Porsche-MenschenRüdiger Mayer – Riechen. Tasten. Lesen.

Christian Lamping

 · 23.03.2023

Porsche-Menschen: Rüdiger Mayer – Riechen. Tasten. Lesen.Foto: Frederik Laux
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Rüdiger Mayer atmet Bücher, inhaliert sie. Schon in jungen Jahren vermischt sich literarische Leidenschaft mit Zuffenhausener Luft – dieser Junge will alles wissen über Porsche. Ein halbes Leben später zeigt er seine Sammlung, zum ersten Mal: 700 Porsche-Bücher, vollkommen abgeschirmt von all dem digitalen Lärm.

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Foto: Frederik Laux

Reutlingen. Rüdiger Mayers Bibliothek scheint verschmolzen mit dem, was normale Menschen eine Diele, ein Wohnzimmer, eine Küche nennen würden. Bücher überall, Regale noch und nöcher. Seine Wohnung ist die Bibliothek. Nur ein Zimmer hat er reserviert – für seine Porsche-Heiligtümer. Spezialfolie an allen Fenstern sorgt dafür, dass sich die Farben nicht verflüchtigen. »Schon meine Eltern haben Kunstbände gesammelt, selbst viel reproduziert«, erzählt er. »Bei uns daheim gab’s immer Bücher, so bin ich aufgewachsen.« Zudem gab’s jenen prominenten Rennstall um die Ecke, orange, gehörntes Sponsorenlogo auf der Haube: Max Moritz Racing Team hieß der. »In den 70ern ein Faszinosum. Als Kind bin ich immer rübergelaufen, hab mir die Nase an der Scheibe plattgedrückt – mein erster Kontakt mit Porsche, vermutlich der berühmte Funke.«

»Schon meine Eltern haben Kunstbände gesammelt, selbst viel reproduziert. Bei uns daheim gab’s immer Bücher, so bin ich aufgewachsen.«

Mit 14 Jahren dann das erste Buch, der Grundstein: »Porsche«, Chris Harvey als Verfasser. »Eigentlich 08/15, katastrophale Bilder, ein Sammelsurium typisch für die 80er. Das Teil musst du einrahmen, so einen schlechten Umschlag kriegst du heut nicht mehr zu sehen.« Mayer lacht und weiß, wovon er spricht. Mittlerweile leitet er sein eigenes Unternehmen, produziert selbst Medien aller Art. Und abends, wenn Ungläubige anspruchslos Romane lesen, huldigt dieser Jünger lieber seinem Gott: »›Das große Buch der Porsche Typen‹, das ist meine Porsche-Bibel, davon hab ich jede Auflage. So viele Zahlen, Daten – das kann sich kein Mensch merken.« Mayer geht es um die Typen hinter den Modellen, ihre Geschichten. Auch »911 Love« beansprucht deshalb einen Ehrenplatz, weit vorn vor nüchtern-technisch angelegter Konkurrenz: »Ich war so vernarrt in die großformatige Version, dass ich mir direkt drei Bände leisten musste. Nur 50 Stück gibt’s davon, alle vergriffen.«

Rund 700 Porsche-Bücher umfasst die Sammlung. Mit Vorliebe vertieft sich Mayer in verschiedene Auflagen, um Entwicklungen nachzuvollziehen. Sogar japanische Exemplare sind dabei: »Die Japaner bauen ihr Haus im Zweifel um das Auto herum. Da gab es einen Typen namens Matsuda, der hatte eine unglaubliche Porsche-Sammlung. Dazu sind einige Bücher entstanden. Ich weiß, dass Ferdinand Porsche gern bei ihm vorbeigeschaut hat. Einige Autos von Matsuda stehen heute in Zuffenhausen oder gehören Leuten wie Jerry Seinfeld.«

»›Das große Buch der Porsche Typen‹«, das ist meine Porsche-Bibel, davon hab ich jede Auflage. So viele Zahlen, Daten – das kann sich kein Mensch merken.«

Auf der Jagd nach fehlenden Trophäen ist Mayer Stammgast bei der L.A. Lit and Toy Show. An der US-Westküste treffen sich all jene, die dem Porsche-Sammelwahn anheimgefallen sind. Neben der Show ist es der Dunstkreis von Flohmärkten und Restaurateuren, die Kleinodien zutage fördern. Und die werden gerne mal getauscht: »Deswegen hab ich kaum Klamotten eingepackt, wenn’s rüber geht über den Teich.« Mayer knüpft Beziehungen, lernt Gleichgesinnte an Hotelbars kennen. Auch deswegen, weil online oft gewuchert wird. »Manchmal sieht man ein Buch für 600, 800 Dollar im Netz. Und dann gibt’s das plötzlich auf einem Flohmarkt um die Ecke, in irgendeinem Antiquariat für 30.«

Beim Stöbern in seiner Sammlung kommen selten Exemplare zum Vorschein, die Mayers Fetisch deutlicher materialisieren als jenes: »Porsche. Der Weg eines Zeitalters« von Herbert A. Quint – eines der ältesten in seinem Besitz. »Das ist von 1951. Je abgegriffener, desto schöner. Wenn ich ein Buch in die Hand bekomme, mache ich zuerst den Riechtest. (atmet tief ein) Dann geht’s mir gut, das ist wie eine Droge. Schon früher in der Schule war das so, wenn der Lehrer mit den frisch kopierten Blättern in die Klasse kam. Erst nach dem Geruch kommt die Haptik. Und irgendwann guck ich dann auch mal rein.« Und das Reinschauen, es lohnt sich. Nicht nur beim nächsten Exemplar, auf dessen ersten Seiten Ferry Porsche unterschrieben hat: »Dem Verfasser meinen Dank«, ließ der Gründer-Sohn in der »Porsche Story« von Julius Weitmann wissen. Gleich daneben Ferdinand Piëch, der seine »Glückwünsche zu diesem außergewöhnlichen Buch« zum Ausdruck brachte. Außerdem auch Peter Falk – 1965 Beifahrer von Herbert Linge bei der Rallye Monte Carlo, dem Renndebüt des Porsche 911 –, dessen Worte nicht mehr zu entziffern sind. »Ich wusste vor dem Kauf, dass es unterschrieben war«, witzelt Mayer. »Ich wusste nur nicht, von wem. Der Verkäufer hat die Tragweite vermutlich nicht ganz nachvollzogen.«

Stellt sich die Frage nach dem Wertvollsten im Club – »›liebe zu ihm‹ von Hermann Lapper, 1960 erschienen«, sagt Mayer ohne Zögern, »das Teil wird gesucht wie die Blaue Mauritius.« Eine Art Prototyp sei der Band für alles, was danach noch kam. Das Originalmaterial liege nur noch fragmentarisch vor, von den Eigentümern teils verkauft. Immerhin drei Stück befinden sich in Mayers Besitz. Ein belgischer Sammler-Freund, der habe bereits acht davon, »den will ich überholen.«

Es dauert lange, bis sich der Schwabe festlegt. Ein Lieblingsbuch? – Klar, da sei das kleinste Porsche-Buch von merky. Und das größte von René Staud, »911 Millenium«. Plötzlich steht Mayer noch mal auf, geht zurück in seinen Porsche-Schrein und zieht ein weiteres heraus: »Porsche 959« von Jürgen Lewandowski. »Das hat den emotionalsten Wert für mich. Ein Buch so wie das Auto, streng limitiert. Und mit 16 Jahren das erste wirklich teure, das ich von meinem Taschengeld gekauft hab.« Der Kreis, er schließt sich, als Mayer sich hineinvertieft: »Im Max-Moritz-Ausstellungsraum stand irgendwann mal dieser 959, der die Paris−Dakar zuvor gewonnen hatte – mitsamt Saharasand, alles war voll davon. Später dann Butterkuchen für die Party auf dem Wagendach. Den Anblick, den vergess ich nie.« :::