VergleichstestSkoda Scala 1.5 TSI vs. VW Golf 1.5 TSI – Gefahr für den Klassen-Primus?

Martin Santoro

 · 17.02.2022

Vergleichstest: Skoda Scala 1.5 TSI vs. VW Golf 1.5 TSI – Gefahr für den Klassen-Primus?Foto: Jan Bürgermeister

Als Golf-Alternative hat Skoda vor bald drei Jahren den pfiffigen Scala ins Rennen geschickt. Der praktisch veranlagte Tscheche überzeugte bereits in zahlreichen GF-Tests. Doch wie schaut es im Direktvergleich mit dem Bestseller aus Wolfsburg aus? Zum Test baten wir die 1.5-TSI-Derivate

Der König der Kompaktklasse heißt VW Golf. Seit bald fünf Jahrzehnten beißt sich die Konkurrenz an ihm die Zähne aus. Unterm Strich ist der Wolfsburger aufgrund seiner überragenden Allround-Talente einfach nicht zu schlagen. Nur beim Preis, da lässt er sich packen. Die aufwendige Technik und die reichhaltige Serienausstattung fordern ihren Tribut. Günstiger kommt da etwa ein Scala aus dem Hause Skoda. Zudem verstehen es die Tschechen recht geschickt, mit ihren Autos wahre Raumwunder auf die Räder zu stellen.

Verlagssonderveröffentlichung

Wagen wir an dieser Stelle den Vergleich des Scala mit dem Golf. Der hat doch sicher keine Chance? Ok, gewinnen wird er wahrscheinlich nicht. Schließlich teilt sich der Scala die MQB-Plattform A0 mit dem kleineren Fabia und ist somit technisch mit dem Polo verwandt. Der Golf dagegen greift in die Vollen, bedient sich wie Audi A3 und Skoda Octavia an der größeren und weiterentwickelten Plattform MQB Evo.

Daher lautet die Frage in diesem Vergleich: Wie nah kann der Scala an den Golf heran reichen? Kann sich der Tscheche im Oberhaus der Kompakt-Klasse gegenüber dem weiter gereiften Platzhirsch behaupten und was kann er vielleicht sogar besser? Denn ein gutes und ausgereiftes Auto ist auch der Scala, was bereits zahlreiche Einzeltests zeigten. Auch im letzten Vergleich mit dem Golf hat er als Novize einen sehr erwachsenen Eindruck hinterlassen. 2019 ist er allerdings noch gegen den Golf 7 angetreten, beide mit dem 150 PS starken 1.5 TSI – heute noch die Topmotorisierung beim Scala. Beim neuerlichen Duell gegen den Golf der Generation acht fiel die Wahl der Motorisierung erneut auf den Vierzylinder-Turbo mit Zylinderabschaltung, diesmal natürlich sauber nach Euro 6d AP. Dazu kommt hier wie dort eine Sechsgang-Handschaltung. Die DSG-Automatik ist derzeit alternativ aber nur beim Scala gegen Aufpreis (1.900 Euro) zu haben.

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Foto: Jan Bürgermeister

Alle Motordaten wie auch das Drehmoment von 250 Nm ab 1.500/min sind identisch, weshalb die Werte in Sachen Fahrleistungen und Verbrauch eng beieinander liegen. Den Standardsprint aus dem Stand auf Landstraßentempo absolviert der mit 1.330 Kilogramm um 40 Kilo schwere Volkswagen in 8,5 Sekunden ein Zehntel schneller – der Golf ist in den kleinen Gängen kürzer übersetzt. Zur flotten Hatz muss der Scala-Pilot daher früher zum Schalthebel greifen, was aber nur im direkten Vergleich auffällt. Das Überholen von 80 auf 120 km/h ist mit beiden in unter sechs Sekunden zu schaffen. Auch bei höheren Tempi gehen die frontangetriebenen Kandidaten nachdrücklich voran, liegen letztlich bei der Topspeed auf der Autobahn mit 224 km/h gleich auf. Bei der Elastizitätsmessung zieht der Skoda in den hohen Gängen aufgrund seiner dort kürzeren Übersetzung dann spürbar davon. Die Getriebe-Abstufung passt hier wie dort, ebenso wie die Präzision und Leichtgängigkeit beim Schalten der sechs Gänge.

Auch beim Verbrauch gibt es keinen Grund zur Klage, beide Modelle sind bei der gebotenen Leistung erfreulich sparsam. Im normalen, gemischten Alltagsbetrieb kommt man mit durchschnittlich 6,5 (Golf) beziehungsweise 6,4 (Scala) Liter auf hundert Kilometer über die Runden. Vorausschauend bewegt sind hüben wie drüben Schnitte im Fünfer-Bereich drin.

Sparsame Kontrahenten

Das Fahrwerk des Skoda ist tendenziell komfortabel ausgelegt, das Geräuschniveau angenehm gedämmt – ganz so, wie man es sich auf langen Reisen wünscht. Dazu passen auch die leichtgängige und doch mitteilsame Lenkung sowie die fest zupackenden Bremsen. Sein fein austariertes Fahrwerk verleiht ihm Freude spendende Agilität, erst recht im strafferen Sport-Modus der optionalen SCC-Dämpfer: Lange bleibt der Skoda neutral ehe er zum Untersteuern neigt. Wer es übertreibt, wird vom ESC sicher wieder eingefangen.

Kein Vorbeikommen am Golf

Nun der Golf, der gerade in den Fahrdisziplinen zeigt, warum er die Messlatte seiner Klasse ist. Der Bestseller beeindruckt bei hohem Tempo mit einem noch satteren und ruhiger liegenden Aufbau, der lange wie kurze Wellen souverän pariert. Selbst grobe Straßenschäden bei langsamer Fahrt werden von seinem Setup kompetent ausgeglichen. Neben der meisterlichen Abstimmung punktet der Golf mit zwei Fahrwerksjokern: Ab 150 PS bekommt er eine aufwendige Vierlenker-Hinterachse, während sich der Skoda mit einer Verbundlenker-Achse begnügen muss. Obendrein tritt der Test-Golf mit optionalen Adaptiv-Dämpfern an. Beim DCC-

System wird die Dämpfung radselektiv individuell zigfach pro Sekunde angepasst, wohingegen das SCC-
Optionsfahrwerk des Scala nur eine einfache, zweistufige Dämpferverstellung ohne Regelung erlaubt – kein Vergleich zur der Feinfühligkeit des DCC. Dazu agiert die optionale Progressivlenkung des Golf noch direkter, vermittelt mehr Rückmeldung als das Scala-Pendant. Dynamisch in Kurven bewegt, klingt hier schon fast die Freude eines GTI an, wo der Scala dann doch etwas wankintensiver rüber kommt.

Der Scala zeigt seine wahre Größe

Bei der Raumbewertung schlägt die große Stunde des Scala, dessen Angebot zu den geräumigsten im Segment zählt. Vorn finden, wie auch im Golf, wirklich sämtliche Staturen üppige Bewegungsfreiheit vor. Überlegenheit zeigt der Scala bei der Kopffreiheit, während der Golf einen Hauch mehr Innenraumbreite gewährt und verlängerbare Oberschenkelauflagen bietet. Mehr noch beeindruckt allerdings der Beinraum im Fond, wo der Golf mit einer satten Handbreite Rückstand vor dem Scala kapitulieren muss.

Beindrucken können beide, die jeweils als Style antraten, in Sachen Sitzkomfort. Der Tscheche punktet mit tollen Sportsitzen aus dem vergleichsweise günstigen Dynamic-Paket (520 Euro). Sie warten mit sattem Seitenhalt auf und begünstigen durch die komfortable Polsterung ermüdungsarmes Reisen. Unabhängig von der bereits erwähnten großzügigen Beinfreiheit im Skoda sitzen zwei Fond-Reisende indes im Golf etwas besser. Seine gut konturierte Rückenlehne sorgt für eine entspannte Haltung bei längerer Beinauflage.

Dagegen zeigt der Scala wahre Größe beim Gepäckraumvolumen. 467 bis 1.410 Liter sind nicht nur in dieser Fahrzeugklasse aller Ehren wert und machen aus dem Skoda ein vollwertiges Familienauto, das auch vor anspruchsvollen Transportaufgaben nicht zurückschreckt. Zum Vergleich: Der Golf bringt es hier gerade einmal auf 380 bis 1270 Liter. Seine zweiteilig umklappbare Rücksitzlehne trumpft allerdings mit einer Durchreiche, die beim Scala fehlt und im Bereich der Variabilität Punkte kostet. Bei vollständig umgeklappten Rückenlehnen gibt es bei keinem der Autos eine völlig ebene Ladefläche. Die identischen Ladekantenhöhen von 655 Millimeter erweisen sich als angenehm rückenschonend.

Auch wenn der Golf nicht an die Geräumigkeit des Scala heranreichen kann, so gewinnt er souverän beim Kapitel Materialqualität und mit einem sauberen Finish im Interieur. Sämtliche Oberflächen wirken noch hochwertiger als beim Skoda, sind akkurat gefügt.

Darüber hinaus verfügt der Volkswagen über das deutlich umfassendere Arsenal an Assistenzsystemen, die das Fahren sicherer machen sollen. Neben dem serienmäßigen Notbremsassistenten mit Fußgänger- und Radfahrererkennung verfügt der Golf in der angelieferten Style-Ausstattung über den adaptiven Radar-Tempomaten ACC und sogar über die nach Level 2 teilautonome Fahrfunktionen mit dem Travel-Assist. Im Grunde genommen gibt es für den Kompakten aus Niedersachsen alles, was auch in den höheren Klassen beliebt ist. Während ACC und Verkehrszeichenerkennung beim Skoda zumindest in Optionspaketen gebündelt angeboten wird, gipfelt das Angebot bei Voll-LED-Scheinwerfern. Der Golf kontert mit adaptiver Matrix-Technologie (IQ.Light), die jedoch gleichfalls der Aufpreispflicht unterliegt.

Was uns zu den Kosten führt. So steht der günstigste Scala als Einliter-Dreizylinder-TSI in der 95-PS-Active-Basis mit minimal 19.250 Euro in der Preisliste. Unser 150 PS starkes Style-Topmodell kommt üppig ausgestattet ab 27.300 Euro zum Kunden. Volkswagen startet sein Preiskarussell bei 28.500 Euro für einen 130 PS-Golf Life mit dem 1.5 TSI-Vierzylinder. Unser Style-Testwagen mit 150 PS-Antrieb liegt bei 32.045 Euro.

Hier trifft mit dem Scala also ein solider, preisgünstiger und raumgewaltiger Allrounder auf den Chef im Ring in der Kompaktklasse, der final noch erwachsener wirkt, mit mehr moderner Technologie aufwartet und die längere Optionsliste bereit hält.


Test kompakt:

Pfiffig im Design, gut verarbeitet und mit opulentem Raumangebot ist der Skoda Scala mit seinem klasse Fahrverhalten eine preiswerte Alternative zum Golf. Mit Topmotorisierung reicht es gar zur Erstwagen-Empfehlung. Doch im Direktvergleich mit dem Wolfsburger zeigt sich auch, warum der Golf Referenz-Status genießt und auch diesmal nicht vom Thron zu stoßen ist. Materialwahl, Verarbeitung, Technik-Angebot und Fahrkomfort bewegen sich in einer höheren Liga.