Test Skoda Octavia RS Combi 2.0 TSI DSGWenn Räume fliegen lernen

Florian Neher

 · 05.07.2021

Test Skoda Octavia RS Combi 2.0 TSI DSG: Wenn Räume fliegen lernen

Kraftsport mit Köpfchen: Der neue Skoda Octavia Combi RS 2.0 TSI vereint in bewährter Manier GTI-Fahrleistungen mit Baumarkt-tauglichen Raumverhältnissen

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Foto: Jan Bürgermeister

Vor 20 Jahren ging´s los: Skoda präsentierte den ersten Octavia RS. Der aus dem Audi TT beziehungsweise VW Golf GTI bekannte, 180 PS starke 1,8-Liter-Turbobenziner verschaffte der ersten Generation Octavia einen gewaltigen Leistungs- und Imageschub. Neben den üblichen Verdächtigen süddeutscher Provenienz mischten nun immer mehr Limousinen und Kombis tschechischer Produktion die linke Autobahnspur auf. Seither ist der RS fester Bestandteil der Octavia-Preisliste und wird nach wie vor am liebsten als Combi bestellt. Nicht ohne Grund, denn die Mischung aus GTI-Fahrleistungen, Baumarkt-tauglichem Laderaum und hohem Reisekomfort ist einfach bestechend – oder „simply clever“, so der Marken-Claim von Skoda. Mit jeder Generation RS wurde die Leistung der Otto- und Dieselmotoren moderat angehoben – immer mit Rücksicht auf die Konzernbrüder, schließlich sollte der fair eingepreiste Octavia RS seine Verwandtschaft nicht gänzlich kannibalisieren.

Beim aktuellen Octavia Nummer vier hat man nun die Wahl zwischen dem Marathonläufer RS 2.0 TDI mit 200 PS, dem Kombinierer RS iV mit 245 Hybrid-PS sowie dem Sprinter RS 2.0 TSI mit 245 reinrassigen Verbrenner-Pferdchen. So unterschiedlich die Antriebskonzepte auch sein mögen, rein äußerlich punkten alle RS mit dem neuen kantig-dynamischen Skoda-Design, angereichert um RS-spezifische Details, wie den angriffslustigeren Front- und Heckschürzen und den roten Bremssätteln. Zudem sind Außenspiegel, Zierleisten, Kühlergrill und Heckspoiler (Limousine) beziehungsweise Dachreling (Combi) in hochglänzendem Schwarz gehalten.

Gutes Aussehen alleine beeindruckt uns jedoch nur mäßig, drum prüfen wir den Octavia Combi RS 2.0 TSI DSG jetzt auf Herz und Nieren. Da wäre zum Beispiel die Disziplin 0-100 km/h: Das Werk verspricht 6,7 Sekunden für den Standardsprint. Ein Druck im Dynamic-Modus auf die ESC-Taste, und die Launch Control ist scharf; jetzt den linken Fuß auf die Bremse, das putzige Shift-by-wire-Hebelchen auf „S“ geschnippt und rechts voll durchgetreten. Die Drehzahl regelt sich auf 4.200 Touren ein, nach Lösen der Bremse stürmt der Skoda mit von der Traktionskontrolle ideal dosiertem, leichtem Schlupf nach vorn. Unser Display zeigt – Sie haben es erraten – exakt 6,7 Sekunden. Aber, jahreszeitlich bedingt, auf Winterreifen – bei freundlicheren Temperaturen und mit Sommerreifen geht das noch fixer. Nicht übel für einen rund 1,6 Tonnen schweren Fronttriebler, dessen Kombiheck die Gewichtsverteilung im Vergleich zur Limousine etwas nach hinten verschiebt, was für die Traktion eher ungünstig ist. Tatsächlich kämpft der RS TSI beim vollen Herausbeschleunigen aus engen Kurven bisweilen mit Traktionsproblemen – woran auch die serienmäßige elektronisch geregelte, mechanische Differenzialsperre im Grundsatz nichts ändern kann. Irgendwie schade, dass es nur den Diesel-RS auf Wunsch mit Allradantrieb gibt.

Der 245-PS-TSI verleiht dem Combi Flügel

Dennoch sind neben der Beschleunigung auch die gemessenen Elastizitätswerte sehr erfreulich und bestätigen den subjektiven Eindruck eines sehr bärigen Durchzugs der 370 Nm, die der auch im Golf GTI verbauter Zweiliter-TSI des Typs EA888 Evo4 zwischen 1.600 und 4.300 Touren bereitstellt. Hohe Drehzahlen scheut er ebenfalls nicht, schüttelt bei Bedarf locker 6.500 Touren aus dem Ärmel. Und so marschiert der Sportkombi stramm über die 200-km/h-Marke und puffert nach etwas Anlauf geschmeidig in den 250-km/h-Begrenzer. Den wenig überzeugend klingenden, künstlich generierten Motorsound – im Fahrmodus „Comfort“ noch harmlos, in „Normal“ bereits sehr präsent und in „Sport“ recht aufdringlich – halten wir allerdings für entbehrlich. Auf Knopfdruck lässt er sich aber deaktivieren.

Das um 15 Millimeter tiefere RS-Fahrwerk, beim Testwagen mit der im Ausstattungspaket „Reise & Komfort“ (1.360 Euro) enthaltenen stufenlos einstellbaren Adaptivdämpfung DCC, hält mit den Fahrleistungen locker mit und sorgt auch noch bei Höchstgeschwindigkeit für eine vertrauenerweckende, satte Straßenlage. Woran auch die beim RS serienmäßige, sehr direkt übersetzte Progressivlenkung nicht ganz unschuldig ist, denn sie arbeitet äußerst präzise, sehr leichtgängig und mit ausreichend Rückmeldung. Die Federung ist von straffer Grundnote, was sich in einem etwas hölzernen Abrollen bei langsamem Tempo bemerkbar macht; mit steigender Geschwindigkeit allerdings wird das Set-up immer schlüssiger. Auf der Landstraße scharf bewegt, darf es auch mal der Sportmodus sein, der die Dämpfer ordentlich versteift und die Seitenneigung auf ein Minimum reduziert. Über die stufenlose Dämpferverstellung lässt sich sogar ein noch härteres Set-up wählen, das allenfalls für topfebene Rennstrecken empfehlenswert ist.

Doch das Schnellfahren ist nur ein Talent des vielseitigen Octavia Combi RS. Seinen vielleicht noch größeren Trumpf spielt er mit seinem für die Klasse überragenden Platzangebot aus, das im Vergleich zum Vorgänger in Fond und Kofferraum noch einmal zugelegt hat. Vier große Menschen finden problemlos Platz, vorn wie hinten gibt es in Sachen Bein-, Kopf- und Ellenbogenfreiheit überhaupt nichts zu mäkeln.

Und dann ist da noch der regulär schon 640 Liter fassende Kofferraum, der bei umgelegter Rückbank und dachhoher Beladung sogar bis zu 1.700 Liter schluckt. Das im Testwagen verbaute „Komfort & Relax“-Paket (920 Euro Aufpreis) mit Drei-Zonen-Klimaautomatik, Schlafkopfstützen für die hinteren äußeren (beheizten!) Sitzplätze sowie Sonnenschutzrollos für die hinteren Seitenscheiben stempeln den RS Combi vollends zum schnellen Reisewagen für Business und Familie. Wenn dann noch wie im Testwagen die exzellenten Ergo-Sportsitze mit Massagefunktion zu 1.790 Euro (nur in Verbindung mit Memoryfunktion sowie Spurwechsel- und Ausparkassistent zu 460 Euro) verbaut sind, verlieren lange Strecken endgültig ihre Schrecken.

Zentraler Touchscreen mit vielen Untermenüs

So schick und modern das serienmäßige Digitalcockpit und der zentrale 10,2-Zoll-Touchscreen aussehen mögen, sie verlangen leider mehr Aufmerksamkeit als dem Fahrer oft lieb ist. Immerhin gibt es unterhalb des Zentralmonitors und des beleuchteten Sliders, mit dem man Lautstärke oder Kartenzoom verändern kann, noch eine Reihe Direktwahltasten für einige Basisfunktionen. Serienmäßig an Bord ist auch das Musiksystem Bolero mit DAB-Radio, Sprachsteuerung sowie kabelloses Apple CarPlay und Android Auto, zudem eine induktive Lademöglichkeit für Smartphones und diverse Online- sowie Remote-Funktionen. Das empfehlenswerte Navigationssystem Columbus kostet 1.410 Euro Aufpreis, das Canton-Soundsystem mit zwölf Lautsprechern 740 Euro.

Die Preise für den Octavia Combi RS 2.0 TSI mit Handschaltung starten bei 39.810 Euro, mit DSG werden mindestens 40.410 Euro fällig. Der gut, aber längst nicht voll ausgestattete Testwagen kam auf knapp 50.000 Euro – viel Geld für viel Auto.