Mehr als die Summe aller Teile!

Heiko P. Wacker

 · 22.01.2023

Mehr als die Summe aller Teile!Foto: Jan Bürgermeister

Mit dem pfiffigen Zweiraumkonzept hat Campmobil Schwerin ein ganz feines Innendesign entwickelt, ein Zwischenboden sorgt für zusätzlichen Stauraum. Zudem funktioniert der Ausbau auf kurzem wie langem Radstand!

Parterre schlafen? Das geht im Schweriner Camper dank Ausziehgestell an der Sitzbank auf bis zu 140 Breitenzentimetern
Foto: Stephan Lindloff

Die meisten Ausbauten eines VW Bulli gruppieren die Möbel an die Flanke, in Schwerin geht man einen radikal anderen Weg. Denn der HK 4.9 – die beiden Initialen zeigen schon, dass wir es mit einem „Heck-Küchencamper“ zu tun haben – bietet nicht nur ein von vorne bis hinten begehbares Fahrzeug mit zigfach nutzbarem Stauraum, sondern auch noch komfortable Liegeflächen auf zwei Etagen. Los ging die Geschichte Mitte der 1990er-Jahre, von Anfang an war der VW Bus die als ideal erachtete Basis. Über die verschiedenen Generationen blieb die sympathische Firma dem Hannoveraner treu: Aktuell werden folglich VW T6.1 zum Camper ausgebaut. In den allermeisten Fällen sind dies Kastenwagen, „auf Wunsch arbeiten wir auch mit einem Kombi, das kommt aber selten vor“, meint Andreas Höhne. Gemeinsam mit seinem Bruder Wolfram und einem kleinen Team engagierter Macherinnen und Macher entstehen unter der Regie der Marke rund 35 Camper im Jahr, wobei generell nur Neufahrzeuge als Basis dienen, die gemäß Kundenwunsch bestellt und anschließend ausgebaut werden.

Foto: Jan Bürgermeister
Foto: Jan Bürgermeister

So lassen sich manche Details, wie der verstärkte Generator oder die sehr oft gewählte Diesel-Standheizung, direkt ab Werk realisieren. Drehsitze hingegen hat Campmobil selbst entwickelt, mit robusten Konsolen obendrein. Die machen in doppelter Hinsicht Sinn, entsteht durch das Drehen des vorderen Gestühls doch eine Vierersitzgruppe. Zudem werden die Sitzflächen als Verlängerung des unteren Betts in Beschlag genommen. Dieses entsteht durch eine intelligente Umbauaktion: Die Lehne und die Sitzfläche der Zweierbank werden in die Waagerechte gebracht, gleichzeitig wird eine Platte ausgeklappt und auf einem Aluminiumfuß abgestellt. Ein Matratzenteil schließt nun die Lücke bis zum Fahrersitz, auf dem ein kleiner Keil die Liegefläche eben hält. Diese misst 198 mal 110 Zentimeter. Das reicht auch mal für zwei Personen, die sich mögen. Zudem lässt sich die Fläche seitlich vergrößern: Ein Stellbügel am Beifahrersitz und ein Ausziehgestell an der Sitzbank tragen die seitlich an der Flanke mitreisende Lehne, schon wächst das Bett auf 140 Breitenzentimeter. Gefertigt ist es aus zweilagigem Kaltschaum, 80 Millimeter in der Dicke messend.

Schon immer dem Bulli treu!

Schlendern wir derweil in die überraschend opulent ausgestattete Küche. Hier machen schon die Schubladen Spaß, bei geöffneter Heckklappe kommt man auch von hinten an die Kisten – ideal für den Einkauf. Für kühlpflichtige Waren reist ein 50 Liter messender Kompressorkühlschrank der Marke Dometic mit, der Einsatz des Gefrierfachs ist herausnehmbar. Wer ein kühles Blondes ergreifen möchte, der muss aber ins Auto steigen, von der Schiebetür her geht das nicht. Dafür aber ist der Frigidaire in Reichweite der Sitzbank. Zudem verbauen die Schweriner einen Außenschalter am Möbelkorpus, so dass man den durchaus hörbaren Kühlschrank bei Nacht mit einem Griff vom oberen wie unteren Bett deaktivieren kann. Unter dem Kühlschrank findet sich eine voluminöse Stauschublade, die alternativ auch ein Porta Potti aufnimmt, während gegenüber weitere Schränke unter der Spüle verbaut sind.

Das Wasser reist rechts im Kofferraum mit, das vor Frost geschützte Wasserreservoir fasst 32 Liter. Der Tank ist rollbar wie Oma Pachulkes „Hackenporsche“. Alternativ wäre auch ein 60 Liter fassendes Bassin realisierbar, wie auch ein sechs Liter großer Boiler. Richtig pfiffig weiß man im Norden mit dem Thema Gas umzugehen, ist der Dometic-Zweiflammer doch herausnehmbar verarbeitet. Man muss hierzu nur eine Schraube lösen, der spezielle Schraubendreher hängt im Kleiderschrank. Nun noch die via Bajonett verschlossene Gasleitung trennen, und den Gaskocher herausnehmen. Er findet jetzt auf einem ausziehbaren Brett unter der geöffneten Heckklappe seinen Platz, für olfaktorisch intensive Gerichte ist dies der beste Standort, eine Verlängerung des Gasschlauchs liegt bei. Außerdem war in unserem Fotomodell der Prototyp einer Fernentriegelung der Gasflasche verbaut. Diese reist hinten links im Kofferraum mit, natürlich gesichert in einem luftdichten Fach.

Foto: Jan Bürgermeister
Foto: Jan Bürgermeister

Will man nun unterwegs spontan einen Kaffee kochen, muss man ja eigentlich den opulenten Schrank ausräumen, um an den Gashahn zu gelangen. Deshalb haben die Schweriner eine Fernentriegelung ersonnen, die mittels eines einfachen Zuges von der Küche aus bedient werden kann. Und zwar zum Öffnen wie zum Schließen des Gasventils, feine Sache! Und auch zur Schiebetür hat man sich Gedanken gemacht: Eine simple Klemmvorrichtung erlaubt es, die Tür für heiße Nächte einen Spalt offen zu lassen, ohne dass sie von außen geöffnet werden kann. Zusätzlich lässt sich ein Vorhängeschloss anbringen.

Es sind solche kleinen, oft erst auf den zweiten Blick wahrnehmbaren Verbesserungen, die das pfiffige Zweiraumkonzept immer wieder im Detail verfeinern – mitunter sind es hundert oder mehr in einem Jahr. Seinen grundsätzlichen Charme verliert der Heckküchencamper deshalb aber nicht. Im Gegenteil, stetig reift er noch ein wenig nach, wie ein guter Wein eben. Auch daran erkennt man das durchdachte Konzept einer Marke, die in Kürze ihren 30. Geburtstag feiern darf.


Viele pfiffige Kleinigkeiten!

Zudem finden sich im Dachgeschoss noch Schlafplätze. Hier misst die Kaltschaummatratze 50 Millimeter, das Bett ist 195 mal 125 Zentimeter groß. Das Aufstelldach, ein SCA 195, ist im Interesse der Kombüsen-Stehhöhe hinten angeschlagen. Zudem lassen die drei Öffnungen im Stoffbalg des Aufstelldachs genügend


Basisfahrzeug

VW T6.1 Kastenwagen 2.0 TDI, Vierzylinder-Reihenmotor, vorn quer, Hubr. 1.968 ccm, Leistung 110 kW/150 PS bei 3.250/min, max. Drehm. 340 Nm bei 1.500-3.000/min, Sechsgang-Schaltgetriebe, Vmax 183 km/h, Radst. 3.000 mm, L 4.904 mm, B 1.904 mm, H 1.990 mm, Gew. 2.500 kg, zul. Gesamtgew. 3.000 kg, zul. Gesamtzuggew. 5.200 kg, zul. Achsl. v/h 1.600/1.550 kg, zul. Anhängel. 2.500 kg, zul. Stützl. 100 kg

Serienausstattung

4 Sitz-/4 Schlafplätze: 198x110-140 cm, Kaltschaum, zweilagig, 80 Millimeter Umbau aus Zweiersitzbank und gedrehten Vordersitzen/195x140 cm, Kaltschaum, 50 mm, im SCA-Aufstelldach (u./o.), zwei Seitz-Ausstellfenster (li.&re.), drei Fensteröffnungen im Aufstelldach, Möbel aus Pappelsperrholz, 15 mm, CPL-Beschichtung, Zwei-Flammen-Gaskocher, Edelstahlspüle, 50-l-Kompressor-Kühlbox (Dometic CRX- 50), 38 l Frisch-/38 Liter Abwasser (Kanister seitlich im Möbelkorpus/Unterflurtank mit Ablassventil), elektrische Druckwasserpumpe, Bord-Elektrik mit Trennrelais und Automatik-Ladegerät, AGM-Aufbaubatterie 110 Ah, CEE-Außenanschluss

Kontakt

Campmobil Schwerin, Görslower Straße 2, 19067 Leezen, www.campmobil-schwerin.de

Preise (in Euro)

  • VW T6.1 Campmobil Schwerin HK 4.9 72.750€
  • Lackierung Iridiumgrau Metallic 1.267€
  • Wechselrichter 150 Watt 267€
  • Gaskocher entnehmbar 390€
  • Solaranlage 1.630€
  • Außendusche 175€
  • Fliegennetz für Schiebetür 220€

Foto: Jan Bürgermeister
Foto: Jan Bürgermeister

Test kompakt

Gute Camper bestehen oft aus vielen pfiffigen Kleinigkeiten – und im HK 4.9 summieren sich diese zu einem durch und durch ausgereiften Reisemobil. Es ist der Lohn dafür, dem Bulli über die verschiedenen Generationen treu geblieben zu sein. Vor allem aber spürt man, dass sich die Schweriner nicht zu schade sind, über winzige Details nachzusinnen. Das Ganze ist nämlich mehr als nur die Summe aller Teile!