Porsche WeltweitIsrael – Porsche unter Palmen

Agnes Fazekas

 · 04.11.2022

Porsche Weltweit: Israel – Porsche unter PalmenFoto: Jonas Opperskalski
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Eigene Autos produziert Israel nicht, und Neuwagen sind teuer. Die Lösung ist so einfach wie wunderbar: Die Israelis haben den Porsche 944 – Verzeihung: den Porsch 944 – für sich entdeckt.

Instagram statt Instamatic: Die Achtziger hat der Besitzer dieses 944 nicht miterlebt. Damals gab es schließlich kein Instagram, um ihn ins rechte Licht zu rücken. Heute verweist das Logo am Heck auf den Channel.
Foto: Jonas Opperskalski

Viel Publikum hat Yaroslav Stepanov an diesem Nachmittag nicht, als er über die Hafenpromenade jagt, die ein bisschen so wirkt wie eine vergessene Landebahn mit ziemlich krumm aufgemalter Mittellinie. Er stoppt direkt vor den im Mittelmeer schaukelnden Yachten. Die Marina im Norden Tel Avivs ist einer seiner Lieblingsspots, um sein Auto für Instagram zu fotografieren. @yaros__love – ein Schriftzug unter den eckigen Rücklichtern verweist auf seinen Kanal, in dem der Transaxle seit einiger Zeit eine zunehmende Rolle spielt. Den Motor lässt er laufen. Die Batterie schwächelt. Der kleine Junge, der gerade noch nur Augen hatte für die Luxus-Boote auf der anderen Seite, ist begeistert. »Ein Porsch«, erklärt ihm der Vater, und Yaroslav grinst. »Die Israelis sprechen es alle falsch aus. Aber immerhin. Er erkennt es. Die meisten halten mein Auto für einen Ferrari.« Ob es am knalligen Rot seines 944 Turbo liegt? Im nahöstlichen Klima setzen die meisten Autobesitzer lieber auf helle Lacke, und selbst die schlagen oft noch Blasen von der sengenden Hitze.

Verlagssonderveröffentlichung

»Ich glaube, es sind die Klappscheinwerfer und dieser ganze ikonische 80s-Style!«, antwortet Yaroslav auf die Frage, warum ihn gerade dieser Porsche so fasziniert. Eine Ära, die er mit seinen 29 Jahren nicht miterlebt hat. Und doch versetzt ihn der 944 in nostalgische Stimmung mit seiner kantig-charakteristischen Karosse und dem Geruch von altem Leder, denn aufgewachsen ist der Israeli in der Ukraine, wo gefühlt alles ein bisschen später geschehen ist und wo der Vater ihn den alten Lada über die Dorfstraßen steuern ließ. »Mit einem dicken Kissen unter dem Hintern«, Yaroslav lacht. Aber es gibt da auch noch einen ganz praktischen Grund für seine Autowahl: Einen neuen Porsche vom Händler kann sich in Israel wirklich nur ein Yachtbesitzer leisten. Dafür ist die private Einfuhr eines Sammlerstücks relativ günstig – seitdem die Gebrauchtwagenmärkte Europas und der USA nur ein paar Mausklicks entfernt liegen. In Yaroslavs Fall war es vor sechs Jahren sogar nur ein Klick.

Damals jobbte der Börsenmakler noch als Kellner. Statt wie seine Altersgenossen für einen Indien-Trip zu sparen, um sich den Armeedienst aus dem Sinn zu feiern, wollte er in einen Sportwagen investieren. »Der 944 ist ein zuverlässiger Klassiker, und damals gab es die Turbos noch zu einem moderaten Preis.« Ein halbes Jahr hatte er für die Recherche im Netz eingeplant. Ein Modell von 87 wäre dann genau 30 Jahre alt und per Definition: ein Sammlerauto. »Ich war ein bisschen betrunken, sehr mutig oder sehr dumm«, erinnert er sich. Eigentlich hatte er nach der Spätschicht nur eine neue Handy-Hülle auf Ebay kaufen wollen. Stattdessen erstand er in dieser Nacht den ersten 944 Turbo, der in der Suchmaske auftauchte. Schon ein bisschen verrückt, zumal er einfach nur die Form liebte, aber von der Technik nichts wusste. Erst nach Monaten entdeckte er, dass das Getriebe hinten sitzt. Inzwischen weiß er, dass er ein echtes Schnäppchen geschlagen hat: »Für 6.500 Dollar bekommt man heute nur noch einen Totalschaden.« Sein 944, der sich damals noch in Chicago befand, benötigte hingegen nur ein wenig Liebe.

»Rechev Asfanut – Sammlerauto«, so steht es jetzt auf dem Nummernschild. Damit zahlt man nur einen Bruchteil der Versicherungsprämie, darf dafür aber unter der Woche zwischen 7 und 9 Uhr nicht hinters Steuer. Der Pendler wegen. Ein guter Deal, findet Yaroslav. Auch die Polizei zeige sich stets gnädig mit den Sammlern, versichert der Porsche-Fan. In einem Staat, der selbst keine 75 Jahre zählt und in dem das letzte selbst gebaute Auto 1980 vom Band lief, beeindrucken Oldtimer Kinder und Staatsmacht gleichermaßen. Zudem kann man sich gut vorstellen, wie der stets charmante Yaroslav die Beamten um die Finger wickelt. Ein bisschen fachsimpelt über das Targadach oder die Turbotechnik oder das Autogramm von Magnus Walker an der Tür. Da kann man über eine kreative Auslegung der bestehenden Straßenverkehrsordnung hinwegsehen. Wie zum Beweis schlängelt sich Yaroslav durch den Feierabendverkehr, um dann mit 140 die Autobahnauffahrt zu nehmen. Spontane Spurwechsel in beide Richtungen, das ist hier Standard. Allerdings nicht in diesem Tempo. Dabei gehe es beim 944 gar nicht um die Beschleunigung, sagt Yaroslav. Als er den Porsche kaufte, wohnte er noch im Norden, in der Stadt Safed, deren Höhenlage schon die Kreuzfahrer nutzten, um dort eine Festung zu errichten. Dort in den grünen Hügel Galiläas bewies sich gleich in seinen ersten Tagen bei Yaroslav seine perfekte Kurvenlage.

Über das erste Leben seines Autos konnte er bis heute nicht sehr viel in Erfahrung bringen, doch bevor der Porsche vor seiner Haustür stand, verband ihn schon eine eigene Geschichte mit seinem Spontankauf. Er musste den Transport von Chicago nach New Jersey organisieren, einen Schiffscontainer buchen und eine Import-Lizenz besorgen, den Kaufpreis belegen – um dann schließlich 117 Prozent Steuern auf alles zu zahlen. Dass sein Porsche schon zweimal den Kontinent gewechselt hatte, machte es nicht einfacher. Auf dem Motor stand noch die deutsche Produktionsnummer, auf dem Fenster die für den US-Import. Die israelische Zoll-Behörde wollte einen Beleg, dass es sich um dasselbe Auto handelte. Also durchsuchten sie für ihn in Stuttgart die Archive. Viermal fuhr er quer durch Israel zum Hafen nach Aschdod. Pünktlich zu seinem Geburtstag überzeugte er den Zollbeamten. Happy Birthday! Heute geht das auch einfacher: Die Firma Ushops Motors nimmt Kunden zwar nicht die Recherche ab, dafür aber die komplizierte Logistik. Über die Website sucht man direkt auf dem amerikanischen Ebay-Portal und kann sich eine Preisschätzung geben lassen, die Transport, Steuer, Registrierung und den Zustand des Fahrzeugs berücksichtigt. Geschäftsführer Yaron Ben-Eli kam die Idee zu dem Portal, als er selbst auf der Suche nach einem 911er war.

Das hilft heute vielen Sammlern weiter, doch als es um Yaroslavs 944 und seine Reise nach Israel ging, eben noch nicht. »Der Prozess war anstrengend, aber auch unheimlich aufregend«, resümiert er. Ganz was anderes, als einfach zum Händler zu gehen. Und dann natürlich das Friemeln am Auto, bis es den satten Sound und diese ruhige Straßenlage hatte. Einiges traut Yaroslav sich selbst zu, immerhin hat er in der Armee als Mechaniker F16-Kampfflieger gewartet. Anderes wiederum ist so speziell, dass ihn sogar professionelle Werkstätten abwiesen. Gerade erst waren es die Bremsen. »Eigentlich noch super, aber nach 35 Jahren will man doch auf Nummer sicher gehen.« Überhaupt sei es nicht einfach, einen ehrlichen Mechaniker zu finden. »Die sehen Porsche und denken: Jackpot!« Das andere Problem sind Ersatzteile, die ewig im Zoll hängen bleiben. Besonders Angst hat er um die markante Heckscheibe. Die findet er so schick, dass er den Wischer abmontiert hat. In Israel regnet es sowieso nur im Winter. Ein praktischer Grund für die Ästhetik der puren Form.

Schon bevor er seinen 944 endlich selbst fahren durfte, hatte ihn der israelische Porsche-Club aufgenommen. »Damals waren das nur 944- und 928er-Fahrer, die 911er hatten ihren eigenen Club und sahen auf uns herab.« Doch dann bekamen einige »911er« Wind davon, dass die Underdogs ihre Autos nicht nur in der Garage bewundern, sondern auch richtig fahren – und schlossen sich an. Inzwischen hat der Porsche Classic Club um die 100 Mitglieder, nur rund die Hälfte davon fährt den 944. Und es geht in diesem Club nicht nur ums Fahren: »Wir haben ein riesiges Excel-Dokument mit Bildern von all unseren Ersatzteilen.« Dazu kursieren Dateien für 3D-Printer, um Plastikteile nachzudrucken, und wer etwas mehr Ahnung hat, hinterlegt selbst produzierte Tutorials. Die Szene weiß sich zu helfen und hilft sich gern. Vieles ist nicht einfach zu beschaffen, das schweißt zusammen.

Und so sammeln sie Meilen und Momente: Im letzten Frühjahr fanden sich zum Beispiel 20 Mitglieder für eine Tour durch ganz Israel zusammen. »Vom Ski-Ressort in die Wüste, durch drei Klimazonen in drei Stunden«, schwärmt Yaroslav. Eine 1.200-Kilometer-Rundfahrt in zwei Tagen von der Grenze zum Libanon bis ans Rote Meer. In der Nacht zelteten sie am tiefsten Punkt der Erde, dem Ufer des Toten Meers. Und natürlich wurde dort, typisch israelisch, ausführlich gegrillt. Was für ein Schauspiel die vornehmlich rote Porsche-Karawane gewesen sein muss, zeigte sich in all den Fotos, die Yaroslav über die sozialen Medien erreichten. Was ihn besonders beeindruckte: Keines der Autos hatte eine Panne. Ab und an traut er sich sogar auf die Rennstrecke mit dem 944. Die anderen Fahrer mit ihren neuen Sportwagen machten dann immer große Augen.

Nicht nur mit Ersatzteilen hilft man sich aus in Israels Porsche Classic Club. Yaroslavs Vater und sein Bruder lebten in der Ukraine, als der Krieg ausbrach. Mit viel Glück schafften sie es zu ihm nach Israel. Die Mitglieder überschlugen sich mit Hilfsangeboten. »Das ist eigentlich das Schönste an unserem Club«, findet Yaroslav: »Es geht nicht darum, welches Auto lauter oder schneller ist.« Über ihre Leidenschaft verschwinden die Grenzen. Ein Mitglied aus Ost-Jerusalem bringe immer mal palästinensische Kumpels mit, sagt Yaroslav: »Sie sprechen kaum Hebräisch, aber über die Autos haben wir eine gemeinsame Sprache.«

Yaroslav hält noch mal am Straßenrand, gemeinsam verstauen wir das Dach im Kofferraum. Die warme Luft drückt uns jetzt noch tiefer in die patinierten Ledersitze. Die Sonne schmilzt schon fast ins Mittelmeer, als wir am Aussichtspunkt über der Klippe halten. Vor der alten Moschee glüht der Porsche mit dem Himmel um die Wette. Manchmal, wenn er hier ist, kommen Leute vorbei und bewundern seinen »Porsch«. Doch an diesem Abend interessiert sich nur ein älterer Mountainbiker für den 944. »Das ist aber kein Parkplatz«, schimpft er. Yaroslav grinst. Manches ist doch überall gleich.