein Blick auf das namensgebende Gewässer erhaschen: den Chiemsee, größter See Bayerns und Rad- und Wassersportmekka für die Region. Seine berühmten Sehenswürdigkeiten, Schloss Herrenchiemsee und die Fraueninsel, lassen wir zugunsten der Chiemgauer Alpen hinter uns und schwenken wieder nach Süden, mit Blick auf die Kampenwand.
In Marquartstein treffen wir auf die Tiroler Achen, die hier bereits breit und ruhig fließt, und trennen uns bei Unterwössen wieder von ihr. Nun ist es nicht mehr weit bis zum Ski- und Wintersportparadies Reit im Winkl, Heimatort der Olympialegende Rosi Mittermaier und der perfekte Platz für einen Nachmittagskaffee mit Alpenpanorama.
Es ist die letzte Etappe vor dem Ziel – und was hat sie noch einmal zu bieten! Das Berchtesgadener Land öffnet seinen Vorhang, glänzt mit Weitsee, Mittersee und Lödensee, lockt mit der wildromantischen Weißbachschlucht hinter Inzell und führt noch einmal auf die 868 Meter hoch gelegene Schwarzbachwacht. Kurz darauf: Reiteralpe, Hoch-kalter und Watzmann, drei Schwergewichte der Berchtesgadener Alpen. Und weiter nach Ramsau, wo ein Fotostopp an der über 500 Jahre alten Pfarrkirche Sankt Sebastian natürlich Pflicht ist. Die Natur wird noch einmal gewaltig, die tosende Wimbachklamm ist wie ein magisches Tor nach Berchtesgaden, den Zielort unserer Reise. Vorbei am königlichen Schloss und dem historischen Ortskern beenden wir die Tour auf der Deutschen Alpenstraße so, wie sie begonnen hat: am Wasser.
Das tatsächliche Finale ist nämlich kurz hinter Berchtesgaden der lange, schillernde Königssee. Krönender Abschluss: per Boot entlang der steilen Felswände mit ihrem weltberühmten Königssee-Echo zur weithin bekannten Wallfahrtskirche St. Bartholomä. Hier, in der südöstlichsten Ecke Deutschlands, inmitten majestätischer Wildnis, haben wir es geschafft: fast 500 Kilometer auf der Deutschen Alpenstraße, Deutschlands ältester und wohl beeindruckendster Ferienstraße.