Reportage: Autokunst

Der Crasher

22.10.2013 Nicolas Rutschmann - Pierre-Alain Münger lässt es gerne krachen. Der Schweizer Künstler verewigt in wenigen Millisekunden die Gesichter von Autos auf Metallplatten
© S. Kneubühl
„Das Automobil ist eine Maschine, die nebst einem Fahrzeug vor allem eine Schutzhülle ist. Die mechanische Belastung dieser Hülle ist das zentrale Thema meines Schaffens“, erläutert Münger.

Wofür andere Künstler Tage oder Wochen brauchen, das passiert bei Pierre-Alain Münger während eines Wimpernschlags: in 60 Millisekunden prägt sich das Gesicht des Cadillac Deville Hearse, begleitet von ohrenbetäubendem Lärm, für immer in den Malgrund und wartet nun darauf, alsbald den Raum eines Kunstsammlers zu zieren. Doch halt: Um ein Bild für die Serie "Faces" zu produzieren, benötigt der Schweizer Aktions- und Objektkünstler Münger eine bis zu zweimonatige Vorbereitungszeit. Umfangreiche Recherchen führen ihn zu den passenden Automodellen, in erster Linie Wagen älterer Baujahre, deren Crashverhalten noch nicht den aktuellen Sicherheitskriterien genügt. Eine sozusagen weiche, ausdrucksstarke Front macht ein Fahrzeug zur ersten Wahl.

"Das Automobil ist eine Maschine, die nebst einem Fahrzeug vor allem eine Schutzhülle ist. Die mechanische Belastung dieser Hülle ist das zentrale Thema meines Schaffens", erläutert Münger. Zu Beginn seines Projekts experimentierte der 35-jährige mit Blechboxen. Dafür setzte er sich in einem abgesperrten Areal selbst ans Steuer eines Kleinwagens, nur um nach etlichen Tests festzustellen, dass bei allem künstlerischen Bestreben die Krafteinwirkung auf den eigenen Körper zu groß war. Schließlich konnte er ein professionelles Crashcenter für sein Projekt gewinnen und lässt seitdem Fahrzeuge nach einer streng festgelegten Versuchsanordnung gegen die mit dem Malgrund präparierte Wand fahren.

© S. Kneubühl
Frontabdruck eines Cadillac Deville von 1973 nach einem Aufprall mit 85 km/h

Münger bevorzugt die Verformung begehrter Nobelkarossen; an ihnen lässt sich die Destruktion am krassesten verdeutlichen. Doch so hoch der ästhetische Wert seiner Kunstwerke auch ist, er hinterlässt beim Betrachter logischerweise ein ungutes Gefühl. Der subtile Schrecken ist von Münger gewollt. Trotzdem orientiert er sich nur entfernt an den "Car Crash Paintings" Andy Warhols, der die Grausamkeit von Autounfällen Anfang der 1960er Jahre unverblümt zeigte. Eher agiert Münger im Geiste des Regisseurs David Cronenberg, der 1996 in dem kontrovers diskutierten Spielfilm "Crash" einen verstörenden Blick auf eine Gruppe von Unfall-Fetischisten richtete.

© S. Kneubühl
Münger bevorzugt für seine „Faces“ Fahrzeuge mit schlechtem Crashverhalten

Wie Cronenberg hält Münger den schaurig faszinierenden Moment des Aufpralls auf Film fest. Allerdings geht er noch einen Schritt weiter und seziert ihn mit 1000 hochauflösenden Bildern pro Sekunde in all seine Makrophasen. Doch im Gegensatz zu dem düsteren Spielfilm breitet sich hier nach jedem Crash Erleichterung aus. Dann, wenn sich der vor der drei Meter dicken Stahlbetonwand aufbäumende Bolide nach zwei Sekunden wieder auf den Boden senkt und als bleibender Beweis des Crashs nur noch sein "Face" übrig bleibt.

Pierre-Alain Münger hat jedoch nicht vor, sich auf dem Erfolg seiner "Faces" auszuruhen. Stattdessen will er noch mehr ins Detail gehen. Er arbeitet bereits an einem neuen Projekt, bei dem Airbags eine zentrale Rolle spielen. Bis Ende Oktober wird sein Werk in der Galerie Soon Art in Bern (Schweiz) gezeigt, weitere Ausstellungen sind in Planung.

Mehr Infos  www.pamcrash.ch

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ReportageCrashtestAusgabe 10/2013

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