TestAudi RS Q8 Quattro – Der Schöne und das Biest

Joshua Hildebrand

 · 18.12.2020

Test: Audi RS Q8 Quattro – Der Schöne und das BiestFoto: Hardy Mutschler

Man nehme einen Audi Q8 und verabreiche ihm einen 600 PS starken V8 – heraus kommt der konzentrierte RS Q8 mit einem Topspeed von über 300 km/h! Ein wahres Märchen …

Wer fährt so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Gute-Fahrt-Redakteur geschwind! Auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit durchqueren wir jede Menge Wald, düster und nebelverhangen. Es ein magischer Anblick, wenn sich das optionale Matrix-LED-Scheinwerferlicht unseres Audi an den mit Moos behangenen Baumstämmen bricht. Die Welt scheint uns zu Füßen zu liegen und ist in diesen Morgenstunden noch sehr verschlafen. Zumindest so lange, bis wir um die Ecke biegen …

Denn schon aus der Ferne kann vernommen werden, dass hier etwas ganz Großartiges unterwegs ist – stets untermalt von einem düsterem V8-Grollen. Vom Szenario außerhalb bekommen wir jedoch recht wenig mit, befinden wir uns doch in ihm wie in einer andere Sphäre. Noch dazu tönt der Lieblingssong aus den Bang-und-Olufsen-Lautsprechern (6.200 Euro). Ja, es passt alles zwischen dem kolossalen Audi RS Q8 und uns.

Verlagssonderveröffentlichung
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Foto: Hardy Mutschler

Audis sportlichster Q

Bereits nach wenigen Kurven hat er uns um den Verstand gebracht. Und das tut er immer und immer wieder. Er katapultiert uns in eine wunderbar überirdische, hinreißende Welt. Eine Welt zum Träumen, die aufgrund des Einstiegspreises von über 126.000 Euro nicht allzu vielen Menschen zugänglich ist. Schon sein Anblick lässt uns ehtrfürchtig werden: Groß, bullig, wunderschön! Sympathien, die auch mit einem gewissen Respekt verbunden sind. Während bereits das Basismodell des Q8

eine gewisse Autorität ausstrahlt, herrscht beim RS-Modell völliger Ausnahmezustand: Die größeren Lufteinlässe und der monumentale Okatgon-Singleframe-Grill werden flankiert von umlaufenden RS-Schwellern, sowie um zehn, respektive fünf Millimeter breitere Aufsatzleisten an den vorderen und hinteren Radhäusern – damit die breitere Spur samt Räder auch Platz finden.

Am Heck zeigen sich ein mächtiger Dachkantenspoiler, darunter markant leuchtende LED-Rückleuchten, eingerahmt von einem animierten LED-Lichtband. Absolutes RS-Erkennungsmerkmal ist der Diffusor mit doppelflutiger Abgasanlage. Carbon sowie das klanggewaltigere RS-Sportexemplar kosten übrigens extra. Ebenso die 23 Zoll großen Alu-Gussräder im 5-Y-Speichen-Rotor-Design. Zu groß? Nö. Für die gewaltigen Abmessungen eines RS Q8 sind diese genau richtig: über fünf Meter Länge, 2,20 Meter Breite (mit Spiegeln) und eine Höhe von 1,70 Metern lassen uns wahrlich in die Knie gehen.Wer trotz der puren Faszination nicht erstarrt ist und es dann endlich mal ins Innere geschafft hat, wird es vermutlich auch dort nicht mehr so schnell heraus schaffen. Nicht, weil er trotz Sportmodus SUV-typisch hoch zu besteigen ist. Sondern, weil sich die Themen Status und Luxus erst so richtig im Interieur entfalten. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land? Unser RS Q8! Der ist für jedes Luxus-Abenteuer bestens gerüstet: Extras wie Carbon-Dekoreinlagen, Alcantara-Dachhimmel, rote Ziernähte (RS Designpaket rot) sowie RS-Sportsitze in Leder Valcona kosten zusammen nochmal ein paar Tausender und adeln den

schärfsten aller Q8. Neben dem serienmäßigen Gefühl, über den Dingen zu stehen, gibt´s Platz en masse und ein Kofferraumvolumen von 605 bis 1.755 Litern gleich mit dazu.

RS-Dynamikpaket entfaltet vollen Zauber

Dass dieses SUV dabei mehr als 2,3 Tonnen auf die Waage bringt, lässt sich höchstens vermuten. Denn hinter dem Zauber des RS Q8 steckt auch jede Menge Hightech, welches ihn vollends zum RS auf Supersportler-Niveau hebt. Alles andere wäre auch inakzeptabel, um ehrlich zu sein. Da der RS Q8 sowohl das Superlativ der Q8- als auch der RS-Modellpalette ist, sind die Erwartungen jedoch besonders hoch.

Wer wirklich darüber nachdenkt, diesen Highend-Q zu kaufen, sollte wirklich nicht auf das RS-Dynamikpaket verzichten. Macht 13.257 Euro, rüstet das massige SUV mit einer aktiven Wankstabilisierung (eAWS), einem Sportdifferenzial sowie 10-Kolben-Keramikbremsen (v/h: 440 /370 mm) vollends zum leichtfüßigen Kurvenräuber auf. Generell ist der RS Q8 aber äußerst bekömmlich unterwegs und von Jedermann fahrbar. Das High- end-Fahrwerk trägt einen nicht erheblichen Teil dazu bei:

Konzipiert mit aufwendigen Fünflenker-Achsen (vorne und hinten) sowie der serienmäßigen Luftfederung samt adaptiver Dämpfern fährt er immer souverän. Und dank variabler Trimmlage bis zu 90 Millimetern qualifiziert er sich sogar für leichtes Gelände. Das Audi Drive Select wartet mit insgesamt acht Fahrprofilen samt Offroad-Modus auf und erlaubt eine vollumfängliche Spreizung der Fahrzeug-Charakteristik. Am elitären Komfort der Luxusklasse ändern weder die optionalen 23-Zoll-Rädern, noch der Dynamic-Modus etwas. Auch wenn die Abstimmung der Systeme im Vergleich zum normalen Q8 merklich sportlicher ausgelegt sind, werden Mitfahrer eher gepudert als auf die harte Probe gestellt. Das Luftfahrwerk macht in allen Belangen einen wunderbaren Job. Es besitzt eine variable Bodenfreiheit (je nach Einstellung) und arbeitet immer so sanft wie möglich, aber so straff wie nötig. Nicht zu vergessen sind auch die zwei RS-Modi, die nach Belieben im digitalen MMI mit eigenen Einstellungen belegt werden können. Über die RS-Mode-Taste am Lenkrad lässt sich dann schnell auf beide zugreifen.

Es ist schon bemerkenswert, wie gut sich das hohe Gewicht von 2,3 Tonnen dank technischer Raffinessen kaschieren lässt. Ähnlich agil wie bei einem sportlichen Kompakten brettern wir deshalb noch immer über hügelige Waldstraßen. Der rechte Daumen wählt den RS1-Mode, womit nun alle Zeichen voll auf Sport stehen. Es wird rasant, der Soundtrack dramatischer. Auf die lange Gerade folgt eine blitzschnelle S-Kombi, in die wir eigentlich viel zu schnell hinein stechen. Na, wenn das mal eine gute Idee war …

Narrensicheres Fahrverhalten

Wenn das Engelchen auf der Schulter sagt: „Mach langsam!“, das Teufelchen aber kontert: „Da geht noch was!“ – ja, dann weißt du, dass fahrdynamisch nicht mehr allzu viel Luft nach oben ist. Oder etwa doch? Tatsächlich hat der RS Q8 auch in solchen Situationen noch viele Reserven und einen großen Sicherheitspuffer. Zum einen zeigt er sich wegen der Allradlenkung und des Sportdifferenzials an der Hinterachse sehr agil, zum anderen bremsen die heftig zupackende Keramikstopper (fast) jeden Übermut. Immer ein wachendes Auge hat zudem das Fahrerassistenzsteuergerät. Das „zFAS“ ist das separate Gehirn für mehr als 30 Systeme (teils aufpreispflichtig) und steuert etwa den teilautonomen Fahrassistenten.

Der RS Q8 ist ganz weit weg von einem schwammigen, SUV-len Fahrverhalten. Das Anti-Wank-System, kurz eAWS, verdreht bei dynamischer Kurvenfahrt die Stabis dank Elektromotoren so gegeneinander, dass die Aufbaubewegungen der Karosserie auf einem Minimum reduziert werden – das ist sehr beeindruckend! Ein Lob gebührt auch der Lenkung, die dem Fahrer mehr Gefühl vermittelt als das „einfache“ Basismodell. Ein Umstand, der bei dieser Fahrzeuggattung nicht selbstverständlich ist. Verantwortlich hierfür sind steifere Gummi-Metalllager und einer direkteren Lenkübersetzung bereits in der Mittellage. Kommen wir nun zum Biest: dem 600 PS starken V8-Biturbo mit vier Litern Hubraum. Das RS-Q8-Aggregat ist ziemlich ähnlich zu jenem im RS6, erhält aber unter anderem größere Lader. Das erklärt auch, warum das maximale Drehmoment von 800 Nm 150 bis 200 Newtonmeter später anliegt als im Power-Kombi.

Überwältigende Power

Hat der Zeiger die magische Marke von 2.200 Umdrehungen erst einmal überwunden, ist die Hölle los: 3,8 Sekunden brauchen wir gerade einmal für den Sprint auf Tempo 100, die 200er-Marke ist binnen 12 Sekunden fällig. Und mit einem Topspeed von 305 km/h (dank RS- Dynamikpaket) avanciert er endgültig zur rasenden Schrankwand. Sensationelle Werte, wenn man bedenkt, welch Massen hier in Wallungen gebracht werden müssen. Stets begleitet von einem süchtig machenden V8-Orchester schiebt er voran, als wären zig Waldgeister hinter ihm her. Die Achstufen-Tiptronic mit Drehmomentwandler schaltet dabei annähernd verzögerungsfrei und beherrscht Launch-Control-Starts sowie effizientes Segeln.

Womit wir zum Schluss noch etwas für das gute Gewissen tun möchten: Bisher vorenthalten haben wir nämlich, dass der RS Q8 mit einem 48-Volt-Mild-Hybrid-System samt Riemen-Starter-Generator und aktiver Zylinderabschaltung (COD) vorfährt. Somit sind Segelphasen genauso möglich wie Fahrten mit nur der Hälfte der Zylinder, vor allem in Bereichen niedriger Last. Auch das funktioniert fast unmerklich und zeigt, wie schön alle Systeme miteinander harmonieren. Audi schafft es, den Verbrauch auf ein verträgliches Maß zu drücken – zumindest für jene Art von Fahrzeug. Wer ganz behutsam über Landstraßen rollt, der wird sogar einen Verbrauch von unter zehn Litern hinbekommen. Realistischer ist meist jedoch ein Wert darüber. So kamen wir bei unserer Verbrauchsrunde auf kombiniert 14,2 Liter Super Plus. Das braucht nicht zu schockieren, denn ein RS-Q8-Fahrer weiß, worauf er sich einlässt. Und er weiß auch, dass ein Biest gefüttert werden möchte. Wir korrigieren: ein überaus schönes Biest.