AUDI AVANT RS2Für Papas, die extra viel Power brauchten

Haiko Tobias Prengel

 · 24.04.2025

AUDI AVANT RS2: Für Papas, die extra viel Power brauchten
Auch Kombis können rassige Sportwagen sein. Das bewies 1994 der Avant RS2. Er durchbrach als erster Audi die Marke von 250 km/h – und begründete den Mythos RS, der bis heute anhält

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Eine Familie bedeutet auch Verzicht – Kinder kosten Zeit und Geld. Doch muss man zwangsläufig ein langweiliges Auto fahren, wenn man Papa oder Mama wird? Keineswegs – was Audi im Jahr 1994 mit dem damals brandneuen Avant RS2 zeigt. „Sport-Kombi“ nennen sie dieses Familienauto der Superlative, das mit seinen 315 PS zum gefürchteten Abfangjäger auf den Autobahnen wird: Mit bis zu 262 Stundenkilometern flitzt der Pampers-Express über die Piste und avanciert so zum bis dato stärksten je gebauten Serien-Audi.

30 Jahre später gilt der Avant RS2 als Meilenstein der Unternehmensgeschichte. Die Ingolstädter schaffen damals nicht weniger als eine neue Fahrzeuggattung: die des praktischen und zugleich sportlichen Familienautos. Später sollen hochgetrimmte Limousinen und Coupés dazukommen, bis heute tragen die sportlichen Topmodelle von Audi das RS Logo im Kühlergrill.

Gruppenbild mit Audi: Der Avant RS entsteht durch Teamwork, auch bei Porsche ist man sichtlich stolz auf das ErgebnisFoto: PorscheGruppenbild mit Audi: Der Avant RS entsteht durch Teamwork, auch bei Porsche ist man sichtlich stolz auf das Ergebnis

RS steht für Rennsport. Den Grundstein für die bis heute populäre RS Reihe legt 1994 der Avant RS2 als damals schnellster Kombi der Welt. Das Besondere: Porsche hilft entscheidend dabei mit, den Rekordbrecher auf die Straße zu bringen. Die Sportwagen-Schmiede ist damals noch nicht Teil des Volkswagen Konzerns, sondern steht unternehmerisch auf eigenen Beinen. Der Ruf ist exzellent, Modelle wie der 911er sind längst Ikonen. Doch wegen Absatzproblemen kriselt es in Zuffenhausen.

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AMBITIONIERTER AUFTRAG

Da kommt der Fremdauftrag aus Ingolstadt wie gerufen. Audi will nicht weniger als einen Hochleistungssportwagen für den zivilen Straßenverkehr bauen. Der Auftrag ist, gelinde gesagt, ambitioniert. So soll die Basis der biedere Audi 80 (Typ B4) sein, ein – so sagen manche – Opa-mit-Hut-Auto. Diesem verpassen die Konstrukteure nicht nur einen Allradantrieb. Unter die Haube kommt ein sonorer Reihen-Fünfzylinder mit 2,2 Litern Hubraum, der mit Turbolader sowie Modifikationen an Saugrohreinspritzung, Ansaugtrakt und Motormanagement gehörig aufgemotzt wird.

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Das breite Leuchtenband am Heck kommt vom Porsche 911. Auch der Doppelrohrauspuff verrät ordentlich PowerFoto: PorscheDas breite Leuchtenband am Heck kommt vom Porsche 911. Auch der Doppelrohrauspuff verrät ordentlich Power

Um den Power-Kombi für ambitionierte Familienväter und Renn-Amateure beherrschbar zu machen, sind allerlei Änderungen an Fahrwerk und Karosserie notwendig. Dabei können sich die Entwickler praktischerweise im Porscheregal bedienen. Der 911 (Generation 993) wird Teilepate für Blinker, Nebelleuchten und das breite Leuchtenband am Heck. Auch Stoßfänger, Zifferblätter und Türöffner kommen aus Zuffenhausen. „Etwa 20 Prozent des RS2 sind von Porsche“, sagt Michael Hölscher, der das Projekt damals bei Porsche leitet.

Hölscher ist schon dabei, als Porsche für Mercedes den 500 E baut. Der Super-Benz mit 5-Liter-V8 kommt 1991 auf den Markt und ist eine Sensation: Erstmals hat Daimler eine sportliche Limousine im Programm, die es mit Erzkonkurrent BMW und dessen M5 aufnehmen kann. Der Mercedes mit Porsche-Genen ist im Nu für Jahre ausverkauft.

1993 folgt dann der nächste Fremdauftrag. Wie zuvor schon der 500 E wird auch der Audi Avant RS2 im historischen Rössle-Bau im Stammwerk Zuffenhausen gefertigt. Und wie den Mega-Mercedes gestalten die Porsche-Leute auch den Über-Audi zwar exaltiert, aber dennoch dezent. Mit Tieferlegung, 17-Zoll-Alurädern und den roten Hochleistungsbremsen ist dem Avant RS2 zwar anzusehen, dass er ein flottes Auto ist. Doch auf übertriebenes Gepose verzichten sie bei dem Rennwagen mit Kombi-Heck.

Der 2,2-Liter-Turbo mit fünf Zylindern stammt vom Audi S2 (230 PS), Porsche modifiziert das Triebwerk auf wuchtige 315 PSFoto: PorscheDer 2,2-Liter-Turbo mit fünf Zylindern stammt vom Audi S2 (230 PS), Porsche modifiziert das Triebwerk auf wuchtige 315 PS

STARKES TURBOLOCH

Das Ergebnis ist ein Wolf im Schafspelz. Kindersitze befestigen, die Ladefläche mit Wocheneinkäufen füllen, all das geht mit dem Porsche Audi wunderbar. Aber er kann auch Rennwagen. Dafür drückt man das Gaspedal etwas fester durch, dann erwacht der Fünfzylinder mit bösem Fauchen. Bis die Rakete abgeht, vergeht allerdings eine Gedenksekunde. Turboloch nennt sich das Phänomen, das ein verzögertes Einsetzen des Leistungsschubs beschreibt. Beim Avant RS2 falle dieses Loch konstruktionsbedingt ziemlich stark aus, erklärt Projektleiter Michael Hölscher – bis die Kraft dann umso heftiger emporschnellt: „Wie die sprichwörtliche Faust im Nacken“ fühle sich das an: „Die einen mochten den plötzlichen Schlag nicht so, die stolzen Besitzer des RS2 haben den Turbolader immer geliebt“, berichtet Hölscher, der den Boliden selbst des Öfteren fuhr.

Das RS Logo im Kühlergrill trägt nicht nur die vier Audi Ringe, sondern auch den Prestigeträchtigen Porsche-SchriftzugFoto: PorscheDas RS Logo im Kühlergrill trägt nicht nur die vier Audi Ringe, sondern auch den Prestigeträchtigen Porsche-Schriftzug

Seine Weltpremiere feiert das Gemeinschaftsprojekt von Audi und Porsche bei der IAA im September 1993. Der Avant RS2 leite einen neuen Trend ein, informieren beide Unternehmen die Presse: „Der Großserienhersteller Audi kreiert zusammen mit dem Sportwagenhersteller Porsche das neue Marktsegment der kompakten High-Performance-Kombis“.

Konkret heißt dies: In 5,4 Sekunden geht es ab von null auf 100, das maximale Drehmoment liegt bei 410 Newtonmetern – für ein „Familienauto“ sind das seinerzeit brachiale Werte. Der Tacho geht gar bis 300: „Der RS2 ist der erste Audi, der nicht abgeriegelt wurde, obwohl er über 250 km/h lief“, sagt Ralf Friese, Unternehmenshistoriker bei Audi, der besonders von der Längsdynamik des Familiensportwagens schwärmt. Diese Performance hat ihren Preis, inklusive Sechsgang-Getriebe kostet der Audi Avant RS2 stolze 98.900 Mark.

Auch das Cockpit wird auf sportlich getrimmt: mit Recaro-Sitzen, weißen Zifferblättern und Sechsgang-Gebtriebe - natürlich handgeschaltetFoto: PorscheAuch das Cockpit wird auf sportlich getrimmt: mit Recaro-Sitzen, weißen Zifferblättern und Sechsgang-Gebtriebe - natürlich handgeschaltet

Mit Extras wie Sitzheizung, Diebstahlwarnanlage oder „Cassettenablage in der Tunnelkonsole“ lässt sich der Preis weiter nach oben treiben. So bleibt es bei einer recht geringen Stückzahl von 2.891 Exemplaren, zumal der Verkauf 1996 schon wieder endet. Bestehen bleibt der Mythos RS. Rennsport-Versionen baut Audi bis heute, auch andere potente Modelle des VW Konzerns wie der Škoda Octavia RS tragen das berüchtigte Kürzel im Kühlergrill. Doch wer hat’s erfunden? Es waren die Macher des einst schnellsten Kombis der Welt, ein Team von Enthusiasten aus Zuffenhausen und Ingolstadt. Manche Fans sprechen daher heute ehrfürchtig vom „Audi Porsche RS2“. Nichts bereichert eben so sehr wie eine Familie.

Buch-Tipp

gutefahrt/9783868522099_f010abe4f779603a58f2ead735f4dcccFoto: Porsche

Zum Weiterlesen über die leistungsstarken RS Spitzenmodelle empfiehlt sich das Buch „Audi RS. High-Performance-Modelle aus Ingolstadt“ von Constantin Bergander und Peter Besser (Heel-Verlag, 256 Seiten, 49,95 Euro) – mit vielen schönen Bildern und technischen Details.