Reportage: Iltis als Jagdwagen

Willes Jeep

12.10.2013 Lars Jakumeit - Niedersachsen 2013. Pure Weite und kein SUV weit und breit. Sandpisten, Wälder und irgendwo ein Hochsitz. Der Iltis als idealer Partner für das norddeutsche Outback.
© Christian Dietz
Jagdgerät: Jäger Christoph Wille gewährt seinem VW Iltis täglich Auslauf

Der Boden der Lüneburger Heide fängt an zu beben, Widerstand ist zwecklos. Rot- und Schwarzwild suchen fluchtartig Deckung im Unterholz. Am Horizont taucht von einer Staubwolke umgeben ein unbekannter, kerniger Geländewagen mit VW-Emblem im Kühlergrill auf. Tiguan, Tuareg, Amarok? Nein, die wären für diese Kulisse eindeutig zu viel softgelackter Boulevard-Schick, grotesk am Thema vorbei. Wenn der passionierte Jäger Christoph Wille seinen alten VW Iltis sattelt und zum Halali im Naturschutzpark bläst, dann gibt es handfeste waidmännische Aufgaben, aber keine Hindernisse.

Das hochbeinige, eckige Auto und sein Eigentümer passen klasse zusammen. Für beide charakteristisch: Sie sind gradlinig, bodenständig und fleißig. Geerdete Kumpeltypen, die sich konsequent Modetrends widersetzen und mit denen es stattdessen hundertprozentig zuverlässig durch dick und dünn geht. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

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Trinkfester Stehertyp: Der Vierzylinder macht den Iltis nicht schnell, aber zuverlässig

Was zunächst wie ein Loblied auf den gealterten Geländegänger klingen mag, ist nüchterne Realität: Nach 30 Jahren Einsatz kommt der offene Viersitzer so erstaunlich klaglos seiner Arbeit nach, als hätten Autos für gewöhnlich kein Verfallsdatum.

Der Iltis präsentiert sich als idealer Partner für eine automobile Langzeitbeziehung. Festgefahrene Situationen kennt er nicht, denn sein Package ist verdammt gut, vielleicht fast zu gut für diesen doch ziemlich platten Landstrich. Mit 169,2 Metern über Normal-Null ist der Wilseder Berg die höchste natürliche Erhebung in der Lüne­bur­ger Heide, doch trotzdem findet sich in dieser unendlich erscheinenden Landschaft für Förster und Jäger genug kniffeliges Geläuf.

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Von 1978 bis 1982: 8800 VW Typ 183 für die Bundeswehr und 1957 Stück für Privat

Zupackender Allrad und grobstollige 16-Zoll-Geländereifen sind die essentiellen Zutaten des Erfolgsrezepts. Dank ihnen trotzt der Iltis widrigsten Streckenverhältnissen. Falls einmal vermeintlich nichts mehr geht, reicht ein Griff in die prall gefüllte Offroad-Trickkiste: Mit Geländeuntersetzung und manuell sperrbarem Vorder- und Hinterachsdifferentialen zieht sich das Vierrad-Urviech in größter Not sogar am eigenen Schopf aus den tiefsten norddeutschen Sumpfgebieten - naja, fast jedenfalls.

Inspiration für den Quattroantrieb

Das konservative Layout basiert in groben Zügen auf dem seligen DKW Munga und hat bekanntlich schon im finnischen Winter 1977 die Audi-Ingenieure ziemlich beeindruckt und zur Entwicklung des Quattroantriebs motiviert: Man braucht nicht viel für ein extrem ausdauern­des und robustes Mobilitätswerkzeug, das vier Personen sicher von A nach B transportiert – ganz egal, was dazwischen liegt.

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Hochsitz: Kunstleder-Gestühl ist wetterfest und abwischbar, somit ideal für Touren durchs Unterholz

Von Volkswagen ursprünglich als "Fahrzeug für besonders starke Beanspruchung" in enger Abstimmung mit der Bundeswehr entwickelt, folgt die Iltis-Form der Funktion, und zwar gnadenlos, bis ins Detail. Neudeutsch würde man den Allrader wohl mit dem Slogan "keep it simple" bewerben. Aber wir sind auf dem Land, und hier gehen die Uhren anders. Handfeste praktische Werte wie die mindestens 25 Zentimeter große Bodenfreiheit, rampenwinkelopti­mierte Karosserie-Enden, erstaunliche 80 Prozent Bergsteigefähigkeit und über zwei Tonnen Anhängelast zählen mehr als markige Texte.

Die geerdete Art macht es: Willes Gasthof blickt zurück auf eine mittlerweile über 200 Jahre andauernde Gastronomiegeschichte. Traditionelle niedersächsische Küche und jagdfri­sche Fleischgerichte haben das Lokal weit über die Grenzen des kleinen Dorfes bekannt gemacht. Die dicken Iltis-Bleche sind zumindest für etliche Jahrzehnte gut, und zwar auch ohne die übertriebene Zuneigung eines politurvernarrten Oldtimersammlers. Keine beheizte Tiefgaragenheimat, keine durch ein funkferngesteuertes Rolltor verborgene Luxus­lagerstätte: Der Geländewagen hat genau genommen nicht einmal ein Dach über dem Kopf, parkt hinter Natursteinmauern auf dem gepflas­ter­ten Hof unter einer meterdicken Eiche. Dort steht er sturmfest und erdverwachsen an 365 Tagen im Jahr und trotz den Kräften der Natur.

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Schaltzentrale: Spartanisch beschreibt den Kommandostand am besten

Er braucht kein selbstverliebtes H ganz hinten auf dem Kennzeichen, um plump auf seine Seniorität zu verweisen. Stattdessen trägt er deutlich sichtbar Beulen und Dellen, die sind so selbstverständlich wie bei einem Baum die Jahresringe.

Abenteuer Heideausfahrt

Uns reizt die Frage, was man mit dem herben Allrad-VW machen könnte. Wir schließen die Augen und ergeben uns dem Kopfkino. Es kann losgehen: Der Heidesand nimmt Wüsten­ausmaße an, der laue norddeutsche Wind frischt auf und wird zum Saharasturm. Was wir spüren sind Freiheit und Abenteuer pur. Großwildjäger Wille nimmt uns in voller Montur mit auf seinen ganz privaten Safari-Track. Gera­de­wegs finden wir uns auf den Spuren von Dakar-Gewinner Kottulinsky wieder. Der kleine aber feine Unterschied: Statt Touaregs kreuzen vereinzelt Heidschnucken und Pferdefuhrwerke unseren Weg. Die Vegetation wird karger, nach und nach verschwinden die letzten Bäume und Büsche im Rückspiegel. Der 85 Liter fassende Tank ist randvoll gefüllt mit Treibstoff,  vor uns liegen Quadratkilometer unbewohntes, bewohn­tes Norddeutschland. Für den Notfall führt der erfahrene Abenteurer für den durstigen Gesel­len neben einem vollwertigen Ersatzrad noch einen zusätzlichen 20l-Blechbenzinkanister am Heck mit.

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Sieht nicht nur schnell aus: Der VW Iltis gewann 1980 sogar die Rallye Paris-Dakar

Feine Heidesandkörner wehen in den offenen Wagen und setzen sich in jeder denkbaren Ecke ab. Außerdem in unserer Kleidung, im Haar, überall. Den Iltis lassen solche Attacken kalt. Die Pisten werden zusehends schlechter und das spüren wir: Jedes noch so kleine Loch wird mit einem Schlag des straffen Doppelquerlenker-Fahrwerks an unsere Bandscheiben durchgereicht. Nehmerqualitäten sind gefordert. Fahrtziel ist ein Jagdgebiet am anderen Ende der Heide. Um die kniffeligen Sandpassagen sicher zu bezwingen, braucht es ein echtes Ge­ländevehikel. Für Notfälle ist vorgesorgt: Falls es mal ganz Dicke kommen sollte, wartet unter der Motorhaube erprobtes Erste-Hilfe-Bergege­rät in Form eines Klappspatens. Das Jagdgepäck: "Der Püster". So nennt Jäger Wille liebe­voll sein Gewehr. Die Beute muss er nicht im Fahrzeug verstauen. Eine offene Wild-Gitterwanne auf der Anhängerkupplung ist zwar kein originales Werkszubehör, dafür aber authentisch-zweckmäßig. Sie nimmt es zur Not sogar mit einem ka­pitalen Hirsch auf, um den Nachschub in der hei­mischen Restaurantküche sicher zu stellen.

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Sicher ist sicher: Ein 20-Liter-Reservekanister am Fahrzeugheck sichert zusätzlich das Fortkommen

In dezentem RAL-Tarnfarbton 6015 gelboliv lackiert, tritt der im Wald unter dem Hochsitz geparkte Iltis dezent ins Unterholz zurück. Gutes Jagdwagen-Design sieht man nicht – erst recht nicht im Wald. Wenn die Sonne von oben auf die niedersächsische Steppe brennt oder der nächtliche Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht hell erstrahlt, dann spielt der Iltis einen weiteren Trumpf aus. Der robuste Verdeckaufbau aus schwerem dunklen Segeltuch samt wetterfesten Stecktüren ist voll demontierbar. Welches Cabriolet kann von sich behaupten, geländegängiger zu sein?

Türen raus, Scheibe vorklappen!

Die Passagiere genießen bei Schönwetter ein Sonderprivileg: Es reicht zur Sicherung eine Kette anstatt der Stecktüre, und zwar auf allen vier Plätzen! Noch mehr Frischluftbedarf? Die Frontscheibe lässt sich samt Metallrahmen nach vorne abklappen, dieses Feature empfiehlt sich allerdings nur mit mindestens einer Sonnenbrille als Insektenschutz und erst recht nicht im öffentlichen Straßenverkehr.

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Funktion diktiert Form: So entstand ein wirklich robuster Geländegänger

Infotainment? Nein, danke! Wie viel Information braucht der Fahrer? Dank zuverlässiger Technik äußerst wenig. Der niedrig verdichtete Vierzylinder-Reihenmotor mit KE-Einspritzung ist ein alter Bekannter: Trinkfest wie ein alter Heidekutscher, mit ziemlich rauen Manieren, aber ausdauernd - ein Kind aus der guten alten und großen VAG-Konzernfamilie.

Wenige Rundinstrumente und ein paar Kontrollleuchten aus dem Baukastenfundus der siebziger Jahre dürfen dem spartanisch anmutenden Cockpit genügen. Ein in der heutigen Zeit ungewohnter, zugleich höchst angenehmer Eindruck: Statt Effekthascherei gibt es pures analoges Fortkommen.

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Nummer sicher: Die äußere Staubman- schette schützt zusätzlich ein Spritzlappen

Im Stich gelassen hat der Iltis seinen Besitzer noch nie. Das ist wenig verwunderlich, denn zentral im Lastenheft der Entwickler verankert war eine Einsatzfähigkeit zwischen -30 und +44 Grad Celsius Außentemperatur. Die bietet er zweifellos noch heute. Für Christoph Wille gibt es keinen besseren Geländegänger. Bei kleineren Wehwehchen kann er notfalls jeden Dorfschmied ansteuern.

Der Slogan im zivilen Werbeprospekt bringt es mit viel Weitsicht bereits 1979 auf den Punkt: "Der VW Iltis. Wenn Autofahren Spaß machen soll." Dieses Versprechen löst der Wolfsburger im Hightech-Zeitalter besser denn je ein. Zum Klassiker gereift, lieben wir heute seine ruppige, anachronistische Art - viel mehr aber noch den Blick fürs Wesentliche, den sich die Ingenieure damals bewahrt haben. Er ist ein Statement für ein langes und erfülltes Leben ohne Elektronik, Kompromisse und SUVs. Danke, VW Iltis!
 

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VW IltisOldtimerAusgabe 9/2013

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