Audi Markenschutz S. Jewtymowycz - Jäger der Fälschungen

Peter Kluever

 · 05.03.2023

Audi Markenschutz S. Jewtymowycz - Jäger der FälschungenFoto: Audi
Audi Markenschützer Serhyi Jewtymowycz

Audi Markenschützer Serhyi Jewtymowycz spürt weltweit gefälschte Ersatzteile auf. Im GUTE-FAHRT- Interview erlaubt er einen Blick hinter die Kulissen

Teilnahme an der Einsatzbesprechung für eine Razzia der City of London Police
Foto: Audi

Geld machen mit gefälschten Ersatzteilen – das ist die Masche nicht weniger kleiner und großer „Fische“, die sich der Audi Markenschutz „angelt“. Wir geben hier tiefe Einblicke in eine Schattenwirtschaft, von der Gefahr ausgeht.

GUTE FAHRT: Fangen wir ganz von vorn an: Wie spüren Sie gefälschte Ersatzteile auf?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Wir führen eine gezielte Beobachtung von Online-Verkaufsplattformen durch, machen Testkäufe auf einschlägigen Teilemärkten und versuchen, verdächtige Produkte bis zum Hersteller zurückzuverfolgen. Zudem gehen wir Hinweisen nach, die von verschiedenen Quellen, u. a. auch Behörden, an uns herangetragen werden.

GUTE FAHRT: Wenn Sie fündig geworden sind: Was folgt dann?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Nach der Aufdeckung einer Fälschung beginnt eine rechtssichere Aufbereitung der Sachverhalte, um juristische Maßnahmen gegen die Fälscher so einleiten zu können, dass diese am Ende auch erfolgreich sind. Ganz wichtig ist es dabei, leicht nachvollziehbare Beweise für die Rechtsverletzung bzw. Fälschung in das jeweilige Verfahren einzubringen. Regelmäßig erstellen wir dafür zusammen mit anderen Fachabteilungen, insbesondere aus der Technischen Entwicklung und dem Vertrieb, eine Gegenüberstellung des gefälschten Bauteils mit dem Originalbauteil, aus der die Unterschiede deutlich hervorgehen.

Die konkrete juristische Maßnahme ist vom Einzelfall, insbesondere von den Tätern, dem Umfang der rechtswidrigen Verwendung unserer Marken sowie vom jeweiligen Land, in dem wir vorgehen, abhängig. Ersttäter, die mit nur kleineren Umfängen an Fälschungen aufgefallen sind, mahnen wir in der Regel kostenpflichtig ab. Wenn es die Umstände des Falles erfordern, legen wir auch Klage an den Zivilgerichten ein, unter anderem mit der Forderung auf Schadensersatz. In besonders gravierenden Fällen müssen die Fälscher damit rechnen, dass wir Strafanträge gegen sie stellen, schon um darüber einen Abschreckungseffekt zu erzeugen.

GUTE FAHRT: Wie viele Mitarbeiter gibt es dafür?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Im Brand Protection Team bei Audi sind sechs Mitarbeiter tätig, die diverse Dienstleister koordinieren, vor allem für die Maßnahmen in China und das Online-Monitoring. Außerdem arbeiten sie mit Anwaltskanzleien zusammen und bereiten die Sachverhalte intern für die Weiterverfolgung auf.

GUTE FAHRT: In welchen bzw. wie vielen Ländern sind Sie aktiv?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Aktuell in 37 Ländern. Schwerpunkt: China, EU, Großbritannien, Türkei, USA.

Dabei gibt es Länder, die überwiegend mit der Produktion von gefälschten Teilen zu tun haben – wie China, Osteuropa oder die Türkei. Und Länder, die eher durch den Handel entsprechender Ware auffallen – wie die EU, Großbritannien und die USA.

GUTE FAHRT: Was passiert mit den beschlagnahmten Ersatzteilen?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: In der Regel werden diese von den Behörden nach der Beschlagnahmung direkt oder auf unseren Antrag hin vernichtet, damit sie nicht mehr in den Verkehr gelangen.

GUTE FAHRT: Welche Werte werden da pro Jahr vernichtet?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Allein im Jahr 2020 haben wir mit unseren Maßnahmen gemeinsam mit den Behörden dafür gesorgt, dass weltweit gefälschte Audi-Produkte im Wert von etwa 100 Millionen Euro aus dem Verkehr gezogen wurden. Dieser Wert bezieht sich sowohl auf die Waren, die bei Razzien sichergestellt wurden, als auch auf Bauteile, die durch den Zoll beschlagnahmt wurden.

GUTE FAHRT: Was wollen Sie mit den Razzien erreichen?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Das wichtigste Ziel ist das Auffinden der Hersteller, um die Quelle der Fälschungen auszutrocknen. Außerdem sind für uns Erkenntnisse über die Lieferketten sowie Logistik- und Vertriebswege (Großhandel – Einzelhandel – Verbraucher) sehr wertvoll und nachhaltig, um darauf weitere effektive Maßnahmen aufzusetzen.

GUTE FAHRT: Welche Strafen erwarten die Täter?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Wir versuchen, alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszuschöpfen, um Fälscher zu identifizieren und entsprechend juristisch zu verfolgen. In Deutschland drohen Fälschern neben zivilrechtlichen Ansprüchen des jeweiligen Marken-/ Design-Inhabers auch strafrechtliche Konsequenzen. Denn die vorsätzliche Markenverletzung stellt einen Straftatbestand dar. In vielen anderen Ländern ist das ähnlich. Insbesondere innerhalb der EU bestehen für die Markeninhaber einigermaßen günstige Rahmenbedingungen, um gegen Fälschende straf- und zivilrechtlich vorzugehen.

Unter solchen Bedingungen kann keine akzeptable Teile-Qualität entstehen
Foto: Audi

GUTE FAHRT: Wie ist die Qualität? Gibt es auch gefälschte Teile, die ganz ordentlich sind?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die gefälschten Teile in der Regel nicht den hohen Sicherheits- und Qualitätsanforderungen entsprechen, die wir für unsere Produkte vorgeben. Entsprechend kommt es in vielen Fällen gleich zu Beginn der Verwendung oder kurze Zeit später zu Problemen mit der Fälschung, insbesondere weil sie nicht (mehr) richtig funktioniert. Das kann sich im schlimmsten Fall auch auf die Sicherheit des Fahrzeugs, z. B. beim verzögerten Bremsverhalten durch gefälschte Bremsscheiben, auswirken.

Wer besonders billig kauft, trägt eine Mitverantwortung für unmenschliche ProduktionsumständeFoto: Audi
Wer besonders billig kauft, trägt eine Mitverantwortung für unmenschliche Produktionsumstände

GUTE FAHRT: Ein Käufer erlebt also immer einen Reinfall?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Der Verkäufer einer Fälschung erweckt praktisch immer den falschen Eindruck, das von ihm angebotene Teil sei ein (günstiges) Original und suggeriert damit auch eine hohe Qualität. Der Käufer, der darauf hereinfällt und meint, er hätte ein Schnäppchen gemacht, erlebt schon wegen der Täuschung stets einen Reinfall. Er hat nicht das bekommen, was er eigentlich wollte – das Original. Der Kunde, der nicht getäuscht wird, weil er von vorneherein davon ausgeht, eine Fälschung zu erwerben, läuft immer Gefahr, dass sich das Produkt nicht so bewährt, wie von ihm prognostiziert.

Die Konsequenzen können vielfältig sein: Das geht von ausbleichenden Farben über üble Gerüche im Innenraum und vorzeitige Funktionsausfälle bis hin zum Strukturversagen mit entsprechenden Gefahren.

GUTE FAHRT: Werden Audi- Originalteile besonders häufig kopiert?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Als Premiumhersteller sind wir insofern stärker gefährdet, weil unsere Marken eine größere Strahlkraft haben, die natürlich Fälscher besonders anzieht. Gerade deswegen sind wir mit unseren Markenschutz- Maßnahmen besonders aktiv - und das zeigt Wirkung: Das Angebot von gefälschten Teilen ist sowohl im Onlinehandel als auch im Offlinehandel (Beispiel China) deutlich zurückgegangen.

Das Ende vieler Teilefälschungen ist die Vernichtung durch die Behörden
Foto: Audi

GUTE FAHRT: Wovon gibt es die meisten Fälschungen?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Kfz-Ersatz- und Verschleißteile werden besonders häufig gefälscht: Das sind insbesondere crashrelevante Teile wie Kühlergrills, Stoßfänger, aber auch Karosserieteile. Bei den wartungs- und servicerelevanten Teilen sind dies Luftfilter, Ölfilter, Zündkerzen und Verschleißteile wie Kühlmittelpumpen, Lichtmaschinen und dergleichen. Aber auch Lifestyle-Produkte und Zubehörteile werden nachgebaut. Es gibt immer mehr digitale Produkte, wie beispielsweise Navigationsdaten, als Fälschungen.

GUTE FAHRT: Welche Folgen kann die Nutzung von Fake-Teilen schlimmstenfalls haben?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Der Einbau von Fälschungen im Fahrzeug kann zu Einschränkungen bzw. Störungen von Funktionen führen, und das auch in sicherheitsrelevanten Bereichen.

GUTE FAHRT: Was bedenken manche Käufer von Billigst-Teilen nicht?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Unsere Erfahrungen zeigen, dass es Betriebe gibt, in denen sehr widrige Arbeitsbedingungen vorherrschen, die nach unserem Verständnis und unseren gesetzlichen Vorgaben als rechtwidrig einzustufen sind. Hinzu kommen teilweise gravierende Verstöße der Fälscherbetriebe gegen Umweltschutzauflagen.

GUTE FAHRT: Wann sollten bei einem Autobesitzer die Alarmglocken schlagen?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Die Kunden sollten stets darauf achten, dass die Bezugsquelle der Teile vertrauenswürdig ist. Ein auffällig niedriger Preis für ein Neuteil kann in Kombination mit einem wenig vertrauenswürdigen Herkunftsnachweis ein Indikator für eine Fälschung sein. Allerdings gibt es auch zunehmend mehr „teure“ Fälschungen, die nur etwas unter dem Preis für das Original liegen.

GUTE FAHRT: Wo kann man sicher einkaufen?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Geprüfte Audi-Original-Qualität bekommt der Kunde natürlich beim Audi-Händler. Darüber hinaus bietet aber auch der freie Ersatzteilmarkt Original-Audi-Ersatzteile an.

GUTE FAHRT: Welche sicheren und günstigeren Alternativen hat der Kunde?

SERHYI JEWTYMOWYCZ: Auch Audi-Austauschteile, also von Audi wiederaufbereitete Teile, werden – mit entsprechender Kennzeichnung - als Audi-Original-Teile vertrieben.