FahrberichtVW Caddy – Blaumann?

Arne Olerth

 · 20.11.2020

Fahrbericht: VW Caddy – Blaumann?Foto: S. Lindloff (VWN)

Der neue VW Caddy streift das pragma­tische Handwerker- Image endgültig ab: Komfortabel und fahraktiv wie nie macht er ganz auf PKW, bietet ein digi­tales Bedien­konzept und viele Assistenten. Auch in Sachen Nutzwert hat er noch einmal kräftig nachgelegt

Generationen von Familienvätern schwören auf ihn, Handwerker sowieso – der Caddy von Volkswagen Nutzfahrzeuge ist Kult. Wie kaum ein zweites Auto verdichtet der Transportproblemlöser aus Hannover opulentes Raumangebot und Mega-Zuladung auf citypraktisch kompakten Abmessungen. Abgerundet mit pfiffigen Details wie der variablen Bestuhlung oder den serienmäßigen Schiebetüren im Fond sowie der sprichwörtlichen Volkswagen-Qualität avanciert der Caddy zum Traum-Kompakten für all jene mit erhöhtem Platzbedarf. Große Heck-Klappe oder Flügeltüren, kurzer oder langer Radstand, nackter Kasten oder fünf, beziehungsweise sieben Sitzplätze – der Caddy wird jedem Anspruch gerecht.

Verlagssonderveröffentlichung
Klasse Sitzposition, super Übersicht, luftiges Raumangebot und hoher Komfort – der neue Caddy schmeichelt dem Fahrer. Sein Bedienkonzept aber fällt nicht mehr ganz so intuitiv aus wie bisher
Foto: S. Lindloff (VWN)

Seine Erfolgsgeschichte startete schon in den Siebzi­ger-Jahren, damals als zweisitziges Pickup-Derivat des Golf 1. So richtig multifunktional aber wurde es erst mit Caddy-Generation zwei ab 1995 – mit Polo-Führerstand und angehangener Großraum-Kabine. 2003 gab es dann die eigenständige Karosserie als Hochdach-Kombi, auf der Generation drei und vier aufbauten, und genau die Bedürfnisse der Fans trafen: Ungeheure 3,2 Millionen Einheiten des Raumwunders wurden verkauft, mehrfach modellgepflegt. Nach 17 erfolgreichen Jahren zündet VW Nutzfahrzeuge jetzt die nächste Stufe: Generation fünf ist eine vollständige Neuentwicklung auf Basis des MQB, bietet auf allen Ebenen mehr – ohne dabei geschätzte Tugenden aus den Augen zu verlieren. Natürlich wurde auch die Digitalisierung nicht vergessen. Wie das schmeckt? Probieren wir es aus.

Größer und moderner

Hoppla, der Youngster macht jetzt auch auf kess. Waren die Vorgänger mit ihrem wertig-neutralen Design im besten Wortsinn unauffällig, so dreht Generation fünf die Köpfe, Hälse werden gereckt. Auf den ersten Blick als Volkswagen erkennbar, besticht die Front gleichwohl mit einem eigenständig-modernen Design. SUV-like hält der Caddy seine Schnauze jetzt höher in den Wind, nach innen gepfeilte Scheinwerfer, verbunden durch ein horizontales Band, verleihen einen dynamischen Look. Es gibt sie mit H7- oder Voll-LED-Leuchtmitteln. Einen klassischen Kühlergrill sucht das Auge vergebens, der untere Lufteinlass zitiert Volkswagens Elektrofamilie ID. In der Seitenansicht prägt eine prägnante Karosserie-Linie die Flanke, trennt den Unterbau optisch vom Greenhouse mit seinen Fensterflächen. Ganz oben gibt es wahlweise wieder eine Dachreling – bei allem Chic bekennt sich der Caddy natürlich auch weiterhin zu seinen praktischen Attributen. Achtern? Sorgen hoch aufragende LED-Leuchten für einen radikal neuen Look.

Auch die Proportionen wurden behutsam nachjustiert. So hat der Caddy mit 4,50 Metern in der Länge und 1,86 Metern in der Breite zwar deutlich zugelegt, in der Höhe (1,80 Meter) aber abgenommen. Der Radstand wuchs auf 2,76 Meter.

Alles nebensächlich, zählen für die Fans des Caddy doch in erster Linie seine inneren Werte. Daher öffnen wir vor der Probefahrt zuerst die praktischen Schiebe- türen achtern. Und hier zeigt sich der große Trumpf des kompakten Hochdach-Kombi – das üppige Raum­angebot im Fond, das das eines kompakten Hatchback beinahe schon der Lächerlichkeit preisgibt. Hinter drei Sitzplätzen kann der Familien-Bernhardiner genauso mitreisen wie der Kinderwagen des Nesthäkchens. Der muss dabei nicht einmal zusammengefaltet werden. Auch der Transport einer Waschmaschine hinter Sitzreihe zwei ist problemlos möglich. Flohmärkte, der Großeinkauf am Wochenende oder der Besuch im schwedischen Möbelhaus – mit jetzt gar 3,3 Kubikmetern Laderaumvolumen kann den Caddy kaum etwas schrecken. Die zweite Sitzreihe ist in eine Bank für zwei sowie einen Einzelsitz gegliedert, die umgelegt, gewickelt oder herausgenommen werden können. Je nach Ausstattung ist auch die Beifahrerlehne umlegbar. Klasse: Die Fondpassagiere können sich ihre Lehnenneigung individuell einstellen.

Digitalisiertes Bedienkonzept

Und der Fahrer? Sitzt auf einem optionalen ErgoComfort-Sitz ausgesprochen bequem und gut unterstützt. Die Sitzneigung ist genauso variabel wie die Sitztiefe – vorbildlich. Das Raumangebot fällt mehr als großzügig aus, der Kopfraum opulent. Die Übersicht? Perfekt, großer Seiten- und der senkrechten Heckscheibe sei Dank. Die erhöhte Sitzposition hat schon den SUV zu ihrem Siegeszug verholfen. Erstmals gibt es den VW Caddy jetzt auch mit digitalen Anzeigen. Neben einer klassischen Uhren-Ansicht kann sich der Fahrer auch die Navikarte vollflächig darstellen lassen. Zu modern? Keine Sorge, auch analoge Uhren sind verfügbar. Nicht verhandelbar aber sind der zentrale Touchscreen mit vorgelagertem Slider für Lautstärke und Temperatur und die darunter platzierte Touchfeld-Insel zur Anwahl von Klimaanlage, Assistenten und Park-Funktionen. Bekannt aus dem VW Golf 8 erfordert die blickgeführte Bedienung auch beim Caddy etwas Eingewöhnung, ist in Sachen Ergonomie während der Fahrt kein Fortschritt. Dafür versteht der Caddy jetzt auch Sprachbefehle. Zahlreiche Ablagen im Cockpit unterstreichen seine praktischen Talente.

Die Verarbeitung passt genauso wie die Materialwahl. Armaturentafel und Türverkleidungen sind mit einer „Hybrid-Narbe“ geprägt: Je nach Blickwinkel erscheint die Oberfläche mit lederner oder technischer Struktur. Auch haptisch schmeichelt diese Gestaltung, die beim Caddy als erstem Konzern-Modell zum Einsatz kommt. Da stört sogar der harte Kunststoff nicht. Überhaupt hat sich Generation fünf das Thema „Komfort“ groß auf die Fahnen geschrieben. So gefällt der Caddy im Fahrbetrieb mit deutlich mehr Ruhe als bisher. Fahrwerks- und Windgeräusche sind klasse entkoppelt, auch unser TDI-Motor mit 122 PS, das aktuell stärkste Aggregat, gibt sich sehr angenehm gedämmt.

An der Vorderhand wird der VW von modifizierten Golf-8-Federbeinen geführt, an der Hinterhand kommt – der Zuladung wegen – erneut eine Starrachse zum Einsatz. Umfassend mit Panhard-Stab, Längslenkern und Schraubfedern aufgewertet, gibt sich diese aber deutlich verträglicher als bisher, reicht in Sachen Fahrkomfort nahe an den Golf heran – zumindest auf gutem Belag. Schlechte Fahrbahnoberflächen oder -Kanten machen sich mit einem leichten Trampeln bemerkbar, das aber nicht weiter störend ins Gewicht fällt.

Die neue Lenkung sorgt ebenfalls für Freude an Bord, verzahnt sie den Fahrer doch spürbar direkter als bisher mit dem Wagen. Trotz der beachtlichen Aufbauhö­he wankt der Caddy nur wenig, sodass an Bord tatsächlich Fahrspaß aufkommt. Daran haben die druckvollen 320 Newtonmeter des TDI gehörigen Anteil, die freilich aufgrund der stattlichen 1,7 Tonnen Leergewicht ein wenig Federn lassen müssen. Dennoch erlaubt der 122-PS-TDI wahrlich flottes Fahren, lässt auf der Auto- bahn die Nadel flugs in Richtung 200 km/h streben. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 187 km/h.

Windgeräusche? Sicher, sind vorhanden. Doch keines­falls störend, solange man die 160 Stundenkilometer nicht überschreitet. Doch werden die meisten Caddy- Fahrer wohl in gemächlicheren Regionen unterwegs sein, setzen eher auf gemäßigte Reise-Tempi. Dafür reicht aber auch der 102-PS-TDI vollauf. Mit 280 Newtonmetern kaum weniger souverän als der Top-Diesel ist er eine echte Empfehlung für alle, die die BAB-Richtgeschwindigkeit in der Regel selten überschreiten. Beide TDI gehören übrigens zur neuesten EA288evo-Generation und bieten dank Twin-Dosing mit AdBlue gerade in Bezug auf Stickoxide besonders saubere Ab­gase. Ebenfalls verfügbar ist ein 75-PS-TDI.

Bereits in der Pipeline, aber noch nicht bestellbar sind ein Benzinmotor TSI (114 PS), ein extra-umweltfreundlicher CNG-Motor TGI (130 PS), der annähernd CO2-neutrale Mobilität ermöglicht, sowie ein Plug-in-Hybridantrieb, bestehend aus TSI und kräftiger E-Maschine. Das Serien-Handschaltgetriebe mit sechs Gängen lässt sich spielerisch dirigieren, ein DSG ist verfügbar, der 4Motion-Allradantrieb kommt zeitnah.

Der Caddy fährt auf Wunsch teilautonom

Auch in Sachen Fahrassistenz ist der neue Caddy wieder die Benchmark seiner Klasse: Nicht weniger als 19 Systeme listet das Portfolio. Ganz neu: Mit dem Travel-Assist fährt der Caddy autonom nach Level 2. Dazu muss man nur einen Knopf am Multi-Lenkrad drücken und die Hände an selbigem belassen. Schon lenkt, bremst und beschleunigt der Caddy autonom.

Auch der geniale Trailer-Assist kann für den Caddy geordert werden. Damit wird das Rückwärts-Rangieren mit Anhänger zum Kinderspiel: Einschlagwinkel des Anhängers am Spiegelknopf einstellen, die Lenk­ar­beit übernimmt das System – ideal für alle mit wenig Gespann-Routine. Front- und Lane-Assist gehören bei allen Ausstattungslinien des Caddy gar zum Serienumfang.

Bestellt werden kann der Caddy sofort, los geht´s ab 23.061 Euro.